Bern

Die Meisterschaft im Rücken

Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 14.05.2010

Hans Schneider erlebt die Spiele von YB hautnah mit: Als Steward steht er am Spielfeldrand. Nur schauen darf er nicht. Ein armer Cheib sei er, sagen seine Kollegen. Sie wissen nicht, wie glücklich Schneider ist.

Hans Schneider behält 90 Minuten das Publikum im Auge. Und weiss trotzdem immer ganz genau, was sich auf dem Platz abspielt. (Manu Friedrich)

Hans Schneider behält 90 Minuten das Publikum im Auge. Und weiss trotzdem immer ganz genau, was sich auf dem Platz abspielt. (Manu Friedrich)

Jetzt muss Hans Schneider selber ein bisschen schmunzeln. So sehr ist er ins Schwärmen geraten über seine Aufgabe. «Wahnsinnig spannend» sind die YB-Spiele für ihn. Auch wenn er während der 90 Minuten zwischen An- und Schlusspfiff keine einzige Flanke, keinen Zweikampf und schon gar keinen Torschuss sieht. Sondern immer nur das Publikum. Und dies, obwohl sein Stammplatz doch nur zwei Meter von der Seitenlinie des Spielfelds entfernt ist. Schmunzeln tut er also, der Hans Schneider, 63. Aber nur, um unversehens noch überzeugender zu betonen, wie toll es ist, Steward im Stade de Suisse zu sein. «Es macht mich stolz, dieser Sache anzugehören. Auch wenn ich nur ein kleines Rädchen im grossen Räderwerk bin – ich gehöre dazu.»

Dann greift er – wie um das Gesagte zu unterstreichen – beherzt zur Tasse und nimmt einen kräftigen Schluck «Grosi-Tee».

Nur wer nichts von Fussball versteht, schaut beim Spiel auf den Ball, sagt ein altes Bonmot. So gesehen hat Hans Schneider aus Münchenbuchsee es zu meisterhaftem Spielverstand gebracht. Er braucht noch nicht mal das Feld zu sehen, um ein Spiel zu verfolgen. «Ich weiss immer ganz genau, was sich auf dem Platz abspielt», sagt er. Wie das? «Ich lese das Publikum.»

«Ich verpasse nichts»

Schneider holt Luft: Das Publikum sei für ihn wie ein Spiegel. Es reagiere sehr sensibel auf alles, was sich auf dem Platz ereigne. Tore, Penaltys, grobe Fouls – diese Dinge erkenne er sofort. Aber auch brenzlige Strafraumszenen, Rückpässe und Fehlentscheide des Schiedsrichters könne er anhand der Reaktionen des Publikums nachvollziehen. «Ich habe nie das Gefühl, dass ich irgendwas verpasse.» Einzig darüber, welcher Spieler welchen Pass gespielt hat, muss er sich nach den Spielen aufklären lassen. Für Schneider ist das «überhaupt kein Problem».

Umso erstaunlicher, zumal Hans Schneider seit über 50 Jahren ein bekennender Fan der Berner Young Boys ist. Schon zu Zeiten von Geni Meier verfolgte er jedes Spiel im Wankdorf. «Mein Platz war im heutigen Sektor C auf Höhe der Mittellinie.» Damals brauchte es noch keine Sicherheitskräfte im Stadion. Der Anstand und eine kleine Mauer hinderten das Publikum daran, das Spielfeld zu betreten. Heute sind es Stewards im Felddienst wie Hans Schneider.

Schon seit drei Jahren ist er immer wieder am Spielfeldrand zu finden. Wenn sich das Publikum erhebt, dann steht auch Hans Schneider auf. Wenn es im Sektor einen Unruheherd gibt, versucht Hans Schneider, Blickkontakt mit den betreffenden Personen aufzunehmen. Sie sollen wissen, dass er sie im Auge hat. Und wenn tatsächlich mal jemand die Absicht hegt, aufs Spielfeld zu gelangen, dann wird Hans Schneider sich ihm in den Weg stellen und versuchen, mit ihm ins Gespräch zu kommen. «Mehr können wir nicht tun», sagt Schneider. «Wir sind Stewards. Unsere Aufgabe heisst: Deeskalation. Wenn es hart auf hart kommt, sind die Spezialisten gefragt, die Sicherheitskräfte.»

Wirklich kritische Situationen hat Hans Schneider, Steuerbeamter im Ruhestand, aber noch nie erlebt. Dafür einige wunderschöne: An der Euro 08 wurde er bei neun Spielen als Steward eingesetzt. Unter anderem beim Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei in Basel. Ebenso bei den Gruppenspielen der Holländer im Stade de Suisse. Einmalig sei die Stimmung gewesen, sagt Schneider. Das werde er nie vergessen. So etwas wie die Euro werde er in der Schweiz ja ohnehin nicht mehr erleben. «Aber vielleicht in der nächsten Saison die Champions League.»

Schneiders Traum vom Titel

Vorerst aber hofft er inständig auf den Meistertitel für YB. Und Hans Schneider weiss auch, wie dieser zu erreichen ist: «Wenn alle im YB-Team eine Topleistung zeigen – und mit ‹alle› meine ich sämtliche Leistungsträger von Doumbia bis zu den Stewards am Spielfeldrand – dann stehen die Chancen gut.» Und wenn es dieses Jahr nicht reichen sollte, dann halt im nächsten. Hans Schneider hat noch genügend Zeit. Der älteste Steward im Stade de Suisse hat dieses Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert.

(Der Bund)

Erstellt: 14.05.2010, 08:48 Uhr

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