Leitartikel: Eine YB-Sternstunde zur rechten Zeit
Von Ruedi Kunz. Aktualisiert am 23.08.2010
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Am Dienstagabend bebte das Stade de Suisse wie noch nie. Die YB-Anhänger verfolgten entzückt, wie ihre Mannschaft die hoch gehandelten Akteure von Tottenham anfangs an die Wand spielte und mit scheinbarer Leichtigkeit einen 3:0-Vorsprung herauskombinierte. Innert einer halben Stunde hatte es YB geschafft, die von Zweifeln, Frust und Negativismus geprägte Stimmung fürs Erste zu verscheuchen, die nach dem Rauswurf von Stadionchef Stefan Niedermaier entstanden war.
Hoch oben im VIP-Bereich freute sich YB-Mitbesitzer Benno Oertig überschwänglich über den starken Auftritt der Gelb-Schwarzen. Der Verwaltungsratspräsident der Sport & Event Holding AG hatte sich letzte Woche nach der stillos vollzogenen Absetzung von Niedermaier von den Fans einiges anhören müssen. Oertig war ein leichtes Opfer, ist er doch in Bern ein Fremder geblieben, obwohl er seit bald zehn Jahren zu den YB-Investoren gehört. Der St. Galler gibt sich zwar gerne jovial, doch fehlen ihm das Charisma und ein Gespür für lokale Befindlichkeiten. Auch verströmt er für den harten Kern der YB-Anhänger zu sehr den Stallgeruch von Niedermaiers Vorgänger Peter Jauch. Dieser gehört zu Oertigs Freundeskreis und machte sich 2003 zum Buhmann, als er den damaligen YB-Sportchef Fredy Bickel in einer Nacht-und-Nebel-Aktion des Amtes enthob. Jauch gelang es nie, überzeugend darzulegen, wieso er den populären Bickel unvermittelt in die Wüste geschickt hatte. Für die Fans war er der «bad guy», obwohl der schlitzohrige Sportchef weit mehr Geld ausgegeben hatte, als ihm zur Verfügung stand.
Der Gute und der Böse
Auch im Falle von Niedermaiers Freistellung waren die Rollen schnell verteilt. Hier der impulsive und unberechenbare Oertig, der rücksichtslos fallen lässt, was ihm nicht mehr genehm ist. Da der unbescholtene Niedermaier, der mit viel Herzblut und Begeisterung seinen Job versah und zum allseits geliebten Mister YB hochgelobt wurde. Diese Wahrnehmung hat viel mit der Art und Weise zu tun, wie sich die YB-Besitzer der Akte Niedermaier entledigten. Wenige Tage nach dem unerwarteten Auswärtssieg gegen Fenerbahçe Istanbul traten sie vor die Medien und erklärten, es sei an der Zeit, «die dritte Phase» zu zünden. Dafür brauche man einen Mann mit mehr Fussballsachverstand, als ihn Niedermaier habe, erklärte Oertig. Diese Argumentation war etwas gar dürftig. Naheliegender schien, dass Oertig Niedermaiers Absetzung in die Wege geleitet hatte, weil ihm dieser zu oft vor der Sonne stand.
YB-König Niedermaier
Verletzter Stolz und Eitelkeit mögen eine Rolle gespielt haben bei dem zur Unzeit vollzogenen Wechsel. Fakt ist aber auch, dass sich Niedermaier in den fünf Jahren seines Wirkens eine beträchtliche Hausmacht aufgebaut hatte und sehr selbstsicher agierte. Der Thuner war der Alleinherrscher, der keine anderen Alphatiere neben sich duldete. Deshalb sträubte er sich dagegen, einen Sportchef anzustellen, der über weitreichende Kompetenzen verfügte. Stattdessen spannte er mit Spielervermittler Jean-Bernard Beytrison zusammen, der unter anderem die Transfers von Doubai, Doumbia und Yapi tätigte. Teilweise standen fast ein Dutzend YB-Spieler unter seinen Fittichen. Derzeit sind es noch acht.
Ob der neue YB-Chef Ilja Kaenzig will oder nicht: Beytrison ist eine der Figuren, mit denen er sich arrangieren muss. Tut er es nicht, besteht die Gefahr, dass Beytrison via die von ihm betreuten Spieler Unruhe ins Team hineinträgt. Kaenzig stehen ohnehin anforderungsreiche Wochen bevor. Er muss das Vertrauen der Angestellten gewinnen. Er muss mit den aufgebrachten Fans und den verunsicherten Sponsoren reden. Und er muss auf dem Transfermarkt Ausschau halten nach mindestens einer Verstärkung für die Abwehr. Ein zusätzlicher Verteidiger ist dann vonnöten, sollte YB im Rückspiel gegen Tottenham eine weitere Sternstunde gelingen und sich das Team für die Champions League qualifizieren.
Der Sprung in Europas Topliga wäre eine Sensation auf dem Rasen sowie für Kaenzig und die Investoren die perfekte Gelegenheit, Bern wieder mit YB zu versöhnen. Denn hat der Klub sportlich Erfolg, wird das unprofessionelle Auf-den-Mann-Spielen im Fall Niedermaier rasch vergessen sein. (Der Bund)
Erstellt: 23.08.2010, 15:56 Uhr
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