Bern

Aufgetischt: Kein Krümel trübt das Vergnügen

Aktualisiert am 11.10.2010

Beim Mahl im Gasthof zum Löwen in Worb gab es eine klassische Spezialität – und ein Wiedersehen mit einem gastronomischen Relikt.

Der Gasthof Löwen in Worb. (Google)

Der Gasthof Löwen in Worb. (Google)

Die Rechnung, bitte

Karte: Fleisch- und Fischspezialitäten vom «Suure Mocke» bis zum Tatar; Wirtshausklassiker wie Riz Casimir. Daneben Weinkarte mit grosser Auswahl an Schweizer Weinen, v. a. aus dem Wallis.

Preise: Viergänger zu Fr. 79.50, Dreigänger zu 67 Fr.; Vorspeisen ab Fr. 6.50 (Tagessuppe, Hauptspeisen ab Fr. 25.50. Kleinere Portionen werden reduziert berechnet.

Kundschaft: Stammtischgänger, Dorfbewohner, Familien, Ausflügler und Feriengäste.

Öffnungszeiten: Restaurant samstags und sonntags geschlossen. Adresse: Gasthof zum Löwen, Enggisteinstrasse 3, 3076 Worb. Tel.: 031 839 23 03. www.loewen-worb.ch

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Es ist ein freudiges Wiedersehen. Fast hätte man ihn vergessen, zumindest aber als gastronomisches Relikt abgetan: den Tischroller. Das handtellergrosse Wunderding mit der in einer Plastikverschalung eingelassenen Bürste, mit dem die Servicefachkraft im Anschluss an ein opulentes Essen das Tischtuch von Krümeln befreit. So und nicht anders will man in einem Gasthof umsorgt werden, denkt man, während die freundliche Bedienung mit geübten Wischbewegungen die Spuren des Abendessens beseitigt: sich als Gast eines Gastgebers fühlen, der einen für die Dauer des Besuchs beschützt vor jeglicher Unbill – und seien es bloss Krümel. In solchen und ähnlichen nostalgischen Betrachtungen versinkt man im Gasthof zum Löwen in Worb leicht. Spätestens bei Kaffee und Grappa (schön: Le diciotto Lune, Fr. 10.50) liebäugelt man mit dem Gedanken, sich einen Stock höher ein Zimmer zu nehmen und am nächsten Morgen herauszufinden, wie es die Wirtsleute mit dem Frühstück halten.

Ursprünglich war es das unbändige Verlangen nach Kalbslebergeschnetzeltem, welches das Restaurantspektrum an jenem Abend gen Berns Osten erweiterte. Dass der Landgasthof in der Achsel der Abzweigung nach Enggistein die Spezialität auf der Karte führt, überraschte nicht weiter, zumal die Bezeichnung «Gasthof» meist ein Indiz für traditionelle Spezialitäten ist. Eher unvermittelt kam dagegen die Erkenntnis, dass man es im Löwen mit einem eindrücklich geschichtsträchtigen Betrieb zu tun hat: 1475 wird das Haus unter dem Namen «Tavernenwirtschaft ze Worwa» erstmals urkundlich erwähnt – auf einer Spesenabrechnung des Schultheissen, der sich für seine geschäftlichen Besprechungen hierhin zurückzog und Geld für eine «Zerung» liegen liess. Zeitweise war das stattliche Berner Bauernhaus auch Gerichtsstätte: In der «Geduldstube» und der «Grichtsstube», wo früher Geschworene und Richter ihre hoffentlich wohlüberlegten Urteile fällten, tagen heute die Schlemmer.

