Mit der Überzeugung von Chapuisat
Der Trainerjob, sagte Stephane Chapuisat, als er noch Spieler bei Borussia Dortmund war, sei nichts für ihn. Er sei nicht der Typ, um sich täglich mit einer Mannschaft und der Presse herumzuschlagen.
Jetzt, elf Jahre später, steht er im Trainingsanzug auf dem Wankdorf-Kunstrasen und verfolgt mit geübtem Blick die Bewegungen der YB-Talente. Zweimal pro Woche trainiert er zusammen mit Thomas Häberli die 14- bis 20-jährigen Offensivspieler der Young Boys.
Direktabnahmen, Flanken, Kopfbälle, Freistösse stehen auf dem Programm, doch Chapuisat, der für Dortmund 102 Tore und für die Schweiz 21 Treffer erzielte, sagt: «Neben der Technik und der Schnelligkeit sind die Laufwege und das Timing für einen Stürmer entscheidend. Das kann man lernen, indem man es immer wieder übt.»
Der Ball lässt Chapuisat nicht los
Und er sei ja nicht Trainer, sondern Ausbildner, fügt er an. Seine offizielle Jobbezeichnung bei YB buchstabiert Chapuisat mit Scout und Chef-Rekrutierung. Das klingt wie im Militär, doch YB-CEO Stefan Niedermaier fügt an. «Das haben wir von der französischen Sprachregelung übernommen. Scout und Chef du recrutement, das bedeutet, dass er Spieler nicht nur beobachtet, sondern auch dahin arbeitet, dass sie zu YB kommen, wenn wir von ihnen überzeugt sind.»
Zweimal pro Woche trainiert Chapuisat mit dem YB-Nachwuchs Offensivaktionen; der Ball lässt den ehemaligen Weltklassespieler nicht los. Und es macht ihm sichtlich Spass. Die Arbeit mit jungen Spielern sei auch gut für die Seele, schmunzelt er.
Viel Zeit verbringt er aber auch in seinem Büro mit dem Sichten von neuen Spielern, und das bedeutet vor allem: zahlreiche DVDs anschauen, Mails schreiben, telefonieren. Und natürlich ist er auch oft auf Reisen - das Beobachten von Spielern bedeutet ein Riesenaufwand, und den betreiben alle Spitzenklubs. Natürlich ist er auch in stetem Kontakt und Gedankenaustausch mit den Teamverantwortlichen von YB. «Aber ins Tagesgeschäft mische ich mich nicht ein», sagt er. «Mit Trainer Petkovic diskutiere ich nicht über taktische Aspekte vor einem Spiel oder gar über die Aufstellung.»
Chapuisat hofft auf Spycher
Fünf Runden vor Abschluss der laufenden Meisterschaft, in der Phase der Entscheidung also, hat Chapuisat die YB-Mannschaft für die neue Saison bereits im Kopf. Zusammen mit Sportchef Alain Baumann, CEO-Niedermaier und Trainer Vladimir Petkovic wird die Strategie festgelegt. In Gedanken und in seinem Handeln bewegt er sich immer rund ein halbes Jahr vor der Gegenwart. «Die Frage ist, ob wir die Transfers von den Spielern, die wir verpflichten wollen, auch realisieren können», sagt Chapuisat, der am 28. Juni 41 Jahre alt wird. «Deshalb müssen wir immer Alternativen bereit haben.» Auf die Frage, ob er die zwei erfahrenen Verteidiger für die Young Boys bereits an der Angel habe und ob er Christoph Spycher überzeugt habe, von Eintracht Frankfurt zu den Young Boys zu wechseln, verzieht Chapuisat keine Miene. Er fragt: «Wer sagt, dass wir zwei neue Verteidiger brauchen? Das ist die Meinung von euch Journalisten.»
Doch klar ist, dass sich die Young Boys im Defensivbereich umschauen, und Chapuisat räumt ein. «Spycher wäre für uns eine wichtige Verstärkung, und ich bin optimistisch. Aber der Entscheid liegt jetzt bei Christoph.» Chapuisat bestätigt auch, dass Topskorer Seydou Doumbia, der sich in drei Wochen nach Moskau zum ZSKA verabschiedet, durch einen gestandenen Stürmer ersetzt wird - «durch einen, den wir nicht in der Schweiz finden können». Bereits entschieden ist, dass der 18-jährige Pascal Doubaï, der Bruder von Thierry Doubaï, auf die neue Saison als Nachwuchsspieler zu den Young Boys kommen wird.
Wichtige Entscheidungen stehen an, doch Chapuisat sagt, es sei wichtig, dass in der Öffentlichkeit nur die jetzige Mannschaft präsent sei. «Nach zwei Niederlagen in Serie sehnt man als Spieler die nächste Partie herbei. Die muss man gewinnen. Und gegen Xamax wird YB gewinnen.»
In diesem Moment spricht Chapuisat wieder wie als Spieler. Ein Interview mit ihm in seiner besten Zeit als Aktiver zu führen, das war damals für Journalisten eine echte Herausforderung. Chapuisat blieb wortkarg. Heute sagt er dazu: «Über Fussball zu diskutieren, machte mir als Spieler Spass. Doch die meisten Journalisten wollten immer über anderes sprechen.»
Der Dank von Hitzfeld
Sechs Jahre spielte er unter Trainer Ottmar Hitzfeld bei Borussia Dortmund, gewann die Champions League, und der Schweizer Nationaltrainer sagt noch heute: «Ich habe Stephane Chapuisat viel zu verdanken. Ohne seine Tore wäre meine Trainerkarriere anders verlaufen. Als ich 1991 als unbekannter Trainer zu Borussia Dortmund kam und als einer der ersten Transfers jener von Chapuisat aus Uerdingen war, wussten wir beide, dass wir Erfolg haben müssen. Sonst würden wir ins Zentrum der Kritik geraten.»
Während der Dortmunder Zeit verband sie ein stiller Solidaritätspakt. Nun sind beide in Dortmund und in der Bundesliga unvergessen. Und wenn Chapuisat hört, dass in Bern einige Leute monieren und das latente Gefühl hegen, YB stehe bei Hitzfeld nicht besonders in der Gunst, kann er nur lachen. «Jeder, der Hitzfeld kennt, weiss, dass er alles für den Erfolg tut. Da spielt es keine Rolle, aus welchem Klub der Spieler stammt.»
Klar, dass sich Hitzfeld bei Chapuisat meldet, wenn er spezielle Auskünfte über YB-Spieler einholen will. Und Chapuisat ist überzeugt. «Wenn YB Meister wird, dann wird François Affolter von Hitzfeld ins WM-Kader berufen.» (Der Bund)
Erstellt: 26.04.2010, 14:52 Uhr
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