«Wir wollen nicht immer nur Zweiter werden»
Von Peter Herzog, Simon Wälti. Aktualisiert am 16.08.2010 4 Kommentare
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Zur Person
Benno Oertig ist Verwaltungsratspräsident der YB-Muttergesellschaft Sport & Event Holding AG. Er ist damit der oberste Chef im Stade de Suisse. Hauptaktionäre sind aber Andy und Hans-Ueli Rihs. Benno E. Oertig ist 59-jährig und stammt aus dem Kanton St. Gallen, wo er geboren und aufgewachsen ist. Nach einer kaufmännischen Lehre arbeitete Oertig am Gericht. Danach stieg er bei der Firma Intrum Justitia ein, für die er noch heute tätig ist. Er habe die Filiale in der Schweiz aufgebaut sowie Firmen in Italien, Österreich und Deutschland gegründet, sagt Oertig, der seit 35 Jahren für den schwedischen Konzern arbeitet. Intrum Justitia beschäftigt 3300 Personen in 22 Ländern. Die Gruppe bezeichnet sich als führenden Anbieter von Credit Management Services in Europa, der ein Forderungsvolumen von rund 11 Milliarden Euro verwaltet. Oertig ist Vater der 20-jährigen Tochter Marina, die eine Karriere als Pop-Sängerin anstrebt. Er lebt in Freienbach (SZ). Zu seinen Hobbys gehören Golf, Segeln, Ski- und Velofahren, manchmal auch zusammen mit Mit-Aktionär Andy Rihs. Benno Oertig ist Mitglied im illustren Gstaad Yacht Club, dem auch Bruno Marazzi und Ernesto Bertarelli angehören.
Die Entscheidung, Stefan Niedermaier als CEO zu entlassen und durch Ilja Kaenzig zu ersetzen, hat in Bern viel Staub aufgewirbelt. Welche Ziele verfolgen Sie denn nun eigentlich mit YB?
Es sind hohe Erwartungen da von den Fans, den Medien und auch den Spielern selber. Darum ist es wichtig, dass wir als Verwaltungsrat die Ohren weit geöffnet haben, damit wir unsere Strategie dieser enormen Erwartungshaltung in Bern anpassen können.
Die hohen Ambitionen kommen aus der Geschichte des Klubs und nicht vom Verwaltungsrat?
Ich war immer YB-Fan, und mit der Tradition des Vereins ist auch der Druck da, dass wir eines Tages einen Titel holen können. Nicht die Aktionäre bestimmen die Zielsetzungen des Klubs. Die Ambitionen und die Erwartungen sind bereits da. Der Verwaltungsrat muss sich diesen Ambitionen anpassen. Wir stellen aber nicht die Forderung nach einem Titel.
Was hat Stefan Niedermaier falsch gemacht, warum musste er gehen?
Wir wollen nach einem Businessplan vorgehen, und darin ist eine Strategie enthalten, die in verschiedene Phasen aufgeteilt ist. Die ersten fünf Jahre haben wir YB zum Überleben gebracht, die zweiten fünf Jahre mussten wir das Stadion entwickeln. In dieser Phase hat Stefan Niedermaier hervorragende Arbeit geleistet. Ich kann das nur loben. Er war kaufmännischer CEO mit dem Fokus auf dem Betrieb. Jetzt kommen wir in die dritte Phase, in der wir den Fussball nachhaltig fördern müssen. Wohin es geht, hängt weitestgehend davon ab, wie viel Erfolg wir fussballerisch haben. Unser strategisches Ziel ist es immer, den Fussball stärken zu können und auch Titel zu holen. So werden wir auch an internationalen Wettbewerben teilnehmen können. Wir wollen aber eine nachhaltige Entwicklung. Erfolg kann planbar sein, wir wollen nicht immer nur Zweiter werden.
Hat sich Niedermaier zu stark in den Vordergrund gedrängt und sich zu sehr ins Sportliche eingemischt?
Diese Gerüchte kann ich gar nicht beurteilen. In der Strategie brauchen wir profunden Fussballsachverstand im Managementbereich. Also mussten wir in diese Richtung gehen und einen entsprechenden Entscheid fällen, damit dieser Sachverstand in Zukunft im Haus ist.
