Bern

Der Plan zur Abschaffung der Pasta

Die Futuristen kämpften einst gegen das Lieblingsessen der Italiener.

Lassen wir die Chinesen einmal beiseite, die am Gelben Fluss einen Topf mit viertausendjährigen Nudeln ausgegraben haben. Und lassen wir auch all die anderen Völker beiseite, Juden, Araber und Griechen, die die Teigwaren ebenfalls erfunden haben wollen. Bleiben wir bei den Italienern, denn die haben das Patent auf die Pasta verdient. Immerhin wurde im Herbst 2007 aus keinem anderen Land ein Teigwarenboykott gemeldet. Damals, als das Getreide weltweit knapp und teuer wurde und damit auch der Hartweizen für die Spaghetti, verzichteten Millionen von ihnen gekränkt, wenn auch nur für einen Tag auf ihren «primo piatto» – Pastastreik!

Es hätte auch ganz anders kommen können mit den Italienern und ihrem Lieblingsessen: Das hat man ihnen einmal austreiben wollen. Die Pasta sei schuld an ihrer «Schlappheit», ihrem «Pessimismus» und ihrer «nostalgischen Untätigkeit», erklärte 1930 der Dichter Filippo Tommaso Marinetti und forderte die Verbannung der Teigwaren von den Tellern der Nation. Es war derselbe Marinetti, der 1909 das «Futuristische Manifest» veröffentlicht hatte, das Programm einer Avantgarde von Künstlern. Schönheit, hiess es darin, sei ein «aufheulendes Auto», nicht die Nike von Samothrake und auch sonst nichts vom Estrich der alten Griechen und Römer: Schön seien Tempo und Technik, Kraft und Bewegung, Krieg und Gewalt.

Radikal modern, so wollten die Futuristen die Kunst, und so wollten sie auch das Essen. 1930 erschien das «Manifest der futuristischen Küche», und im Jahr darauf wurde in Turin die «Taverne zum heiligen Gaumen» eröffnet. Hier praktizierten die Futuristen ihre Küchenrevolution und machten die Mahlzeit zur Aktionskunst. Ihr Paradestück: die «Luftspeise». Mit der linken Hand streichelt der Gast ein «Berührungsbrett» aus Glaspapier, Seide und Samt, mit der rechten greift er in einen Teller mit Oliven, Fenchelherzen und Chinakohl. Dazu spritzen ihm die Kellner Nelkenduft in den Nacken, und aus der Küche kommt das Dröhnen von Flugzeugmotoren. Ausserdem auf der Karte: «polyrhythmischer Salat», «exaltiertes Schwein», «Kolonialfisch mit Trommelwirbel», «Frühlingsparadox» oder «kandierte atmosphärische Elektrizität».

Kann man Luft essen? Marinetti träumte von der Möglichkeit, «Ernährungswellen» per Funk zu verbreiten. Vorderhand aber sollte die Chemie jene Nahrung schaffen, die einem «immer luftigeren und schnelleren Leben» entspricht: «Sie soll dem Körper rasch die notwendigen Kalorien durch Nahrungsäquivalente zuführen, in Pulver- oder Pillenform, die eiweissartige Stoffe, synthetische Fette und Vitamine enthalten.»

Der Kampf der Futuristen gegen die Pasta war ein Kampf gegen die «Verbauchung» (Marinetti). Mehr noch: Als Köche wollten sie jenen neuen Menschen schaffen, den sie als Künstler verherrlichten – einen Kraftmeier, wie er Nietzsche gefallen hätte. Und einen soldatischen Siegertypen, wie er Mussolini gefiel. 1933 machte er Marinetti, der von den «dynamischen Pflichten der Rasse», der «Agilität der italienischen Körper» und dem «künftigen Weltkrieg» schwärmte, zu seinem Kulturminister.

Die Erben der futuristischen Küche sind die Lebensmitteltechnologen von heute. Bloss mit dem neuen Menschen hat es dann nicht recht geklappt. Und auch nicht mit der Abschaffung der italienischen Küchentradition. Wer heute in Turin den «Heiligen Gaumen» sucht, an der Via Vanchiglia 2 gleich hinter der Piazza Vittorio Veneto, der findet dort eine Pizzeria. (Der Bund)

Erstellt: 05.11.2009, 11:30 Uhr


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