Aufgetischt: Wenn Werbung im Fernsehen wirkt
Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 16.06.2010
Die Rechnung, bitte
Karte: Internationale Rezepte von Spanien bis nach Thailand werden «eingeschweizert»
Preise: Mittelklasse bis gehoben. Mittags gibt es ein Menü für 19 Franken, am Abend kostet ein Hauptgang ca. 30 bis 40 Franken
Kundschaft: Oberländer aus der Gegend, aber auch Geschäftsleute auf der Durchreise, Fans, Städter und Touristen
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 11.30 bis 14 Uhr und von 17 bis 0.30 Uhr, am Samstag nur von 17 bis 0.30 Uhr
Adresse: Kirchgasse 15, 3800 Unterseen, 033 821 20 20, www.benacus.ch
Stichworte
Die laut Eigenwerbung «aufregende Symbiose von Bar, Lounge, Restaurant und Vinothek» ist kein Landgasthof mit Rösti, Geschnetzeltem und Cervelat-Salat – der Laden hat höchstens Cervelat-Prominenz zu bieten. Denn hier kocht Schudel, René Schudel. Seit einiger Zeit darf der Mann mit der markanten Brille zur besten Sendezeit im Schweizer Fenster von Pro 7 seinen «Funky Kitchen Club» vorführen. Das geht so: Prägende Figuren des öffentlichen Lebens wie Musicstar Katharina Michel helfen René beim Kochen. Und oft wird an so geeigneten Orten wie auf halber Höhe in der Eiger Nordwand gebrutzelt.
Bei so viel Spektakel könnte man skeptisch werden. Aber die Skepsis vergisst bereits wieder, wer den Platz des Altstädtchens von Unterseen betritt: An diesem lauen Vorsommerabend kann das schmucke Örtchen sogar mit italienischen Piazze mithalten – kein Wunder ist es ein «Objekt von nationaler Bedeutung», wie es so schön heisst. Wir nehmen draussen Platz, aber nicht ohne einen Blick ins Innere des Benacus geworfen zu haben: Grossstadtschick verschmilzt mit riesigen Oberländer Käselaiben, thailändische Toilettendekoration mit Kuhglocken. Bald schon wird ein Amuse-Bouche gereicht: Enchilada mit Sauerrahm – passt hervorragend zum süssen Riesling, der im Glas perlt (Fr. 7.-). Wir entnehmen der Speisekarte, dass sie jeden Tag neu zusammengestellt wird, die Menüs nach Marktangebot entstehen, es wegen der Frische der Zutaten länger dauern kann, bis das Essen kommt, und es «het, solangs het». Interessant klingen die Karotten-Vanille-Suppe mit geräuchertem Lammnierstück (Fr. 15.–) oder die High End Tapas (Fr. 19.–). Wir entscheiden uns aber schliesslich für Caponata mit Won-Tons (Fr. 26.–), Gartensalat mit Riesencrevetten aus dem Pazifik (Fr. 23.–) und Maispoulardenbrust mit Eisbergsalat (Fr. 29.–).
Und siehe da: Es dauert gar nicht lange, bis alles unseren Tisch erreicht – ansonsten hätte man nun schreiben können, das Warten habe sich gelohnt. Nun beschränken wir uns darauf, festzustellen, dass alles schmeckt und vieles das gewisse Etwas bietet. Das Caponata entpuppt sich als schmackhaftes Ratatouille mit Riesenkapern, die Won-Tons als eine Art Riesensamosas. Nur die Crevetten hätten wir uns etwas origineller gewünscht. Dafür ist die Sauce der Maispoulardenbrust eine leicht käsige Gaumenfreude. Und als wir uns schliesslich einen wunderbaren Eiskaffee Benacus (Fr. 11.–) und ein unsagbar schmelzendes Schoggichuechli (Fr. 8.–) genehmigen, ist es gar nicht mehr nötig, dass der medienerprobte Chef persönlich am Tisch vorbeikommt und fragt, obs gut war. (Der Bund)
Erstellt: 03.05.2010, 14:26 Uhr
Bern
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