Bern

Das Wankdorf als ein Tor zur Welt

Von . Aktualisiert am 14.04.2010

Zwei Berner Mitte 40 fiebern aus der Ferne mit im Titelkampf und tauschen über Facebook Erinnerungen an das YB ihrer Jugend aus: Der Autor Tom Kummer lebt in Los Angeles, der Journalist Michael Angele in Berlin.

«Und da war Schönenberger, der Weiberheld»: Der YB-Flügelstürmer während des Spiels YB-Basel 1979. (YB-Museum)

«Und da war Schönenberger, der Weiberheld»: Der YB-Flügelstürmer während des Spiels YB-Basel 1979. (YB-Museum)

Super League

36. Runde

23.05.Basel - Young Boys1 : 2
23.05.Lausanne - Grasshoppers2 : 1
23.05.Sion - Luzern1 : 3
23.05.Thun - FC Zürich2 : 4
Stand: 23.05.2012 22:10

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.Basel34228478:3374
2.Luzern341412846:3254
3.Young Boys341312952:3851
4.Servette341461445:5348
5.Thun3411101338:4143
6.FC Zürich341181543:4441
7.Lausanne34862029:6130
8.Grasshoppers34752232:6626
9.Sion341581140:3517
10.Xamax1875622:220
Stand: 23.05.2012 22:13

Tom Kummer: Schon als Fünfjähriger ging ich 1968 mit meinem Vater ins Wankdorf, immer Haupttribüne. Ich habe nie verstanden, wieso da so viel auf die Spieler geschimpft wurde. Anfang der Siebzigerjahre kam Köbi Brechbühl und wurde mein Lieblingsspieler. Sein Markenzeichen war der Flügellauf und ein starker Schuss aus der zweiten und dritten Reihe. Aber auch Brechbühl konnte den Niedergang von YB nicht aufhalten.

Mein Vater blieb ruhig, er rauchte Stella Filter und sagte nicht viel. Er hatte die grosse Zeit unter Albert Sing miterlebt, die Spiele von YB gegen Stade Reims, seine Helden waren Geni Meier und Hene Schneiter. Er wusste: Jede Generation ist anders. Ich kann mich an diese YB-Zeit darum so gut erinnern, weil es nichts Negativeres gab als das YB-Publikum. Dabei waren die jungen Fans ziemlich brav, ausser ein paar schwere Jungs, Rocker aus Schönbühl, die ins Stadion zum Saufen kamen. Ich habe es genossen, mit den Freunden meines Vaters im Wankdorf herumzuhängen, diese trinkenden Männercliquen im alten YB-Restaurant.

Michael Angele: Mit meinem Vater war ich auch auf der Haupttribüne, und wenn die mal voll war, gings auf die Vortribüne. Einmal stand Adolf Ogi am Eingang zu Block C oder D. Er hat alle Zuschauer mit Handschlag begrüsst. Da war er noch nicht Bundesrat, aber es war klar, dass er es werden wollte. In meiner Erinnerung war das Publikum völlig überaltert. Schweigende Stumpenraucher, die nur zum Fluchen den Mund aufmachten. Damals, gegen Ende der Siebzigerjahre, war das YB-Publikum immer noch das Negativste, was man sich vorstellen kann. Davon liess man sich natürlich anstecken. Einmal habe ich eine Flasche geworfen, bei YB gegen St. Gallen. YB lag nach kurzer Zeit 0:3 hinten, es schneite und war kalt. Ich habe mich für den Flaschenwurf geschämt. Es ist nichts passiert. Heute bekäme ich wohl Stadionverbot.

Der erste Spieler, der mich beeindruckte, war Thomas «die Gazelle» Zwahlen, ein junger «Gstabi», der an der Linie rauf und runter lief und manchmal schneller als der Ball wurde. Er ist bald in der Versenkung verschwunden. Und da war Schönenberger, der Weiberheld. Das Mädchen, in das ich unglücklich verliebt war, schwärmte für ihn. Ja, und Köbi Brechbühl war gross. Wenn ich heute einen Lastwagen der Firma Brechbühl Transporte sehe, muss ich immer an ihn denken. Und da war Jean-Marie Conz. Er durfte immer die Corner treten, obwohl er keinen Ball hoch in den Strafraum brachte. Die schlechte Laune des Publikums war teils schon begründet. Man musste froh sein, wenn ein Eckball hoch in den Strafraum kam.

