Ein Leben für die Young Boys
Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 11.05.2010
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Super League
36. Runde
| 23.05. | Basel - Young Boys | 1 : 2 |
| 23.05. | Lausanne - Grasshoppers | 2 : 1 |
| 23.05. | Sion - Luzern | 1 : 3 |
| 23.05. | Thun - FC Zürich | 2 : 4 |
Rangliste
| Name | Sp | S | U | N | G:E | P | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | Basel | 34 | 22 | 8 | 4 | 78:33 | 74 |
| 2. | Luzern | 34 | 14 | 12 | 8 | 46:32 | 54 |
| 3. | Young Boys | 34 | 13 | 12 | 9 | 52:38 | 51 |
| 4. | Servette | 34 | 14 | 6 | 14 | 45:53 | 48 |
| 5. | Thun | 34 | 11 | 10 | 13 | 38:41 | 43 |
| 6. | FC Zürich | 34 | 11 | 8 | 15 | 43:44 | 41 |
| 7. | Lausanne | 34 | 8 | 6 | 20 | 29:61 | 30 |
| 8. | Grasshoppers | 34 | 7 | 5 | 22 | 32:66 | 26 |
| 9. | Sion | 34 | 15 | 8 | 11 | 40:35 | 17 |
| 10. | Xamax | 18 | 7 | 5 | 6 | 22:22 | 0 |
Heinz Minder zählt auf, was er braucht, um glücklich zu sein im Leben: die Familie, das Mobil-Home am Bielersee – und YB. Das reiche ihm, sagt der 67-jährige Materialwart des BSC Young Boys.
«Hene», wie ihn alle nennen, arbeitet seit 25 Jahren für die Gelb-Schwarzen. Er hat als Pfleger des Reserveteams angefangen. Zwischenzeitlich war er Betreuer der 1. Mannschaft. Seit vier Jahren hat er das Amt des Materialwarts inne, neben seinem Vorgesetzten Hans Imhof. Aber Minder ist viel mehr als das: wenn einer den Titel «YB-Urgestein» verdient hat, dann er. Wenn man fragt, was YB ist – dann ist «Hene» Minder keine schlechte Antwort.
Ein neonbeleuchteter Raum in den Katakomben des Stade de Suisse, die Wände sind voller Autogrammkarten, die ehemalige Spieler und Trainer den beiden Materialwarten gewidmet haben. Es ist das Reich von «Housi» und «Hene». Heinz Minder erzählt, wie ein Tag im Leben eines Materialwartes aussieht. An einem Montag steht fast immer dreckige Wäsche auf dem Programm, viel Wäsche. In Alukisten erhalten die Materialwarte Leibchen von neun Mannschaften, vom U-12-Team aufwärts. Dabei ist alleine schon der Bedarf der 1. Mannschaft gewaltig: Neben den Match-Dressen brauchen die Spieler nämlich noch Einlauf- und Auslaufshirts, Stulpen, Frotteetücher. Hinzu kommen die Trainingskleider der Profis, die fast täglich anfallen.
Erst einen Fehler gemacht
Zur Festung wird das Reich von «Hene» und «Housi», wenn die beiden für ein Auswärtsspiel packen. Minder sagt: «Da kommt mir hier niemand hinein, dann herrscht absolute Stille.» Die beiden Materialwarte haben ein ausgeklügeltes Packsystem, damit sie nichts vergessen. «Es darf kein Fehler passieren», meint Minder – und man versteht, dass er sich selbst mit dem Adjektiv «pingelig» charakterisiert. Nur einmal ist ihm ein Malheur unterlaufen: Bei einem Match gegen Luzern hat er die Einlaufleibchen vergessen, die YB-Spieler mussten sich in Kleidern des Gegners warm machen.
Still wird es im Materialwart-Räumchen auch, wenn es um interne Angelegenheiten geht. Es gibt nur wenige, die so viel Persönliches von den YB-Spielern wissen wie «Hene» Minder. Aber Diskretion ist eine andere Tugend, die einen Materialwart auszeichnet. Nur wenige Schmankerl lässt sich Minder entlocken: So ist Seydou Doumbia nicht nur Torschützenkönig, sein Name führt auch die Tabelle der verschenkten Trikots an. In der laufenden Saison sind es bereits 35. 5 Trikots hat jeder Spieler zugute, die restlichen muss er selbst berappen – und dabei noch mehr bezahlen als die Fans. Das Problem: Den Materialwarten drohen nämlich jeweils Ende Saison die Leibchen auszugehen.
Im Restaurant Eleven im Stadionmantel. Im aufgetakelten Lokal erzählt Minder von den alten Zeiten, die nicht immer gut waren, aber meistens trotzdem schön. Den letzten Meistertitel 1986 hat «Hene» Minder noch hautnah miterlebt. Eine ganz andere Zeit seis gewesen, der Fussballbetrieb amateurhaft im Vergleich zu heute. Für die Meisterfeier sei nichts geplant gewesen. Gefeiert habe man schliesslich im kleinen Klubhäuschen, «gfägt» habe es trotzdem.
