Wie Milch zu Plastik wird

Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 05.11.2009

Von der erstaunlichen Verwandtschaft zwischen Milch und Erdöl.

Die grosse Erfindung kommt oft unverhofft, per Zufall oder Unfall, in jenem Augenblick, da das Unwahrscheinliche wahrscheinlich wird. Jedenfalls lauten so die Entdeckergeschichten, die zu Legenden werden, und so eine Geschichte ist auch die von Adolf Spitteler. Der deutsche Chemiker soll ein Katzennarr gewesen sein; seine Tiere hatten Zutritt zum Labor, und so stiess dort anno 1897 eine Pfote an eine Flasche Formaldehyd. Das Lösungsmittel kippte in eine Schale mit Milch – aus der Milch wurde ein harter Klumpen. Und aus dem Katzenhalter der Erfinder eines Kunststoffs.

Milch hat den Rang von Erdöl, jedenfalls in der Schweiz: eine hoch politisierte Flüssigkeit, ein Zündstoff in Fragen der Marktmacht und des Preises. Anderswo gibt es Kriege um Öl; hier spricht man von «Milchkriegen», wenn die Bauern die Käsereien boykottieren. Oder die Käser die Grossverteiler. Oder die Grossverteiler die Bauern. Und einmal lag wegen der Milch sogar der Geruch der Revolution in der Luft, genau vor neunzig Jahren. Der Bundesrat hatte eine Milchpreiserhöhung angekündigt, die die Not der einfachen Leute weiter verschärfte, aber auch das politische Klima, in dem die Arbeiterführer schliesslich Mitte November 1918 den Landesstreik ausriefen.

Doch zurück zum Chemiker und zu seiner Katze. Milch und Erdöl sind nämlich noch aus einem anderen Grund verwandt: Man kann aus beidem Plastik machen. In der Schale hatte das Formaldehyd mit dem Eiweiss der Milch, dem Kasein, reagiert: Polykondensation heisst der Vorgang, bei dem sich einfach gebaute zu komplexen Molekülen verketten. Das ist das Grundverfahren jeder Plastikproduktion, und die Laborkatze brachte tatsächlich dasselbe zustande, was einem Kollegen Spittelers früher mit einer anderen Substanz geglückt war: 1872 hatte Adolf von Baeyer aus Phenol und For-maldehyd erstmals jenen Kunststoff gewonnen, der später unter dem Namen Bakelit die Welt eroberte.

Spitteler nannte seine Entdeckung Galalith, Milchstein.

Freilich beginnen die Zeittafeln zur Geschichte der Kunststoffe schon ein gutes halbes Jahrtausend früher, mit einem Schweizer Kaufmann namens Schobinger. Von ihm stammt das Rezept für den ersten Kunststoff überhaupt: «Nym ein gaiskäss, den zerschneid zu stüklen, die thue also in ein kessel, und thue wasser dran.» Dann wird gesotten und gesotten, bis nur noch eine zähe Masse übrig ist. Die gibt man in gewärmte Lauge und erhält «ein durchsichtige materi, die mag man formen, wie man will». Solange sie warm ist.

Der Spätmittelalterkunststoff geriet wieder in Vergessenheit – bis zum Vorfall mit der Katze. Schon 1913 wurden im Deutschen Reich 30 Millionen Liter Milch verarbeitet; aus Galalith wurden Knöpfe gemacht, Gürtelschnallen, Broschen, Brillen, Kämme, Schirm- und Möbelgriffe, Radiogehäuse, später auch Elektro-Isolationen, besonders für Hitlers Waf-fenindustrie. Erst nach dem Krieg verlor der Milchstein an Bedeutung: Die neuen, vollsynthetischen Kunststoffe aus Erdöl waren weniger bröcklig und erst noch billiger.

Seit auf den Ölpreis kein Verlass mehr ist, hat die Kunststoffindustrie die nachwachsenden Rohstoffe neu entdeckt. Zur Hauptsache ist es Pflanzenstärke, und zwar auch bei der Polymilchsäure (PLA), einem Plastik, den eine US-Firma mit dem sinnigen Namen Nature Works produziert: Zucker aus Stärke wird von Bakterien zu Milchsäure vergoren, aus der dann die Riesenmoleküle geknüpft werden. Das nennt man einen Biokunststoff. Er hat allerdings dieselbe Tücke wie der Biotreibstoff – er konkurrenziert die Nahrungsmittelproduktion.

Seine Herkunft aus dem Euter verrät übrigens Galalith, wenn man ihm mit einem Zündholz zu nah kommt: Es riecht nach verbrannter Milch. (Der Bund)

Erstellt: 05.11.2009, 11:40 Uhr

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