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Bern

Aufgetischt: Gastro-Gedächtnistraining

Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 16.08.2010

Wer sich gerne in dicke Bücher mit Speisevorschlägen vertieft, muss sich das im Restaurant Commerce in Aarberg abgewöhnen.

Die Rechnung, bitte

Karte: gehobene Gourmet-Küche, im Gastroführer «Gault Millau» mit 13 von 20 Punkten bewertet. Aber auch einfache, solide Kost für den Alltag.


Preise:
Aufgrund der rudimentären Angaben auf der handgeschriebenen Rechnung schwer eruierbar. Ein schöner Viergänger mit Wein für zwei Personen kommt etwa auf 200 Franken zu stehen. Den Hamburger nature gibts aber schon für 7 Franken. Weitere Preisbeispiele: Olivenrisotto mit Parmesanspänen und Balsamico-Sauce Fr. 21.–; sautierte Entenleber auf karamellisierten Calvados-Äpfeln Fr. 25.50; Seeländer Pouletgeschnetzeltes an scharfer Currysauce und Ingwerreis Fr. 22.–; Lammkoteletts auf Rosmarin-Kartoffeln und konfierte Cherry-Tomaten Fr. 34.–.


Kundschaft:
Stammgäste aus dem «Schtedtli», Gourmets von nah und fern.

Öffnungszeiten: Sonntag und Montag Ruhetag.

Adresse: Restaurant Commerce, Rosanna und Peter Hurni, Stadtplatz 20, 3270 Aarberg, Telefon 032 392 45 45; E-Mail: hurni.commerce@gmx.ch.

Stichworte

Zwar hängt draussen neben dem Eingang eine Karte mit Vorspeisen, Fisch-, Fleisch- und Geflügelgerichten. Sobald man von der Chefin Rosanna Hurni durch einen schmalen Durchgang nach hinten ins Speisezimmer der Gourmets gelotst worden ist, steht einem kein «Spickzettel» mehr zur Verfügung. Man erinnert sich noch schwach, dass das Gourmet-Menü Commerce mit 105 Franken zu Buche schlägt oder dass der Fünfgänger ab 65 Franken zu haben ist. Mehr nicht.

Nicht einmal ein beschrifteter Spiegel, wie ihn modisch sein wollende Bistrots gerne verwenden, ist im Commerce zu finden. Rosanna Hurni zählt die Vorspeisen und Hauptgerichte auf, doch wenn sie bei Vorschlag sechs oder acht angekommen ist, hat der Gast die ersten Suggestions bereits vergessen. Man darf nachfragen: Geduldig wiederholt die Chefin die Varianten und empfiehlt Kombinationen. Man darf sich getrost in ihre Hand fallen lassen: Es kommt am Schluss gut heraus.

Den Apéro hatten wir uns draussen genehmigt, denn wenn auch das Stübli mit seinen silbernen Kerzenständern und den Originalbildern an den Wänden durchaus seine Reize hat, wäre es schade gewesen, den milden Sommerabend so früh hinter sich zu lassen. Also geniessen wir den Prosecco (Fr. 7.50/dl) auf dem Sitzplatz und betrachten dazu das «Schtedtli», in das sich vermutlich selten japanische oder chinesische Touristen aus Autocars ergiessen, das aber dennoch zu den schmucksten Orten des Landes gehört.

Nach dem Wechsel ins Haus bekommen wir als Amuse-Bouche eine Gemüseterrine, hübsch angerichtet auf einem Basilikumblatt mit Tomatenschnitz und Radieschen: nicht sophisticated oder überkandidelt, sondern einfach gut. Aus den ebenfalls mündlich vorgetragenen Rebensaftsorten wählen wir sowohl beim Weissen als auch beim Roten den Hauswein zu vernünftigen Preisen.

Die Begleiterin bestellt Marios Crevetten-Cocktail auf Chicorée-Blättern (einzeln als Vorspeise Fr. 15.50/als Hauptgang Fr. 22.50). Der Testesser bekommt das Rinds-Carpaccio mit Parmesanspänen, Oliven und Rucolasalat (Fr. 18.50/25.50). Selbst wenn jemand nicht auf die modischen Salatblätter stünde, würde er das ornamentartig präsentierte Gericht mit Wohlgefallen betrachten. Das Ensemble von Olivenöl, Käse, Fleisch, Balsamico und Salat ist eine dieser scheinbar einfachen, aber tollen Gerichte, von denen es im Belpaese so viele gibt. Das Kalbspaillard, ein flaches, butterzartes Schnitzel mit Limettenschnitzen, auf Gemüsebett serviert, mundet der Begleiterin vorzüglich. Die Ente des Testessers liegt fächerförmig auf dem Teller ausgebreitet, begleitet von Karotten und anderen Gemüsen. Sie ist ebenfalls ein Gedicht.

Offenbar haben wir einen gesegneten Appetit. Oder die Portionen sind nicht übermässig gross. Jedenfalls lassen wir uns gerne zu einem Käseteller verführen, der mit Dörrfrüchten und Honig serviert wird – eine Köstlichkeit. Auch ein Dessert hat noch Platz. Sie hält sich an den Schokoladekuchen, er setzt auf Panna cotta, eine hausgemachte, die genau die richtige Konsistenz hat – zwischen Pudding und Crème. Beide Nachspeisen bekommen durch Beeren ihren besonderen Pfiff.

Man hat sich viel zu erzählen. So stört es die Begleiterin und den Testesser keineswegs, dass zwischen den Gängen recht viel Zeit verstreicht. Und als der Mehrgänger verzehrt ist und wir zum Portemonnaie greifen, ist Mitternacht schon eine Viertelstunde vorbei. Auch die laut feiernde Ostschweizergruppe am Nebentisch ist inzwischen gegangen. (Der Bund)

Erstellt: 16.08.2010, 12:03 Uhr

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