Bern

Die treuen Fans im Sektor D

Von Christian Brönnimann. Aktualisiert am 12.05.2010

Sie sorgen für die Stimmung im Stadion – die YB-Fans im Sektor D. Erfolgsbedingt hat ihre Zahl weiter zugenommen. Wie funktioniert die Szene, die in den letzten Jahren in Verruf geraten ist?

Beim Spiel gegen den FC Zürich im letzten Herbst präsentierten die Fans im Sektor D eine besonders grosse Choreo. (EQ Images)

Beim Spiel gegen den FC Zürich im letzten Herbst präsentierten die Fans im Sektor D eine besonders grosse Choreo. (EQ Images)

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Ultras und Hooligans

Die besonders treuen und fanatischen Fans von Sportvereinen werden als Ultras bezeichnet. Sie haben ein eigenes Verständnis der Fankultur, organisieren sich und stellen die bedingungslose Unterstützung ihres Teams an erste Stelle. Häufig sprechen sie sich klar gegen die Kommerzialisierung des Sports aus. So heisst zum Beispiel das Stade de Suisse bei ihnen nach wie vor Wankdorf. Entstanden ist die Ultra-Bewegung vor gut 50 Jahren in Italien. Seither entwickelten sich in den meisten europäischen Ländern ähnliche Szenen. Neben Fangesängen und Choreografien sind auch bengalische Feuer und Pyros ein wichtiger Bestandteil dieser Fankultur. Unter anderem deshalb geriet die Ultra-Szene in den letzten Jahren stark in die Kritik.

Im Gegensatz zu den Hooligans steht die Gewalt gegen andere Fans oder gegen die Polizei bei den Ultras nicht im Vordergrund. Beide Szenen werden in der öffentlichen Diskussion aber häufig vermischt. Deshalb fühlen sich viele Ultras in eine falsche Ecke gedrängt. In einschlägigen Internet-Foren der Ultras wird berichtet, dass in der Schweiz die Szene derjenigen, die Fussballspiele ausschliesslich wegen Schlägereien besuchen – Hooligans oder sogenannte C-Fans – in den letzten Jahren stetig kleiner geworden ist. Dem gegenüber habe die Zahl der B-Fans, die der Gewalt je nach Situation nicht abgeneigt sind, eher zugenommen.

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Fussballfans stehen unter Generalverdacht. Wird über sie gesprochen, dann geht es häufig um Pyros, Schlägereien und Randale. Dabei wird vergessen, wie wichtig die Unterstützung von den Rängen für eine Sportmannschaft ist. Und der grösste Teil dieser Unterstützung kommt von ebendiesen Leuten mit dem schlechten Image. Sie singen, klatschen und schreien, was das Zeug hält. Und sie treiben ihre Mannschaft an, auch wenn es einmal nicht gut läuft.

Die Heimat der eingefleischten YB-Fans ist der Sektor D hinter dem östlichen Tor im Stade de Suisse. In der Mitte des unteren Teils von Sektor D wurden in der Winterpause auf Wunsch der Fans die Klappstühle abmontiert, sie waren ohnehin nicht benutzt worden. Seit April gibt es keine Tickets mehr für die 3170 Stehplätze, der Bereich ist dank der Jahreskarten immer ausverkauft. Die Fans organisieren sich in rund 40 Fanclubs und Fangemeinschaften, Tendenz steigend. Dem Fanclub-Dachverband «gäubschwarzsüchtig» sind laut Vorstandsmitglied Adrian Werren alleine in dieser Saison vier neue Clubs beigetreten.

Die Masse machts aus

Dass die YB-Fanszene so aktiv ist wie kaum je zuvor, zeigt sich zum Beispiel an den aufwendigen Choreografien, die jeweils vor Spielbeginn dargeboten werden. Bei den Choreos hilft die ganze Fankurve mit. Zum Beispiel werden Hunderte Plastikstücke in den YB-Farben Gelb und Schwarz an die Zuschauer verteilt, die, im richtigen Moment in die Höhe gehalten, ein riesiges Muster ergeben. Oder es werden prächtige Transparente präsentiert und über die Köpfe der Fans hinweggerollt. Bei solchen Aktionen wird sichtbar, was der griechische Philosoph Aristoteles mit seinem berühmten Emergenz-Gesetz «das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile» gemeint haben könnte. Die Masse der Fans schafft etwas ganz Eigenes.