Die Entlassung von Stefan Niedermaier wurde skeptisch aufgenommen. Die Entscheidung wurde zum Teil scharf kritisiert, namentlich von den Fans. Wie haben Sie die Reaktionen erlebt?
Es geht uns um die Sache, um YB, und nicht um einzelne Menschen. Allerdings geht es natürlich nicht spurlos an einem vorbei, wenn unter die Gürtellinie gezielt wird. Das ist in den letzten zehn Jahren nun doch ein paar Mal vorgekommen. Ich bin es aber mittlerweile gewohnt, Änderungen vorzunehmen. Der Wechsel auf der Trainerposition von Martin Andermatt zu Vladimir Petkovic hat ebenso eine grosse Skepsis ausgelöst. Heute glaube ich aber sagen zu können, dass diese Entscheidung eine erfolgreiche und richtige Entscheidung gewesen ist. Am Schluss wird man auch jetzt sagen, dass die Entscheidung richtig gewesen ist.
Wer fällte eigentlich den Entscheid?
Der Verwaltungsrat entscheidet über Veränderungen auf dieser Ebene. Alle Aktionäre, also Andy und Hans-Ueli Rihs, Fritz Bösch und ich, sind auch im Verwaltungsrat. Personalentscheide auf dieser Ebene werden von uns getroffen. Wir haben eine Strategie festgelegt zusammen mit Stefan Niedermaier.
Nach dieser Strategie muss YB also endlich Titel holen. Besteht dann auch die Absicht, das Budget zu erhöhen?
Das Modell muss sich wirtschaftlich selber tragen. Wir haben immer gesagt, das ist kein Mäzenatentum. Die Aktionäre haben in das Stadion, in die Infrastruktur, in die Sicherheit, in die Mannschaft, ins Neufeld und auch in die Nachwuchsabteilung investiert. Daraus muss so viel Geld generiert werden, dass das Budget für das Team jährlich erhöht werden kann.
Es fliessen also nicht einfach neue Millionen?
Ein Aktionär investiert, aber er ist kein Mäzen. Der erste Schritt war, dass YB im Neufeld überleben konnte, finanziell und sportlich, das wäre ja sonst ohne unsere Investitionen gar nicht abgesichert gewesen. Das hat auch mehrere Millionen gekostet. Der zweite Schritt war das neue Stadion. Wir haben laufend in die Mannschaft investiert und auch in den Nachwuchs.
Basel wurde Meister und Cupsieger und machte 9,7 Millionen Franken Verlust. Ist so eine Situation bei YB möglich? Darf YB Schulden machen?
Dass es ein Defizit geben kann, wenn es sportlich nicht läuft, ist möglich. Wir wollen jährlich mehr Einnahmen generieren, aber das hängt natürlich stark davon ab, was auf dem Fussballplatz passiert. Je attraktiver und besser das Team spielt, desto mehr Zuschauer kommen. Mit den zusätzlichen Einnahmen kann man auch das Budget erhöhen. Basel ist aber ein ganz anderer Fall: Das Stadion gehört nicht dem Fussballklub. Darum muss auch Stadionmiete bezahlt werden, was bei uns nicht der Fall ist. Bei uns ist es ein Gesamtkonzept, in dem das Stadion eingeschlossen ist.
Wenn wir die Situation in Europa anschauen: Mit Ausnahme von Bayern München sind ja eigentlich alle Spitzenklubs im europäischen Fussball hoch verschuldet. Zum Teil haben sie sogar Hunderte von Millionen Franken Schulden.
Am Schluss müssen die Aktionäre das Risiko übernehmen und für allfällige Verluste geradestehen. Etwas ist klar, ab 2012 wird es mit dem Financial Fairplay durch die Uefa bindende Bestimmungen geben, damit die Verschuldung der Klubs zurückgeht. In der Schweiz kennen wir ja eigentlich keine Verschuldung, weil man sonst keine Lizenz erhält. Ich verspreche mir einen positiven Effekt für die Schweizer Vereine: Wir sind also die Nutzniesser.
