Der Tod aus der Dose
Sein Name war John Torrington, und er war Unteroffizier auf einem Schiff, das «Terror» hiess. Am 19. Mai 1845 machten die «Terror» und die «Erebus» bei Greenhithe an der Themse ihre Leinen los, mit insgesamt 129 Mann. Auftrag der britischen Admiralität an die Expedition unter dem Polarforscher John Franklin: die famose Nordwestpassage zu finden, jenen Seeweg quer durch die Arktis, der die Fahrt nach Indien verkürzen sollte, die bis dahin rund um Südamerika führte.
Ende Juli kreuzten die Polarfahrer zwei Walfangschiffe vor Grönland. Das war der letzte Kontakt, den sie mit der Welt hatten: Aus dem ewigen Eis kehrte keiner zurück.
Franklins Expedition war die bestausgerüstete Polarfahrt des 19. Jahrhunderts. Die zwei Segelschiffe waren umgebaute Kriegsschiffe, ausgerüstet mit Stahlarmierungen gegen das Packeis, Dampfmotoren gegen die Flaute und opulenten Bibliotheken gegen die Verlorenheit im Polarmeer. An Bord gab es eine Art Zentralheizung, eine Entsalzungsanlage für das Trinkwasser und Proviant für drei Jahre, darunter 4000 Liter Zitronensaft gegen Skorbut und 45 Tonnen Kochfleisch, Suppen, Gemüse und Kartoffeln in Konservendosen, die sich im Bauch der Schiffe zu Zehntausenden stapelten.
Die Konserven waren damals Hightech. Erfunden wurde die Weissblechdose in England, doch das zugrunde liegende Verfahren hatte Ende des 18. Jahrhunderts Nicolas Appert entwickelt, jener Franzose, dem die «Appertisation» ihren Namen verdankt: die Sterilisierung durch Erhitzung und luftdichten Abschluss, zunächst noch in Gefässen aus Glas.
«Wir haben ein dickflüssiges Gelée vorgefunden, das ein Stück Rindfleisch und zwei Stück Geflügel umschloss», rapportierten 1809 die Vertreter einer Expertenkommission, die einige von Apperts Gläsern zu Prüfungszwecken geöffnet hatten. Das Fleisch war «sehr zart», und auch die Brühe schmeckte den Fachleuten «vortrefflich»: «Obwohl sie vor fünfzehn Monaten zubereitet worden war, konnte man durchaus keinen Unterschied feststellen zu einer, die man am selben Tag gemacht hätte.»
Eine Zeitmaschine, die die Gesetze des natürlichen Verfalls aufhob – die Konserve war eine Sensation. Und sie interessierte vor allem den Staat, der seine Soldaten und Seefahrer mit Notvorräten ausrüsten wollte.
Vierzig Rettungsexpeditionen brachen bis 1870 auf, um nach Franklins Leuten zu suchen. Sie fanden drei Gräber auf einer Insel, daneben verstreute Stücke der Ausrüstung, doch keine Antwort auf die Frage, was der Expedition passiert war. Licht ins Dunkel kam erst 1986, als ein kanadisches Forscherteam eine der Leichen aus dem Dauerfrostboden grub. Es war jene John Torringtons, des Unteroffiziers von der «Terror». Obduktionsbefund: Bleivergiftung.
Die Männer waren ausgerechnet an jener zivilisatorischen Errungenschaft zugrunde gegangen, die ihr Überleben am Ende der Welt garantieren sollte. Mit Blei waren die Konserven zugelötet; über das Essen war es in die Körper der Polarfahrer gelangt und in ihre Hirne gekrochen, es hatte sie schleichend geschwächt und um den Verstand gebracht.
Eben deshalb waren jene, die nicht schon auf den Schiffen gestorben waren, aufgebrochen zu einem Marsch übers Eis, ein Rettungsboot mit unnützen Dingen wie Pantoffeln und Zahnbürsten hinter sich herziehend. Und nur weil John Torrington als einer der Ersten gestorben war, hatte er noch ein ordentliches Begräbnis bekommen, mit Sarg und Namensschild.
Erstellt: 05.11.2009, 11:33 Uhr
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