In der Kurve: Bis dass das Glück sie findet
Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 17.05.2010
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Hinter dem Tor, dort, wo auf ihren Wunsch die Stühle abmontiert wurden, sitzen sie nun, die hartgesottenen YB-Fans. Eine junge Frau wischt sich eine Träne aus den Augen. Es wird nicht die erste sein – das Klubemblem, dass sie sich für das Spiel des Jahres auf die Backe gemalt hat, ist bereits bis zur Unkenntlichkeit verschmiert. Zwei angetrunkene Männer geraten sich in die Haare, decken sich mit Schimpfwörtern ein. Doch die meisten, die sich knapp eine Stunde nach dem Schlusspfiff noch im YB-Fansektor befinden, schweigen und starren vor sich auf den Boden. Es ist einer dieser Momente, die langsam, aber sicher zum Dasein eines YB-Fans gehören. Auf dem Rasen vor ihnen haben sich über hundert Polizisten aufgereiht – obwohl keiner der verbliebenen Berner Fans Anstalten macht, den Rasen zu stürmen. Die Spieler des FC Basel rennen in den Kabinengang, und Carlitos hält es für nötig, in Hampelmann-Manier hämisch den Berner Fans zuzuwinken. Einige erwidern die Geste mit ausgestrecktem Mittelfinger, die meisten bleiben apathisch sitzen. Für sie alle ist an diesem Abend ein Traum geplatzt – einer mehr.
Der FC Basel erstickte die Kehlen
Begonnen hatte der Nachmittag mit einem Plastikfähnchenmeer in Gelb und Schwarz. Der Familiensektor war analog zum Textil der designierten Helden gelb-schwarz gestreift, auf der Längstribüne prangte das Gründungsjahr des Klubs, 1898. Sogar die fast ausnahmslos schwarz gekleideten Basler Fans leisteten unbeabsichtigt ihren Beitrag zum stimmigen Gesamtbild. Doch bereits die Dramaturgie der schmucken Choreografie liess Berner Fans wenig Gutes erahnen. Erst nach längerer Anlaufzeit klappte im Familiensektor das Ausrollen der Plastikblachen, auf denen der Vereinsname geschrieben stand. «Wenn das nur kein schlechtes Omen ist», seufzte jemand. Zum Anpfiff wurde es laut, die Aufgeregtheit von Tausenden Bernern kam in einem kräftigen «Hopp YB» zusammen. Bereits nach einer gespielten Minute wurde das Gros der Fans von den stehenden Vorsängern aufgefordert, sich von ihren Sitzen zu erheben, sofern sie von hier seien. Doch je länger das Spiel dauerte, desto ruhiger wurde es im Stadion. Die Basler Mannschaft erstickte das Spiel von YB und damit auch die Kehlen der Berner Anhänger. Laut wurde es bald einmal nur noch, wenn das Geschehen auf dem Feld Anlass dazu gab – wenn ein Basler ohne ersichtlichen Grund am Boden liegen blieb oder wenn es den Bernern ausnahmsweise gelang, sich vor das gegnerische Tor zu spielen. Bis auf ein paar Hundert Unbeirrbaren hinter dem Tor steckten die Berner Besucher ihre Energie spätestens ab der Halbzeit nicht mehr in die Unterstützung ihrer Mannschaft, sondern ins Lamentieren und Fluchen. «Das Schpiu isch gloffe», war schon bald nach der Halbzeit aus manchen Mündern zu hören. Gegen die vom Verein postulierten Wörter «Glaube an YB» scheint ein Grossteil der Berner Fans immun.
Eineinhalb Stunden nach dem Schlusspfiff ist das Stadion leer. Viele verweilen noch draussen, trinken Bier und reden sich den Frust von der Seele. Ein Mann sitzt alleine auf einem Bänkchen, den Kopf in die Hände gestützt, den Schal auf den Knien. «Irgendeinisch fingt ds Glück eim», steht darauf geschrieben. (Der Bund)
Erstellt: 17.05.2010, 07:15 Uhr
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