Tom Kummer: Nachdem mein Vater im Frühling 1973 gestorben ist, habe ich mich von der Haupttribüne verabschiedet und bin Stehplatz-Fan geworden. Das Wankdorf war im Halbleerzustand ein gemütliches Stadion. Man stellte sich irgendwo an eine Stange, beobachtete seine Nachbarn, und wenn das Spiel langweilig wurde, bin ich einfach herumspaziert. Es gab ja keine Sektoren. Ich war damals ein bisschen verloren ohne meinen Vater und ohne Sitzplatz auf der Haupttribüne.

Das Stehplatz-Dasein als Teenager und Einzelgänger benötigte auch einen gewissen Mut – besonders wenn man sich zu den Wahnsinnigen unterhalb des Totomats wagte. Sie trugen wild wuchernde Bärte, lange Haare, ärmellose Levi’s-Jacken mit YB-Abzeichen und Totenkopfinsignien. Da gab es auch so ein geistesgestörtes Monster von YB-Fan, ein Riesenkalb aus dem Emmental, der den Jurassier Bruttin immer ein Schleim scheissendes Muttersöhnchen nannte. Und wenn er wütend war und auf dem Feld nichts lief, begann er Bierflaschen zu zerschlagen und sich damit die Arme aufzuritzen. Er war zu einem derart gotteslästerlichen, degenerierten YB-Fan verkommen, dass sich selbst seine Freunde und die Securitas vor ihm fürchteten.

Damals sind mir unterhalb des Totomats zum ersten Mal kurzhaarige YB-Girls aufgefallen. Punk war schwer angesagt, und plötzlich gab es also diese burschikosen YB-Fangirls. Ich fühlte mich wohl im Stehplatzparadies «Wankdorf». Ich fand Typen gut, die so Rude-Boy-mässig herumliefen. Das war damals noch alles irgendwie unschuldig, weniger ghettoisiert als heute. Niemand wurde hinter Gitter eingepfercht. Es gab immer jemanden, der Ärger machen wollte. Meistens waren es die Stumpen rauchenden Alten, die denen Vernunft beibringen konnten. Man hat damals noch auf die Alten gehört, auch auf ihre Meinung, wenn sie zu schimpfen begannen. Die alten Fans genossen einen gewissen Respekt. Schliesslich hatten sie die grossen Jahre von YB erlebt.

Es gab kurze euphorische Momente. Karl Odermatt wechselte zu YB. Das war ein grosser Moment. YB wurde mit ihm Cupsieger, im Final gegen St. Gallen. Es gab sie schon, die unglaublich starken Momente, da ging das «Hopp YB» los, für vielleicht drei Minuten, da sahen wir plötzlich flüssige Angriffe aus dem Mittelfeld mit Conz, Andersen, Küttel und Karli, man traute seinen Augen nicht. Irgendwie hofften die Alten und die Jungen, dass der Durchbruch geschafft war. Aber meistens wurde nichts daraus. Bruttin hackte über den Ball, oder Vögeli war mal wieder viel zu langsam.

Michael Angele: Du schreibst von den grossen Jahren. Ich habe damals nichts davon gewusst. Mit Albert Sing habe ich später als Journalist einmal telefoniert. Ich wollte wissen, ob er während der WM 1954 wirklich für Sepp Herberger die Ungaren in ihrem Trainingslager in Solothurn ausspioniert hatte. Er hat es bestätigt und mir erzählt, wie er damals mit einem Lungendurchschuss über die Grenze kam.