Doch wer organisiert, koordiniert und steuert das Ganze? Der Kern dieser Gruppe sei relativ klein, sagt Adrian Werren, der auch Co-Präsident der Berner Fanarbeit ist. In die Öffentlichkeit treten wollen diese Leute nicht. Mehrere Versuche, mit ihnen in Kontakt zu treten, scheiterten. Wie die Abläufe vonstattengingen, sei ein «interner Prozess, zu vergleichen mit dem in einer normalen Firma. «Diese Prozesse werden auch dort nicht öffentlich gemacht», antwortete ein Exponent per Mail auf die Anfrage des «Bund» um ein Interview.

Diese Zurückhaltung habe verschiedene Gründe, erklärt Werren. «Man will beispielsweise verhindern, dass Fangruppen anderer Teams frühzeitig Choreografien ausspionieren oder sabotieren können», sagt Werren. Die grösste Schmach ist es, wenn verfeindete Fans Fahnen oder anderes Material stehlen und im gegnerischen Stadion wie eine Trophäe zur Schau stellen und verbrennen. Daneben wolle man sich vor Überwachung und Repression durch die Polizei schützen, so Werren. «Je weniger Mitwisser desto besser.» Die öffentliche Fan-Diskussion der letzten Jahre habe viele sehr vorsichtig gemacht.

Der Kopf der Szene

Während der Spiele werden die Fans vom sogenannten Capo geleitet. Capo (italienisch: Kopf) bezeichnete ursprünglich den Chef einer Mafiagruppe und wurde von der Ultra-Bewegung (siehe unten) übernommen. Der Capo steht mit dem Rücken zum Spielfeld vor der Kurve, spornt die Fans an und gibt per Mikrofon und Lautsprecher vor, was gesungen wird. «Der Capo hat einen gewissen Status in der Szene», sagt Werren. Seine Stellung habe sich zusammen mit der Ultra-Bewegung noch zu Neufeld-Zeiten vor knapp zehn Jahren entwickelt. «Die Koordination der Fangesänge gehört zur Ultra-Bewegung und hat zum Ziel, dass die Stimmung 90 Minuten lang gut ist, und nicht nur dann, wenn das eigene Team vorne liegt», sagt Werren. Durch die straffe Organisation habe zwar die Spontanität der Fans etwas gelitten, unter dem Strich komme es der Atmosphäre aber zugute, so Werren. Und das übertrage sich auf die Mannschaft.

Die Fankurve ist voller Rituale, die sich zum Teil über Jahre hinweg entwickelt und gefestigt haben. So wird beispielsweise immer in der 75. Spielminute die YB-Viertelstunde zelebriert oder ein bestimmtes Lied wird bei jedem Match mit einem neuen, der Aktualität angepassten Text gesungen. Besonders wichtig ist ein Ritual nach Abpfiff, bei welchem sich die YB-Spieler vor der Fankurve versammeln. Beide Seiten setzen sich hin, die Fans singen «we love you, we love you, we love you, and where you play we follow, we follow, we follow ...». Dann springen alle gleichzeitig in die Höhe und feiern. Welchen Stellenwert solche Rituale auch für die Mannschaft haben, zeigt nicht zuletzt das Video, das seit kurzem auf der YB-Homepage aufgeschaltet wurde. Darin singen die Fussballer selber die Hymne und bedanken sich so bei ihren Anhängern.

Wenn am Auffahrtsabend um 20 Uhr der Anpfiff für YB - FCL in Emmenbrücke ertönt, ist die Jansen-Gastrogruppe laut Ralf Jansen bestens gerüstet: Die Lokale Beach Club, Art Café, Eclipse und Gut gelaunt werden als inoffizielle Fanzone von den Farben schwarz-gelb dominiert sein, und die Fernseher laufen. Auch im Aarbergerhof wird televisionär gekickt, vielleicht sogar mit Grossleinwand. Im Mr. Pickwick läuft der Match, sofern nicht ein wichtiges englisches Spiel in die Quere kommt. Im Café Kairo gibt es zwar ein Jassturnier, der eine oder andere Fernseher wird aber trotzdem laufen. Nicht gezeigt wird das Spiel im Luna Llena, doch sind spontane Feiern mit Gesangseinlagen nicht ausgeschlossen. (mdü) (Der Bund)

Erstellt: 12.05.2010, 08:10 Uhr

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