Bern

Aufgetischt: Schöne Aussichten – polyglott

Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 21.12.2009

Das «Bellavista» macht seinem Namen («Schöne Aussicht») alle Ehre. Der Name lehnt sich ans benachbarte Luxushotel an, welches den gleichen Namen trägt – nur auf Französisch.

Das Bellavista zwischen Luxushotel und dem Casino-Parkhaus. (Google Street View)

Das Bellavista zwischen Luxushotel und dem Casino-Parkhaus. (Google Street View)

Die Rechnung, bitte

Karte: Italienisches jenseits von Pizze: Vitello, Pesce, Bistecca, Carpaccio, Gamberoni, Filetto und Spaghetti.

Preise: Mittagsmenü (Dreigänger Fr. 26.50) ausgesprochen günstig, A-la-carte-Gerichte etwas teurer (z. B. Fitnessteller con Manzo e insalata Fr. 29.50).

Kundschaft: Touristen, gehobene Beamte, Geschäftsleute.

Öffnungszeiten: Mo–Fr ab 7.30 Uhr, Samstag ab 8 Uhr, Sonntag ab 13 Uhr.

Adresse: Kochergasse 1, 3011 Bern, Telefon 031 312 25 92, E-Mail: insania@gmx.ch.

Eine freundliche Stimme hat am Telefon unsere Reservation im Restaurant Bellavista in Bern entgegengenommen. Wir betreten das Lokal zwischen Casino-Garage und Hotel Bellevue, und sogleich hilft uns eine nette junge Dame aus dem Mantel und hängt diesen in einen rustikalen Holzschrank. Wir hätten auch ohne Reservation Platz gefunden. Nun sitzen wir zwischen angeregt parlierenden Gästen. Der Kellner informiert uns, dass die Tortelloni gigante und der Merluzzo (Seehecht) ausgegangen sind. Offenbar ist über Mittag doch mehr gelaufen, als es jetzt gegen 13 Uhr mittags den Anschein macht. Wir nehmen das leicht veränderte Mittagsmenü (Dreigänger für Fr. 26.50).

Als Erstes erreicht uns ein Amuse-bouche, eine Besonderheit bei standardisierten Mittagsmenüs. Offenbar ist man sich das in diesem Lokal schuldig, figuriert doch das «Bellavista» seit der Ausgabe 2009 im Gault Millau, und zwar auf Anhieb mit 13 Punkten. Diese verteidigt es auch in der Ausgabe 2010. Das Stückchen Omelette ist luftig und «gluschtig». Nachdem wir es gegessen haben, behändigt der Kellner das Besteck und legt ein frisches auf, wie es sich für ein feines Restaurant gehört.

Dann bekommen wir einen grossen Teller mit Penne an Tomatensauce (mit Pelati) aus der Küche, in der man durch ein grosses Fenster die zwei dunkelhäutigen Köche am Werk sehen kann. Der frisch geraffelte Parmesankäse ist grosszügig auf dem ganzen Teller verstreut, wie einst der Schnee bei Frau Holle. Wir werden noch sehen, dass das grossflächige Bestreuen der Teller eine Eigenheit im «Bellavista» ist. Der Kellner bringt uns auch eine Flasche mit Olivenöl und eine Pfeffermühle – für die, denen die Pfeffermenge «ab Werk» nicht genügt.

Eine Weinkarte wird uns nicht gezeigt. Als wir nach einem «Ballönli» Roten fragen, empfiehlt uns der Cameriere einen Vitiano (Fr. 7.-/dl) aus dem Weingut Falesco in Umbrien, das sich in den drei Jahrzehnten seines Bestehens einen guten Namen erarbeitet hat. Eine gute Wahl: Der Tropfen aus der Magnumflasche ist wunderbar, mit Bouquet und schönem Abgang.

Im Restaurant mit den schlichten, schön designten Möbeln hört man von links und rechts Gesprächsfetzen. Die Damen zur Linken sprechen französisch. Der Roger-Willemsen-Verschnitt zur Rechten parliert mit einer Blondine aus der Bundesverwaltung französisch, englisch und deutsch. Den Kaffee und die Rechnung bestellt er auf Italienisch: «Due Espressi» und «Il conto, per favore». Wie charmant, aufmerksam und galant er die Esspartnerin betrachtet. Zum Glück ist der Testesser nicht so, wenigstens heute, da er begleiterinnenlos speisen muss.

Der Hauptgang wird mit Cabaillod (Kabeljau) geliefert. Der Fisch ist heiss, schön gebraten und sanft gewürzt. Die schmal geschnittenen Bratkartoffeln sind schon etwas trocken und mehlig, das Brokkoliröschen und die Rüeblischeiben haben bessere Zeiten gesehen: Sie sind etwas pampig. Über dem Teller ist beim Anrichten ein feiner Pfefferregen niedergegangen. Insgesamt sind wir zufrieden. Der Kellner, der ernst seinem Werk nachgeht, hat uns die Ölflasche und die Pfeffermühle erneut vorbeigebracht, nachdem sie kurzzeitig auf anderen Tischen Dienst getan haben.

An den Wänden hängen Originalbilder, für deren Erwerb aber unser bescheidenes Budget nicht ausreicht. Nun kommt das Menü-Dessert: Tiramisù, das ordentlich mit Amaretto getränkt worden ist. Wir löffeln die süsse Pracht samt Schlagrahmkrönchen und stellen fest, dass auch über diesem Teller ein Streugefäss seine Runden gedreht hat: diesmal mit Schokoladenpulver.

Antonio Mitidieri, der Padrone, ist übrigens in Bern eine bekannte Grösse. Der umtriebige Unternehmer verlegte seinen Figaro-Salon Black & White in den ersten Stock und eröffnete im Parterre das «Bellavista». Ein Teil des Lokals nennt sich Café Insania und ist berühmt für seine Gelati. Zu erwähnen wäre auch der Nachtclub Prestige, den Mitidieri 2001 gründete und 2008 schloss, weil ihm das Verhalten des Partyvolks zunehmend missbehagte. Als der Testesser dem Ausgang zustrebt, ist es der Padrone persönlich, der sich an den Mantel im Schrank erinnert. Sehr aufmerksam. (Der Bund)

Erstellt: 21.12.2009, 15:14 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!