Der Titel hängt an einem Faden, dünn wie ein Fahnentuch
Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 19.04.2010
Am 16. Mai wird Simon Klopfenstein 22 Jahre alt. Exakt an jenem Tag also, an dem die Young Boys zum letzten Spiel der laufenden Saison antreten und zum ersten Mal seit 1986 Schweizer Meister werden - zumindest, wenn es nach Klopfenstein geht. Bis es so weit ist, wird er Spiel für Spiel bangen und hoffen - und dabei durchgehend sprechen. Zusammen mit seinem Jugendfreund Brian Ruchti betreibt er seit gut einem Jahr Radio Gelb-Schwarz (RGS). Bis vor kurzem nur übers Internet zu empfangen, sendet RGS seit März auch über den Äther - auf der Frequenz von Radio Rabe. Gemäss Ruchti hören bis zu 4000 Interessierte den beiden jungen YB-Fanatikern jeweils zu, wenn sie ihrem Motto gemäss «parteiisch, aber fair» direkt vom Geschehen in fremden Stadien oder im Stade de Suisse berichten.
Letzi-Stützen verdecken Sicht . . .
RGS entstand aus der Idee, jenen Fans, die den Bezahlsender Teleclub nicht abonniert haben, eine Alternative zu bieten. In der Fremde haben die beiden jungen Radiomacher zuweilen aber mit Tücken zu kämpfen - wie etwa diese Woche beim Spiel gegen GC im Zürcher Letzigrund. Drei mächtige Stahlstützen direkt vor der Haupttribüne erschweren den Blick auf den Rasen beträchtlich. Die Stützen mussten montiert werden, weil in einem Stadionträger ein Riss entdeckt worden war. Die beiden radiophilen Geschichtsstudenten nennen das Zürcher Stadion deshalb in der Folge «Stützligrund» statt Letzigrund. Sie haben auch mal Mut zur Lücke und machen es publik, wenn sie eine Spielsituation wegen einer der Stützen nicht genau gesehen haben. Das hört sich dann so an: «Schön geklärt von . . . wer war das? War hinter einer Stütze. Hast du es gesehen, Brian?» Die beiden spielen sich gekonnt den rhetorischen Ball zu, übergeben sich wohlterminiert das Wort, ohne jemals gleichzeitig zu sprechen (Ruchti meint später: «Man muss sich gern haben, damit das funktioniert.»). Und sie versuchen sich in schöner Regelmässigkeiten in Wortspielereien. Dabei operieren sie hin und wieder mit der Brechstange (etwa, wenn der GC-Spieler Vullnet Basha den Ball «über das Tor‹bashet›»), manchmal beinahe filigran - wenn ein Ball «um die Breite eines Fahnentuchs» über die Querlatte zischt etwa. So geht das normalerweise über 90 Minuten, Woche für Woche. Über die volle Spielzeit gibt es bei RGS keine Musik und keine Werbung zu hören, sondern nur Ruchti/Klopfenstein und YB.
. . . und stören das Signal
Im Letzigrund kommt in der 35. Spielminute plötzlich Hektik auf - die Internetleitung ist zusammengebrochen. Jetzt werden die sonst so coolen Radioköpfe heiss, die Gesten der dazugehörigen Körper. «Verdammt, was gäbe mir iz», fragt Ruchti, steckt Kabel um, verwirft die Hände, um sich gleich wieder aufgeregt mit Klopfenstein zu beraten. Kurz vor der Pause steht die Leitung wieder. Alles halb so wild, könnte man meinen - schliesslich ist es vermutlich nicht zuletzt das Nicht-Perfekte, das Spontane, das den Charme der YB-Fansendungen ausmacht. Die beiden Moderatoren sehen das etwas anders. «Was wir hier tun, ist unser Ding», erklärt Ruchti, und da sei es ärgerlich, wenn einem die Tücken der Technik einen Strich durch die Rechnung machten. Die Schuldigen für die unstete Leitung hat er zweifelsfrei identifiziert: die unsäglichen Letzi-Stützen stören das Signal.
«Am Sonntag alles schöner»
Nach der Pause ist der Zwischenfall abgehakt, engagiert kommentieren die beiden Reporter weiter, obwohl es ihrem Team gar nicht läuft. Zum Schluss bittet Klopfenstein Basel-Trainer Torsten Fink, der gleich vor den beiden Radio-Männern das Spiel verfolgt hat, um ein kurzes Statement. «Nein, heute nicht.», winkt dieser ab. So interviewen sich Ruchti und Klopfenstein halt selber. Ruchti stellt die Fragen, Klopfenstein mimt Fink. Danach geben die beiden Lebensweisheiten und Durchhalteparolen zum besten: «Positiv denken ist der Schlüssel zum Glücklichsein», meint Klopfenstein, und Ruchti verspricht: «Am Sonntag wird alles wieder schöner». Dann müssen die YB-Fussballer in Sitten beweisen, dass sie auf Rückschläge sofort reagieren können. Ruchti und Klopfenstein ist dies in Zürich nach den technischen Schwierigkeiten formidabel gelungen.
Die Berichterstattung von RGS kann übers Internet unter www.radio-gelb-schwarz.ch oder auf Radio Rabe (95,6 MHz) verfolgt werden.
YB live: Simon Klopfenstein und Brian Ruchti im Stade de Suisse. Foto: M. Zingg > (Der Bund)
Erstellt: 19.04.2010, 09:22 Uhr
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