Aufgetischt: Blitzschnelle Ente
Die Rechnung, bitte
Karte: Chinesische Kost in grosser Variation (ohne die rein innerchinesischen Varianten).
Preise: Wie in den meisten China-Restaurants wird à la carte bestellt, was sich summiert; mittags Menüs unter 20 Franken.
Kundschaft: Liebhaber der China-Küche, Touristen aus dem Reich der Mitte, Büropersonal mit kurzer Mittagszeit.
Öffnungszeiten: täglich 17-23 Uhr;
Mo-Fr auch 11-14.30 Uhr.
Adresse: Restaurant Boky, Laupenstrasse 5, 3008 Bern, Telefon 031 382 28 28
Internet: www.boky.ch.
Stichworte
Einen typischen Namen für ein China-Lokal trägt das Restaurant Boky in Bern nicht. Auf der Internetseite erfährt man, dass «unser Urgrossvater» in Ho Chi Minh City in Vietnam vor dem Krieg ein «renommiertes Restaurant» dieses Namens geführt habe. Den Namen der Wirtefamilie sucht man vergebens. Das seit 2002 bestehende Lokal wird von der Familie Chu geführt, deren Name früher auch an der «Front» auf dem Bärenplatz figurierte: Mr. Chu (heute: Bim Grosi).
Unentschlossene leiden oft, wenn sie in den dicken Menübuchern chinesischer Restaurants blättern, deren Angebot so riesig ist, dass die Gerichte mit Zahlen versehen werden müssen. Wir haben es am Mittag leichter: Da liegt ein rosa Zettel auf dem Tisch, der wenige Menüs auflistet, zu denen eine Vorspeise gehört. Die Begleiterin entscheidet sich für die Pekingsuppe scharf-sauer und für gebratenen Reis mit Schweinefleisch (Fr. 17.50), der Testesser für Ravioli und die gebratene Ente mit Ananas (Fr. 20.50). Zuvor hat er ein Tsingtao-Bier (Fr. 4.80) hinter die Binde gegossen. Der Gerstensaft ist nach einer Stadt in der Provinz Shandong benannt, weshalb er das Bierchen mit leichtem Shandong-Akzent bestellt hat – wenigstens versucht er das dem Leser weiszumachen.
Kaum ist der Speisewunsch ausgesprochen, ist die Vorspeise da. Die Begleiterin analysiert mit Kennermiene die Ingredienzen: Poulet, Kohl, Paprika, Shii-Take-Pilze, Glasnudeln. Die Ravioli sind nicht weiche Teigtaschen nach italienischer Art, sondern frittierte, die an Fasnachtschüechli erinnern. Auch der Hauptgang wird blitzschnell zugestellt. Die Begleiterin, mit einer unbestechlicher Beobachtungsgabe ausgestattet, stochert in ihrem Reisteller, um das versprochene Schweinefleisch zu suchen. Sie zeigt sich von den kleinen Stückchen, die an Speckwürfeli erinnern, etwas enttäuscht. Zudem sind sie nicht sehr zahlreich. Ansonsten ist sie mit dem Gericht recht zufrieden. Der Testesser, seit alters her der Entente cordiale verpflichtet, macht sich über die handlich zerschnittene Ente her. Der Reis ist keiner, «der niemals klebt», denn sonst könnte man ihn nicht nach Landesart mit Stäbchen essen, ein Experiment, auf das der bequeme Testesser heute aber verzichtet. Wieder meldet sich die kritische Mitesserin mit dem Hinweis, seine Ananasstückchen seien aus der Dose. Er will das nicht behaupten, kann es aber auch nicht ausschliessen.
Die freundlichen Damen und Herren vom Service, die zum Teil gut Deutsch sprechen, räumen wieder ab. Wir sind zufrieden, aber noch nicht restlos befriedigt. Deshalb erkundigen wir uns nach Desserts. Wie sich herausstellt, ist Mango ausgegangen, was ein gutes Zeichen für Frischprodukte ist. Darum ordern wir Frittiertes: Banane (Fr. 6.–) und Apfel (Fr. 6.50). Die kurze Wartezeit nutzen wir, um den Raum zu beäugen, der traditionelle Erwartungen an ein China-Lokal bedient: rote Sitzpolster und kolorierte Tuschzeichnungen von hügeligen Landschaften an den Wänden. Zu Zeiten, als in Europa noch ausschliesslich Heilige und biblische Figuren die Leinwände bevölkerten, malte man in China bereits Landschaften, in denen bestenfalls kleine Menschlein vorkamen, «im Schneegestöber auf eine Fähre wartend». Die Desserts werden mit Honig serviert, was den Testesser erfreut – im Gegensatz zur Begleiterin, die Honig nicht mag. Etwas Süsses zum Abschluss war noch nötig, wenngleich Frittiertes am Nachmittag oft etwas schwer auf dem Magen liegt. Wir sollten einmal an einem Abend vorbeikommen, um zu entdecken, was wirklich im Boky steckt.
(Der Bund)
Erstellt: 23.08.2010, 11:17 Uhr
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