Und mit dem Architekten des Wankdorfs habe ich auch gesprochen, ich weiss nicht mehr, wie er hiess, ein Tessiner Name, er wohnte in einem Berner Vorort, Muri vielleicht. Er erzählte mir, dass die Flutlichtmasten erst nach der WM 1954 gebaut wurden, er hatte ähnliche in Schottland gesehen. Diese Flutlichtmasten sind vielleicht meine stärkste Erinnerung. Man sah sie von weitem. Sie haben auf mich stets einen mächtigen und auch traurigen Eindruck gemacht, weil sie den «Kopf» gebeugt hielten. Die riesige Biostrat-Reklame aussen an der Haupttribüne und die Flutlichtmasten, das war ein Bild.

Gleich bei meinem ersten Match sass ich auf der Osttribüne. Sie blieb ja meistens geschlossen, nur für den Cupfinal oder den Uefa-Cup wurde sie geöffnet, wenn man gegen 20?000 Zuschauer oder mehr erwartete. Als ich dort sass, spielte YB gegen den grossen HSV. YB mit Odermatt, beim HSV spielte Kaltz, der tatsächlich seine Bananenflanken schlug. Bald darauf kam dann Bernd Lorenz zu YB, ein Bundesligaspieler.

Tom Kummer: Bernd Lorenz. Niemand wusste genau, wieso der zu YB geholt wurde. Niemand mochte ihn. Bloss die Tatsache, dass er in der Bundesliga gespielt hatte, machte ihn exotisch. Er blieb ein Versager. Er stürmte neben Küttel, einem Luzerner. Küttel fand ich super. Ein bisschen wie der Argentinier Kempes, wenn der Vergleich auch hoffnungslos optimistisch war. Küttel hatte lange schwarze Haare und Speed. Nicht immer, aber manchmal.

Klar, je voller die Hütte, desto besser. Ich erinnere mich an ein Cupspiel in den Siebzigerjahren, ich glaube, YB gegen Basel, da waren 52'000 im Wankdorf. Ein volles Wankdorf war für mich damals ein richtig gefährliches Stadion. Besonders in den Kurven, wo es keine Treppen gab und der Boden aufgerissen war. Lose Steine gab es dort, die hätte man im schlimmsten Fall locker gegen die Linienrichter werfen können. In diesen Kurven wurde man auch schon mal von der Menge mitgerissen. Da musste man Mut und Durchhaltevermögen beweisen. Ein volles Wankdorf machte mich stolz, in Bern zu leben. Das war gewaltig, so eine Menschenansammlung in unserer kleinen, sonst so ruhigen Stadt.

Michael Angele: Ja, ein volles Stadion machte stolz. Ich kann bis heute die Zuschauerzahlen zu manchen Spielen auswendig. Ich weiss nicht mehr, wie jenes Spiel gegen St. Gallen ausgegangen ist, 1:5 oder sogar 1:6 vielleicht, aber ich erinnere mich genau an die Zuschauerzahl: 10'300. Man konnte die Zuschauer leicht schätzen, ein guter Indikator war, wie frei der Platz zwischen der Gegentribüne und der Westtribüne war. Beim letzten Spiel, das ich im alten Wankdorf gesehen habe, waren dann nur noch 2300 Zuschauer im Stadion, trotzdem gab es auf den morschen Bänken eine La-Ola-Welle. Nati B, gegen Solothurn. Was war dein letztes Spiel?

Tom Kummer: Es muss 1981 gewesen sein, kurz bevor ich nach Berlin abhaute. Ich ging an die Feusi-Sportschule und sass neben dem Mittelfeldspieler Thomas Zwygart, der sich dort eingeschrieben hatte. Zwygart war ein Riesentalent im YB-Mittelfeld. Aber ich vermute, er war trainingsfaul wie ich. Er hatte dieses Grinsen auf dem Gesicht, das mehr auf ein Leben mit Girls und Glamour verwies. Er trug meistens Lederhosen, feine Seidenhemden und Lederschuhe, die nach vorne zugespitzt waren. Damals war er 20 und verdiente, was ich gehört hatte, eine Unsumme. Egal was die Leute heute sagen. Zwygart hatte geniale Momente. Leider ist er rasch verglüht. Wie so viele Talente. (Der Bund)

Erstellt: 14.04.2010, 08:25 Uhr

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