Aufgetischt: Das Capitol schreibt am ersten Kapitel
Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 06.09.2010
Stichworte
Die Rechnung, bitte
Karte: Französische Bistro-Küche mit einem Hauch von Gaumentanz.
Preise: Über dem Schnitt, leicht gehoben. Businesslunch Fr. 69.– (drei Gänge), Fr. 89.– (vier Gänge); Menüs von Fr. 17.– und Fr. 23.–.Kundschaft: Gediegene Kundschaft, die in gediegenen Räumlichkeiten gediegen speist und sich dazu gediegen unterhält.
Öffnungszeiten: Bistro Mo–Fr 7–0.30 Uhr; Sa 8–0.30 Uhr; So 10–23.30 Uhr.
Adresse: Capitol Brasserie Tschirren, Kramgasse 74, 3000 Bern 6; Telefon 031 302 73 74,
E-Mail: info@brasseriecapitol.com.
Eben noch drängte sich in der Capitol Brasserie Tschirren in Bern tout Bern am Eröffnungsapéro («Bund» vom Montag). Und schon ist im Etablissement in der Altstadt der Alltag eingekehrt. Fast. Der Confiseur Hans Tschirren, der sich mit dem umgebauten Lokal einen alten Traum verwirklicht, begrüsst Gäste, unter dem Arm ein originalverpacktes Telefon, das seiner Installation harrt. In der Hand hält er einen zusammengefalteten Doppelmeter, was auf noch zu tätigende Massnahmen hindeutet.
In der lichten Brasserie im ersten Stock sitzen gediegene Leute, die zu klugen Gesprächen eine gepflegte Ambiance zu schätzen wissen. Ein Kronleuchter, kleine schmale Spiegel und klassisches Mobiliar stehen für Chic und Stil. Die Tische sind weiss gedeckt, das Besteck ist von schwerer Qualität. Es scheint, als sei das immer so gewesen, doch liegen die Zeiten lange zurück, da in diesem Raum mit Blick auf den alten Kachelofen mit den hellblauen Motiven getafelt wurde – damals, als das Artemisia für gehobene italienische Küche stand. Dann wurde es zu einer Dependance des nahen Kinos Capitol: Cinéasten nahmen einen Apéro vor dem Film oder verdauten ihn mit einem Digestif.
Wir vertiefen uns in die Bistro-Karte im Format A3, auf der Vins, Entrées, Pâtes, Poissons, Viandes und Douceurs aufgeführt sind. Der Begleiter, ein Connaisseur, fühlt sich von den Austernpilz-Bomben mit Safran-Dil-Sauerrahm (Fr. 29.–) angesprochen. Der Testesser hält sich an die kleine Menü-Karte und bestellt die Paprika-Kartoffelsuppe (anstelle eines Salats) und Rindfleischvogel an Rotweinsauce, Nusspolenta und Karotten (Fr. 22.–, kleiner Hauptgang Fr. 18.–). Die Suppe ist pikant, lässt einen aber nicht in Rauch aufgehen, was wir schätzen. Etwas heisser hätte sie sein dürfen. Das gilt auch für den elegant angerichteten Fleischvogel. Wahrscheinlich mussten er und der zu Kugeln geformte Mais warten, bis die Bombe des Mitessers scharf war. Auf seinem Teller findet sich der panierte Wirz, der auch Bestandteil des Vegimenüs wäre (mit Süsskartoffel, Erbsgemüse, grüne Pfeffersauce, Fr. 16.–/Fr. 18.–). Der Teller des Kollegen ist heiss, doch von den Austernpilzen merkt er nicht so viel. Der Wirz, findet er, brauchte als Pendant ein Stück Fleisch.
Die Kellnerin empfiehlt uns einen offenen Wein aus dem österreichischen Burgenland, einen Zweigelt aus dem Jahr 2008 vom Gut Carnuntum der Familie Gottschuly-Grassl (Fr. 8.–/dl). Das Aroma des Tropfens gefällt uns, im Abgang ist er aber verhalten. Uns mundet der relativ leichte Wein aber, da er das Arbeiten am Nachmittag nicht verunmöglicht. Sehr zu loben ist das dunkle Vollkornbrot mit dem urchigen Geschmack.
Man merkt, dass an diesem dritten Betriebstag alle noch etwas unsicher sind. So bringt uns die Kellnerin ein stilles Mineralwasser statt eines mit «Blööterli», wofür sie sich entschuldigt. Uns spielt es keine Rolle. Immer wieder kommt es zu Wartezeiten. Auf der Rechnung fehlt das Dessert, dafür wurde zu viel Wein getippt. Die nette Bedienung kommt ins Schwitzen: Niemand im Team weiss, wie man auf der komplexen Computerkasse einen Storno eingibt. Ob das schlaue Hündchen unter dem Nebentisch deswegen so lange Blicke nach oben schickt?
Der Begleiter wählt von einer Dessert-Choix eine Himbeermousse (Fr. 5.–) und wundert sich etwas, warum die Konsistenz irgendwo zwischen Vermicelle und Marzipan angesiedelt ist. Geschmacklich gefällt ihm das Dessert. Der Testesser hält sich an die Birne Helene (Fr. 5.–), deren Schreibweise auf der Karte griechisch anmutet («Poire Hellèene»). Doch die Griechen haben derzeit andere Probleme, und die gekochte Birne mit Schokoladencreme und Pistache-Krümeln ist wunderbar. Zum Espresso gibt es nicht irgendein Schöggeli, sondern ein Markenprodukt von Bloch, was zeigt, dass auf Details geachtet wird.
Das Lokal unterhalb des Zytgloggeturms ist eine echte Bereicherung. Das gepflegte Interieur mit Lounge-, Bar- und Bistro-Bereich im Erdgeschoss und Brasserie im Obergeschoss lädt zum Verweilen ein. In der Küche werkelt mit Max Zwahlen und Michael Wehrli ein Team, dessen Kost im Gaumentanz, der vormaligen Wirkungsstätte, 13 Gault-Millau-Punkte einheimste. Auf der Karte findet man neben der klassischen Forelle, dem Entrecôte oder Wienerschnitzel auch gratinierten Wildfang-Bärenkrebs auf Currysauce oder Chèvre chaud mit Selleriefrappé und Speck auf Gemüse-Linsensalat. Oder Langnauer Kaninchen-Rollbraten mit Zwetschgen auf Champagner-Sauerkraut. Das Capitol hat zweifellos Potenzial und könnte zu einem In-Place heranreifen. Man muss ihm nur etwas Zeit lassen. (Der Bund)
Erstellt: 06.09.2010, 13:59 Uhr
Bern
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