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Bern

Die Frucht des Wohlstands

Wie der Bananenmangel den Niedergang der DDR beschleunigte.

Was auf der anderen Seite der Mauer anders war, bevor sie im Herbst vor zwanzig Jahren fiel, das hat ein Bewohner der ehemaligen DDR einem Sozialwissenschaftler einmal ganz konkret erklärt. Und zwar mit Obst: «Äpfel . . . bei uns total billig, wurden jetz’ hier geerntet . . . aber das andre musste mit Devisen bezahlt werden hier . . . die äh Bananen und all so was.»

Äpfel waren im einen Deutschland so gewöhnlich wie im anderen, doch nur jemand aus der DDR würde «äh Bananen» sagen. Die vermeintlich bedeutungslose Vorsilbe markiert das besondere Verhältnis, das die Ostdeutschen zu den krummen Dingern hatten: Sie hatten sie in vierzig Jahren höchstens einmal als Geschenk von Bekannten aus dem Westen in die Hände bekommen. «Und all so was» – der Bananenmangel stand ausserdem geradezu prototypisch für den Rückstand der DDR im Wettstreit der Systeme. Diese Südfrucht war ein Konsumversprechen, eine Wohlstandsverheissung.

Kein Wunder, stiegen die Bananenpreise in der Bundesrepublik im November 1989: Die Besucher aus dem Osten belagerten die Bananenregale in den Supermärkten. Die waren denn auch recht bald leer, während fliegende Händler mit Kofferräumen voller Bananen gute Geschäfte machten. Bis 7 Mark verlangten sie fürs Kilo, und nicht wenig von den 100 Mark «Begrüssungsgeld», das die BRD den Besuchern schenkte, dürfte für den Bananenrausch draufgegangen sein.Anfang der Neunzigerjahre belief sich dann der Bananenkonsum in den neuen Bundesländern auf 27 Kilo pro Kopf und Jahr. Das war doppelt so viel wie in der alten BRD; da wurde ein Nachholbedarf gedeckt. So ging die Banane als «Vereinigungsfrucht» in die Geschichte ein, während man im Westen über die Ossis und ihren Bananenfimmel lachte. «Zonen-Gabi (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane», hiess es auf dem berühmten Titelbild des Satiremagazins «Titanic».

Bloss: Vor nicht allzu langer Zeit hatten auch die Westdeutschen nichts als Bananen im Kopf. Mit viel Sinn fürs Symbolische hatte Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik, Zollerleichterungen für Bananen durchgesetzt, und dabei war es ihm weniger um die Volksernährung gegangen als um ein sichtbares Zeichen für den Aufschwung nach dem Krieg: wo Banane, da Prosperität. Tatsächlich war das Wirtschaftswunder zunächst eine Fresswelle, und schon 1950 war der Konsum von Schokolade und Südfrüchten dermassen angeschwollen, dass die westlichen Aussenminister auf der Jahreskonferenz der Europäischen Zahlungsunion die «Vermessenheit» der Westdeutschen kritisierten. Dabei verwendete 1950 der Durchschnittshaushalt in der BRD die Hälfte seines Budgets fürs Essen, 1990 war es gerade noch ein Fünftel. Wohlstandswachstum heisst, dass die Löhne stärker steigen als die Preise, und wahrscheinlich gibt es kein besseres Exempel für Luxusgüter, die auf diese Weise Alltag geworden sind, als die Banane. Das gilt auch für die Schweiz. Bis zur Nachkriegszeit kam die Banane auch hier nur an Festtagen auf den Tisch. Und wären die Preise seit 1950 so stark gestiegen wie die Löhne, würde das Kilo Bananen heute zwanzig Franken kosten.

Dass allerdings der Bananenmangel den Untergang der Deutschen Demokratischen Republik beschleunigt, wenn nicht gar verursacht hat – das dürfte kaum je zu beweisen sein. (Der Bund)

Erstellt: 05.11.2009, 11:37 Uhr

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