Nach dem Titel gings stetig bergab mit den Berner Young Boys. Ende der 1990er-Jahre wechselten die Präsidenten fast im Jahrestakt, der Club stand finanziell am Abgrund und sportlich vor dem Abstieg in die 1. Liga. «Hene» Minder hielt zu seinem Club. Er organisierte Sammelaktionen, strich selber Sandwiches, stand manchmal stundenlang mit seiner Frau an einem Weihnachtsmärit, um danach 50 Franken in die Vereinskasse zahlen zu können. Eine Treue, die ihn bei den Fans zur Kultfigur gemacht hat. «Hene» Minder kann nicht durch die Stadt laufen, ohne dass ihm einer ein «Hopp YB» hinterherruft.
Es gab aber auch Momente, wo er den Bettel am liebsten hingeschmissen hätte, doch dann sei es jeweils seine Frau gewesen, die ihn wieder motiviert habe. «Sie ist noch der viel grössere Fan als ich», sagt er.
Ins Schwärmen kommt Minder, als er von der Zeit im Neufeld erzählt. An der Seitenlinie stand Marco Schällibaum, und mit YB gings bergauf. Die Atmosphäre im Neufeld sei einzigartig gewesen, Fremde hätten miteinander zu reden begonnen, weil sie am Bierstand hätten anstehen müssen. «Hene» Minder hütet sich, es auszusprechen, aber es klingt mit: Im Stade de Suisse ist alles besser geworden – und doch etwas verloren gegangen.
Lob für Hakan Yakin
Über frühere Verantwortliche, die den Club nicht immer mit einem glücklichen Händchen führten, mag Minder kein böses Wort verlieren. Er habe nur Leute angetroffen, die alles für den Verein gegeben hätten. Und auch über ehemalige Spieler spricht er nur lobend. «Ich bin mit fast jedem gut ausgekommen», sagt Minder. Die Spieler würden ihm mit der Zeit halt ans Herz wachsen, der Verein sei eine Art Familie. Für die Spieler hat Minder immer ein offenes Ohr. Täglich sieht er sie in der Kabine, spricht mit ihnen auch über Privates. Und wenn ein Spieler geht, dann leidet «Hene» Minder. Wehmütig erinnert er sich etwa an den Abschied von Luca Ipoliti, der 1995 nach Servette wechselte. «Er war fast wie mein eigenes Kind», sagt Minder, der selbst auch einen Sohn hat. Und plötzlich sprudeln die Namen: Stéphane Chapuisat sei ein unglaublich pflegeleichter Profi gewesen, habe nie Kleider auf dem Boden liegen lassen. Aber auch Hakan Yakin erwähnt Minder lobend: «Als er Kapitän war, hat er sich immer wieder bei uns erkundigt, ob die Mannschaft nicht zu viel von uns verlangt.»
Es ist ohnehin ein anderes Bild, das Minder von den gut bezahlten Fussballprofis zeichnet. Ganz normale junge Männer. Und mit mehr sozialem Gewissen, als man denkt. In der letzten Saison seien zum Beispiel an Leukämie erkrankte Kinder an ein Spiel gekommen. Noch in den Matchtrikots hätten die Spieler mit den Kindern Fussball gespielt, über eine Stunde lang. Solche Aktionen liegen Heinz Minder am Herzen. «Mit so wenig können wir so viel Freude machen», sagt er. Diesen Sommer gibt er zwar den Job als Materialwart ab, wird den Young Boys aber als technischer Koordinator erhalten bleiben – und in dieser Funktion weiterhin Anlässe für Menschen organisieren, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.
Familiär vorbelastet
Ein Leben ohne YB, das wäre für Minder ohnehin kaum vorstellbar. Schon sein Vater hatte fünfzig Jahre lang mit dem BSC YB zu tun. Erst als Spieler, später als Funktionär. Und auch «Hene» Minder hat ein Leben für den Verein geführt. Wenige Hundert Meter neben dem alten Wankdorf wuchs er auf, spielte als Mittelstürmer zehn Jahre bei YB, schaffte es aber nie in die 1. Mannschaft. Am Talent sei es nicht gelegen, er sei zu faul gewesen, meint er. Eine Eigenschaft, die er offenbar nur auf dem Rasen ausgelebt hat. Den Grossteil seiner YB-Karriere hat Minder nämlich neben seiner Hundertprozentstelle bei der kantonalen Abteilung für Jugend und Sport absolviert. Erst seit vier Jahren arbeitet er vollberuflich bei YB. Mit festem Arbeitsvertrag und Sozialleistung, etwas, das er in den zwanzig Jahren vorher bei YB nie gekannt hat.
Und diese Woche könnte sein Verein sogar Schweizer Meister werden. Ob es YB in diesem Jahr schafft? «Natürlich», entfährt es Minder. Es klingt nicht wirklich überzeugend, dafür kennt er seinen Verein einfach zu gut. (Der Bund)
Erstellt: 11.05.2010, 07:45 Uhr
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