Die Macht der scharfen Körner
Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 05.11.2009
So unscheinbar, wie er auf den Tischen steht, sieht man dem Pfeffer nicht an, dass er Geschichte gemacht hat: Er war das Schicksal Europas. Und das begann mit dem Untergang Roms. Unter dem Ansturm der Barbaren brachen die Handelswege zusammen, auf denen der Pfeffer aus dem Morgenland gekommen war. Damit fehlte den Europäern auch dessen aphrodisierende Wirkung – die Geburtenrate sank, die Bevölkerung schrumpfte, die Städte leerten sich, die Sümpfe wuchsen, das dunkle Mittelalter begann.
Es war Petrus der Eremit, ein Franzose, der für seinen Appetit auf gut gewürzte Speisen bekannt war und um Pfeffer betete, bei der Vorsehung aber nur Regen erreichte, worauf er ums Jahr 1100 das Konzept der Kreuzzüge ersann: die Befreiung des Heiligen Landes zwecks Wiederversorgung Europas mit Pfeffer. Begeistert brachen die jungen Adligen nach Osten auf, schlossen vorher aber noch ihre Frauen in Keuschheitsgürtel ein und begründeten so die metallverarbeitende Industrie in Europa.
Die Gewinne aus dem Pfefferimport flossen dann in den Bau der Kathedralen, während die Städte wieder wuchsen, weil die Menschen in Massen auf die Gewürzmärkte strömten, wo die Pest leichtes Spiel mit ihnen hatte. Das grosse Sterben liess die Reallöhne steigen, immer mehr Leute konnten sich Pfeffer leisten, sodass die Portugiesen beschlossen, den Seeweg nach Indien zu suchen, um Venedigs Monopol auf den Pfefferhandel zu brechen.
So steht es bei Carlo Cipolla, in seinem Aufsatz «Die Rolle der Gewürze (insbesondere des Pfeffers) für die wirtschaftliche Entwicklung des Mittelalters». Der italienische Historiker erhielt 1995 den Balzan-Preis; das Preiskomitee lobte ihn für «Werke grosser Originalität» ebenso wie für sein «skrupulöses Quellenstudium». Was den Pfeffer angeht, kannte der Professor allerdings gar keine Skrupel: Der Aufsatz von 1988 ist ein Scherz, eine Plauschtheorie, die sich gerade dadurch verrät, dass sie so prächtig aufgeht.
Ben trovato! Es stimmt nämlich schon, dass Pfeffer als Aphrodisiakum galt und das Mittelalter unbändig scharf war auf Pfeffer. Vor allem aber stimmt es, dass er zu den kostbarsten Stoffen überhaupt zählte. Für Normalsterbliche war er unerreichbar, und mancher wünschte sich freiwillig dorthin, wo der Pfeffer wächst. Das Pfefferland war das Paradies, wie man es sich damals vorstellte.
Die Körner sind die Früchte vom Tropenstrauch Piper nigrum, und Piperin heisst das Scharfe am Pfeffer. Die Substanz macht Mikroben unschädlich; daher rührt die untaugliche, aber gängige Erklärung für den mittelalterlichen Hunger auf Pfeffer: Er habe das Fleisch konserviert und verdorbenes wieder essbar gemacht. In Wirklichkeit gab es zum Konservieren andere Methoden, und jene, die sich Pfeffer leisten konnten, hatten auch kein Problem, sich frisches Fleisch zu beschaffen. Pfeffer war tatsächlich Zeichen von Reichtum und Macht, ein Hauch aus dem sagenhaften Orient. Beides machte seinen Reiz aus, und darum verschwand an den Tafeln der herrschenden Klassen der Geschmack des ganzen Essens unter demonstrativer Überwürzung. Als der König von Schottland 1194 zu Besuch war bei Richard I. von England, da erhielt er neben anderen Staatsgeschenken täglich zwei Pfund Pfeffer geliefert. Pfeffer gehörte zur Mitgift, er wurde testamentarisch vererbt und sogar als Zahlungsmittel benutzt.
Fernhandel war damals vor allem Pfefferhandel. Daher kam der Reichtum Venedigs; die Marmorpaläste sind Denkmäler des Pfeffers. Und Cipolla hat ebenfalls recht, wenn er ihn als «Motor der Geschichte» bezeichnet: Hinter den grossen Entdeckungsreisen stand die Sehnsucht nach dem Pfefferland. Auch Kolumbus suchte Gewürze, fand aber Gold. (Der Bund)
Erstellt: 05.11.2009, 11:29 Uhr
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