Der «Gruss aus der Küche» der Equipe unter Wirt und Küchenchef Marcel Kunz ist durchaus geeignet, um strenge Jurorinnen milde zu stimmen. Die Kürbismousse ist kräftig im Geschmack und lässt einen bereitwillig vom Sommer Abschied nehmen. Bezeichnend für den Übergang der Jahreszeiten ist, dass die Kürbismousse jene dezentere weisse Mousse von der Tomate fast ganz in den Schatten stellt. Im Anschluss an den charmant überbrachten Gruss folgen die Vorspeisen: ein Nüsslersalat mit Ei und Speck (Fr. 13.50) mit feinem französischem Dressing auf der einen, eine rahmige Suppe aus Harioka-Kürbis (Fr. 12.50) auf der anderen Seite des Tisches.

Die Portionen sind grosszügig bemessen. Beinahe bereut man, dass man beim Bestellen dem Angebot der Küche, für eine Reduktion von jeweils drei Franken eine kleinere Portion anzurichten, vor lauter vorfreudigem Übermut keine Beachtung geschenkt hat. Während der Verdauungstrakt einen ersten Effort leistet, hat man Zeit, den Blick durch das hübsche Säli schweifen zu lassen. Der Raum ist mit viel Liebe zum Detail eingerichtet worden, und was die Atmosphäre des alten Gemäuers nicht selbst besorgt, überlässt Wirtin Brigitte Kunz-Wasser der Tischdeko. Silberbesteck auf weissem Tischtuch verfehlt seine Wirkung kaum je. Auch im «Löie» nicht.

Kaum wird die Kalbsleber aufgetragen, erinnert man sich auch schon wieder an den ursprünglichen Grund seines Besuchs: Es will einer Delikatesse gefrönt werden. Die «geschnetzelte Kalbsleber» (Fr. 29.50) kommt hier mit einer Madeirasauce auf den Tisch, die «chüschtig» genug ist, um die typische, leicht metallene Note der frischen Leber nicht vor Ende des Gangs verleiden zu lassen, aber gleichzeitig so dezent, dass der delikate Geschmack des feinen Fleischs nicht übertüncht wird. Die «knusprige Rösti» ist kross, ganz wie versprochen. Was auf dem eigenen Teller an Gemüsebeilagen fehlt, kriegt das Gegenüber doppelt und dreifach ab: Die fünf Sorten gedünstetes Gemüse werden gar noch von einer Scheibe Gemüseterrine flankiert und rücken das «Schnitzel vom Freilandschwein mit Pommes frites» (Fr. 26.50) trotz cholesterintechnisch bedenklicher Ausgangslage fast in die Nähe eines Fitnesstellers. Das Gegenüber lobt die Panade. Und über die Umverteilung des Gemüsevorkommens wird man sich tischintern glücklicherweise auch noch einig.

Und dann: Auftritt Tischroller. Gefühle der Nostalgie machen sich breit und satte Zufriedenheit. Das Gasthoferlebnis wird komplettiert von der ausnehmend einnehmenden Servicefachkraft, die, wie könnte es anders sein am Tor zum Emmental, freundlich-resolut nach offenen Wünschen fragt.

Ein Blick auf den Nebentisch zeigt, dass sich ein Ausflug in die süssen Gefilde durchaus lohnen würde: Meringue mit Schlagrahm (8 Fr.), gebrannte Creme mit Nidletäfeli und knusprigem «Brätzeli» (Fr. 9.50), oder internationaler, Schoggitarte mit pochierten Feigen (Fr. 14.50) buhlen in der Speisekarte um Abnehmer. Wäre es inzwischen nicht schon derart spät geworden, man könnte sich an der hauseigenen Kegelbahn ein neues Hüngerchen anspielen. Oder im Korkenziehermuseum im Keller des Gasthofes zwischen den Vitrinen schlendern, bis jegliche Vernunft vergessen ist. Aber so gibt man halt mit grossem Bedauern Forfait und nimmt sich vor, demnächst wieder zu kommen. Um dieses Mal mit Sicherheit – vermutlich aber dann doch nicht – die kleine Portion zu bestellen.

Erstellt: 04.10.2010, 10:36 Uhr

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