Bern

Hühner, die keiner auf dem Teller will

Ei? Huhn? Ei? Oder doch zuerst das Huhn?

Der Frage entkommt man nur, wenn man sie umdreht: Was ist zuletzt? Dann ist es klar: Nach dem Ei bleibt die Henne übrig. Und die landet im Abfall. Gegen zwei Millionen Legehühner sind es in der Schweiz pro Jahr – die meisten gerade jetzt, nach Ostern.

Biologisch gesehen ist das Huhn ein Tier. Ökonomisch gesehen dagegen ein Apparat, der pflanzliches Futter in tierisches Eiweiss umwandelt und nach seiner optimalen Betriebsdauer ausrangiert wird. Die Vorfahren des Haushuhns, die Dschungelhühner Südostasiens, legen in einem ganzen Jahr fünf oder sechs Eier. Moderne Legerassen bringen es auf 300, und das mit enormer Effizienz: Für ein Ei à 65 Gramm brauchen sie nicht einmal die doppelte Menge Futter. Allerdings fällt ihre Leistung nach fünfzehn Monaten drastisch ab: Sie sind ausgelaugt und brauchten mehrere Wochen Legepause. Doch unproduktive Maschinen haben in den Betriebsrechnungen keinen Platz – die ganze Hühnerherde wird in den Schlachthof gefahren und ersetzt durch frische Eierlegmaschinen.

Jeder Bauer solle sonntags ein Huhn im Topf haben: so das legendäre Wort des französischen Königs Heinrich IV., mit dem das Suppenhuhn zum Inbegriff für Wohlstand wurde. Mittlerweile ist der Wohlstand da, doch zwei Stunden Kochzeit für ein Suppenhuhn hat kaum noch jemand übrig, und so kommt nur noch jede fünfte Legehenne auf den Tisch. Aus allen anderen wird Katzenfutter. Oder Brennstoff für die Zementfabriken. Und dafür müssen die Halter sogar noch zahlen: Einen Franken pro Stück verlangen die Schlachthöfe.

Paradoxerweise hat gerade das Streben nach Effizienz dazu geführt, dass bei der Eierproduktion die Hennen als wertloser Ausschuss anfallen. Früher lieferten dieselben Rassen Fleisch wie Eier, doch seit den Sechzigerjahren hat die Zucht das Huhn auf einfunktionale Höchstform spezialisiert: hier die Masttiere, die in nur einem Monat zwei Kilo Schlachtgewicht erreichen, dort die Legerassen, die pausenlos Eier produzieren, aber kaum noch Fleisch ansetzen. Und weil Hähnchen gar nie Eier legen, werden ausserdem die männlichen Küken vergast und ebenfalls entsorgt.

Ab 2010 verarbeiten die Grossmetzgereien Micarna und Bell keine Legehühner mehr, zumal sie nicht ideal auf die für Poulets ausgelegten Maschinen passen. Den Hennen droht die Kehrichtverbrennung. Das wäre «ethisch nicht korrekt», heisst es beim Eierproduzentenverband Gallo Suisse. Doch bei aller Ethik geht es um ein handfestes ökonomisches Problem: Was tun mit dem Huhn?

Die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA hat ein Katapult entwickelt, mit dem sich Hühner gegen Flugzeugfenster schleudern lassen, um deren Beständigkeit bei Vogelschlag zu prüfen. Doch der Bedarf nach Wurfgeflügel scheint nicht gross genug, um die hiesigen Hühnerhalter zu erleichtern. Ihr Verband beschäftigt sich deshalb mit der Entwicklung einer eigenen, mobilen Schlachtanlage. Und mit der Verwendung der «Schlachtkörper» als Rohstoff für die Biogasproduktion.

Hühnerlose Eierkulturen sind nicht in Sicht, ebenso wenig ein Weg aus der Effizienzspirale: «Zweinutzungshühner», also Rassen, bei denen die Weibchen Eier liefern und die Männchen Poulets werden, sind in beidem weniger produktiv und scheitern am Renditemassstab der Branche. Dabei wäre alles ganz einfach – mit einem Kochtopf, etwas Gemüse und reichlich Wasser. 200 Eier isst jeder Schweizer jährlich; käme dazu noch ein Suppenhuhn pro Haushalt und Jahr, wären die Hühnerhalter ihre Sorgen los. Andernfalls erleben wir wohl noch die vorgezogene Entsorgungsgebühr für Legehennen. (Der Bund)

Erstellt: 05.11.2009, 11:26 Uhr

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