Heisst das, ausländische Klubs müssen ihre Budgets zurückfahren, sodass die Schweizer Vereine konkurrenzfähiger werden?
Absolut. Wir können dann auch ausländische Spieler bei uns finanzieren, an die wir heute gar nicht denken können. Wir schauen sehr optimistisch in die Zukunft für den Schweizer Fussball. Wir leben auf einem gesunden Niveau. Zudem wird der Schweizer Fussball immer attraktiver.
Welche Bilanz ziehen Sie aus den letzten fünf Jahren?
Mit der Entwicklung des Stade de Suisse, der Infrastruktur, der Zuschauer und der Sicherheit sind wir höchst zufrieden. Dass wir aber vier Mal vor einem möglichen Titel gestanden sind und keinen geholt haben, ist für mich persönlich enttäuschend.
Fehlt YB das Winner-Gen, um entscheidende Spiele zu gewinnen?
Wir haben alle die vier entscheidenden Spiele gesehen, ich möchte die nicht nachkommentieren. Aber ich war sehr enttäuscht, dass wir es nicht geschafft haben, einen Titel zu holen.
Wie kam es genau zur Verpflichtung von Ilja Kaenzig? War man schon länger mit ihm in Kontakt?
Ich kenne ihn schon seit Jahren und habe seine Arbeit beobachtet. Ich bin auch in Deutschland tätig und interessiere mich für die Bundesliga. Was ein Schweizer in Leverkusen und in Hannover geleistet hat, war sehr beeindruckend. Ich wünsche, dass Kaenzig diese Leistungen auch für Bern abrufen kann.
Was schätzen Sie an Ilja Kaenzig?
Er ist ein Fussballexperte, er verfügt über viel Sachverstand und hat klare Vorstellungen über seine Ziele. Zudem besitzt er auch kaufmännische Erfahrungen: Er führte auch das Stadion in Hannover im geschäftlichen Bereich.
Meistens bringen diese Leute auch ihr eigenes Team mit. Wird es also bei YB weitere Änderungen geben?
Wir müssen Kaenzig ein wenig Zeit lassen. Er wird jetzt zuerst alle Bereiche im Klub und im Betrieb kennen lernen. Ganz klare Absicht ist es, die heutige Organisation samt und sonders zu übernehmen, aber auch den einzelnen Leuten mehr Verantwortung zu übertragen. So ergibt sich auch die Aufwertung des heutigen Staff.
Wie beurteilen sie die Trainersituation bei YB?
Wir stehen hinter Vladimir Petkovic. Er hat 150 Punkte in zwei Saisons gemacht, das ist eine Riesenleistung. Ich hoffe, dass er diese Leistung auch weiterhin abrufen kann. Der Sieg gegen Fenerbahçe letzte Woche war einer der grössten Erfolge der Klubgeschichte.
Diskutieren Sie eigentlich mit dem Trainer sportliche Belange?
Nein. Ich bin zwar zehn Jahre im Fussballgeschäft dabei. Ich bilde mir aber nicht ein, diese Fussballkompetenz zu haben. Da muss man auch die Ausbildung haben und die entsprechenden Erfahrungen wie eben Herr Ilja Kaenzig. Das kann man nicht einfach so von heute auf morgen erlernen.
Sie sagten, man wolle die dritte Stufe zünden und noch mehr auf den Fussball setzen. Bedeutet das, dass aus dem Stade de Suisse ein reines Fussballstadion mit Naturrasen wird, sodass auch wieder Länderspiele in Bern durchgeführt werden?
Stade de Suisse heisst Nationalstadion. Wir wollen Events von nationaler Bedeutung und Ausstrahlung in die Hauptstadt bringen. Wenn das bauliche Anpassungen bedingt, prüfen wir das.
Würde man dann auf Konzerte verzichten?
Das geht aneinander vorbei. Mehr als drei Konzerte pro Jahr können wir nicht machen, das ist auch mit der Nachbarschaft so abgemacht. Ein Naturrasen ist teurer. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass wir auch einmal ein Schwingfest durchführen könnten, aber auch andere Sportarten oder Events von nationaler Bedeutung. Die Meinung aller Schweizer ist, dass der Cupfinal in Bern, der Hauptstadt, ausgetragen werden sollte.
