Katzen würden Kröten kaufen
Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 05.11.2009
Wenn die Haushaltseinkommen sinken, ist davon auf dem Markt für Heimtierfutter nichts zu merken. Eine halbe Milliarde Franken geben die Schweizer jährlich fürs Essen ihrer tierischen Mitbewohner aus. Und vielleicht wächst die Tierliebe in schweren Zeiten sogar noch. Von einer Unternehmensberatung kam im April jedenfalls die Meldung, dass nicht nur Billiglinien und Aktionsprodukte zulegen: Auch Tiernahrung wird in der Schweiz markant mehr gekauft. Erstaunlich wäre das nicht, zumal Haustiere längst keine Tiere mehr sind, sondern Ersatzmenschen, die ihren Haltern jene Bestätigung und Zuneigung geben, die in der wölfischen Menschengesellschaft rar geworden sind.
Doch hinter dem Boom steht wohl eine andere Wahrheit, und die ist noch trostloser: Vielleicht landet das Futter nicht im Napf, sondern auf dem Teller. «Wir sind noch nicht so weit, dass die Leute ihren Speiseplan mit Tiernahrung abrunden», erklärte ein amerikanischer Detailhandelsexperte vor einem Jahr, als die Knappheit auf den Nahrungsmittelmärkten die Preise in die Höhe trieb, sodass Millionen US-Bürger auf Lebensmittelhilfe angewiesen waren: «Aber wir bewegen uns in diese Richtung.» Genau das vermutet man jetzt bei der Unternehmensberatung Boston Consulting, die die Schweizer Einkaufsfront studiert hat: dass mancher auf tierische Kost umgestiegen sei.
Ist es da ein Trost, dass Katzenfutter gar nicht so schlecht schmeckt? «Spaghetti Shebanese» heisst das Buch des Kölner Journalisten Volker Kitz, der sich durch die handelsüblichen Sorten probiert hat und von vielen so begeistert war, dass er in dem Buch nicht nur seine Verkostungsberichte präsentiert («lockere und harmonisch ausgewogene Fleischmischung, die gut im Mund liegt»), sondern auch seine Rezeptvorschläge. Zum Beispiel die Bolognese mit den Kaninchenbrocken von Sheba. Ein Chili aus den «Leckerbissen in Sosse mit Rind, Lamm und Gemüse» von Felix. Oder ein Flambée mit den «leckeren Stückchen mit Muskelfleisch und Erbsen» von Kitekat. Wichtig dabei: «Brocken in einem Sieb abspülen, damit der deftige Geruch der Sosse weggeht.»
Abgesehen von jenem Geruch: Es ist kein Wunder, dass der Appetit die Artengrenze überwunden hat. Genüsslich schnuppernd beugt sich Frauchen in der Sheba-Reklame über die Portion und dekoriert den Porzellanteller mit Petersilie. Dazu gibt es romantische Musik und Kerzenlicht – ein «Fest für Katzen» eben, aber auch eines für den Menschen. Serviert werden schliesslich keine Singvögel oder Kröten, die Katzen sehr wohl kaufen würden, sondern «Pastete mit Huhn» oder das «Festtagsmenü mit Truthahn». Das ist Haute Cuisine mit Lifestyle-Ambitionen, und das gibt es vor allem für die Katze: Hunden schlägt der Futterwechsel auf den Magen, während Katzen immer wieder Lust auf Neues haben. Schon darum sind sie die besseren Konsumenten; für sie und ihre Halter werden laufend neue Sorten produziert. «Frischkäse mit Truthahnhäppchen» beispielsweise.
Wer sein Tier liebt, gibt ihm eben das, was ihn selber anspricht. Darum bekommen Hunde in Argentinien, dem Land der Grillfanatiker, Futter mit Barbecue-Geschmack, während mediterrane Katzen auf Dosenkost mit Oliven stehen. So kommt das Tierfutter menschlichen Essgewohnheiten immer näher, und nicht umsonst gibt es heute Lightmenüs für Katzen und Hunde, Spezialfutter für die Senioren und die Zahnsteinpatienten unter ihnen, aber auch Abmagerungskurse, in denen die überversorgten Vierbeiner landen. Vermutlich erweisen sich auch ihre Gewichtsprobleme als krisenresistent. (Der Bund)
Erstellt: 05.11.2009, 11:28 Uhr

