Sagen Sie, Fussball auf Naturrasen ist besser als auf Kunstrasen?
Nein, ob Naturrasen oder nicht, muss jetzt geprüft werden.
Bauliche Veränderungen sind also möglich. Heisst das, man würde eventuell auch die Zuschauerkapa-zitäten erhöhen, so wie in Basel?
Wenn wir die Attraktion erhöhen können, ist auch dies zu prüfen.
Eventuell auch ein Dach?
Wir haben das schon einmal projektiert. Es war aber statisch nicht machbar. Nun werden die Materialien dank neuen Entwicklungen immer leichter, sodass wir eventuell ein Dach bauen könnten.
Woher kam eigentlich das Engagement der Investoren vor zehn Jahren? Damals war YB ja total am Boden.
Vor über zehn Jahren haben mich Alt-Bundesrat Adolf Ogi und Bruno Marazzi angefragt, ob ich im Sport und beim Stadionbau eine aktive Rolle übernehmen könnte. Das hat mich sehr angesprochen. Ich bin YB-Fan, ich habe mitgelitten in jener Zeit. Ich habe einen Jahrgang, als wir noch vom Erfolg verwöhnt wurden. Darum ist es auch eine Herzensangelegenheit. Solch ein Engagement kann nur mit Verstand und Herz gemacht werden. Als Erstes habe ich einen Businessplan über zehn Jahre aufgestellt und sah, dass wir in Bern Erfolg haben können. So entschloss ich mich, alle Rechte von YB zu übernehmen.
Sie haben die Firma Intrum Justitia aufgebaut. Ein Inkassobüro.
Nicht nur. Das Inkassobüro ist eigentlich nur der kleinste Teil der Firma. Es ist aber vielmehr eine Finanzdienstleistung. Ich habe natürlich Erfahrung mit Geschäftsführung, Businessplänen und Unternehmertum. Ich arbeite in diesem Bereich seit 35 Jahren. Ich bin jetzt aber eigentlich in der Vorpension, könnte man sagen.
Intrum Justitia hat einst ein Boot und ein Team für die Weltumsegelungsregatta «Whitbread Round the World Race» gesponsert.
Bei der Organisation war ich stark involviert. Das kommt von meinem früheren sportlichen Engagement her.
Sie sind früher gesegelt?
Ja. Ich würde auch noch heute gerne segeln. Ich habe selber jedoch kein Boot. Ich schaue ab und zu, dass ich auf einer Charterreise als Crewmitglied dabei sein kann. Oder auf dem Zürichsee bei der Pfingstregatta. Meistens hat es auf dem Zürichsee aber entweder gar keinen Wind oder dann zu viel.
Nächsten Dienstag spielt YB das erste Spiel im Playoff der Champions League zu Hause gegen Tottenham Hotspur. Was erwarten Sie von diesem Spiel?
Ich bin leider kein Prophet. Aber ich erwarte ein kampfbetontes Spiel nach englischer Art. Wenn wir vom Resultat reden: Das von Fenerbahçe würde ich sofort unterschreiben.
Die Zukunft von YB hängt aber nicht nur von den Spielen gegen Tottenham ab, also davon, ob es YB in die Champions League schafft.
Ein Tor hat uns bis hierher gebracht. Ein einziges Tor kann nun darüber entscheiden, ob wir weiterkommen. Doch ein Tor ist nicht so planbar, wie man es gerne möchte.
Werden Sie auch beim Rückspiel in London im Stadion sein?
Ja, selbstverständlich.
Sind Sie bei allen YB-Partien dabei?
Ja, natürlich.
Auch bei den Auswärtsspielen?
Ja.
Und bei der 1:2 Niederlage in Bellinzona?
In Bellinzona war ich nicht, dieses Spiel habe ich mir im Teleclub angeschaut.
Das Interview musste telefonisch geführt werden. (Der Bund)
Erstellt: 16.08.2010, 07:58 Uhr
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