Zwei Kilo Reis, zwei Kilo Reim
Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 05.11.2009
Es gab Zeiten, da reichte der Kalte Krieg bis ins Einkaufswägelchen. Draussen: USA und UdSSR, Reagan und Andropow, Pershing II und SS-20. Drinnen: die Aktionspakete mit Reis, Teigwaren, Öl, Fett und Zucker. Und von allem ein bis zwei Kilo. Kein Mittel gegen die atomare Apokalypse, aber die mit Händen greifbare Illusion, es könnte auf die grösste aller Katastrophen eine Antwort geben: «Kluger Rat – Notvorrat».
Jetzt ist der Notvorrat wieder da, wenn auch unter neuem Namen. «Haushaltsvorrat» heisst er mittlerweile beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung, und dort bereitet man eine Kampagne vor, denn bald soll die grosse Grippe kommen, doch in der Ära der 24-Stunden-Shops sei Vorratshaltung keine Tugend mehr, erklärte ein Vertreter des Amts vor Kurzem.
Die Sorge, die Blendungen von Wohlstand und Massenkonsum könnten die Bevölkerung «heute» sorglos werden lassen, ist allerdings schon alt. «Warum sollen wir uns mit Vorräten belasten, wenn wir um die nächste Ecke gehen können?» So die rhetorisch gemeinte Frage in einer Broschüre, die das Institut für Hauswirtschaft den künftigen Hausfrauen auf den Weg mitgab. Und das schon 1957, wenige Jahre nach dem Krieg.
In Krisenzeiten wird das Essen von der Privatsache zur Frage des Verbrauchs kollektiver Ressourcen. In diesem Geist stand auch der Notvorrat: Dem anständigen Bürger sollte er ein Ausweis sein, dass er nicht zum Risiko fürs Volkswohl werden würde. Hamsterkäufe seien «unsozial», hiess es in «Zivilverteidigung», dem roten Büchlein, das der Bundesrat 1969 in jeden Haushalt verteilte: «Wer sich an solchen Panikkäufen beteiligt, zeigt nicht nur seinen Mangel an Gemeinsinn, sondern bestätigt auch, dass er versäumt hat, seinen Notvorrat ordnungsgemäss anzulegen.» Es war wie mit der Grille und der Ameise.
In ruhigen Zeiten ist es freilich schwierig mit dem Aufruf zum Gemeinsinn. Doch der Notvorrat kann auch dem modernen Individualisten etwas bieten, und um diesbezügliche Ideen war die Behörde nie verlegen. Die Hausfrau, die schon wegen ihrer persönlichen «Berufsehre» dafür sorgt, dass sie ihren Vorrat nie «bis zum letzten Tropfen Öl» aufbraucht – die war 1957. Heute spart man mit gezielten Grosseinkäufen nicht nur Zeit und bei Aktionen Geld, man vermeidet auch den «Einkaufsstress» und ist erst noch gewappnet gegen «Situationen wie etwa unerwartete Gäste oder eine Grippe».
Seit jeher gleich ist dagegen die Zusammensetzung der eisernen Ration. Viel zu fettig, viel zu süss mit dem ganzen Öl und Fett und Zucker – zudem ungesalzene Teigwaren und zum Dessert süsser Reis? «Nichts, was gemäss mitteleuropäischem Durchschnittsgeschmack geniessbar wäre», schlaumeierte 1987 das «Gelbe Heft» und bot einen Ernährungswissenschaftler auf, der wenigstens für Wildreis und Vollkorn-Hörnli im Notvorrat plädierte. Tatsächlich ist er gar nicht als Menü gedacht, sondern als Reserve jener importierten Lebensmittel, die im Krisenfall als Erste knapp und der Rationierung unterstellt würden.
Es gibt noch etwas Ewiges am Notvorrat: den Reim. Und das nicht erst seit dem Slogan mit dem klugen Rat, der zum Volkskulturgut wurde. «Der Honig fliesst nicht jederzeit, drum halte Notvorrat bereit!», heisst es in der Broschüre von 1957, in der die Gebrauchslyrik besonders üppig blüht. Und, ebenda: «Wo Vorrat fehlt, da muss man’s büssen, wenn unverhofft die Grenzen schliessen.» Oder: «Ist die Wohnung noch so klein, ein Vorrat geht bestimmt hinein.» Könnte man Verse essen: Die Schweizer müssten sich nie mehr Sorgen machen.
Und irgendwann musste er dann kommen, wenn auch ungereimt – Schiller mit seinem «Tell». Es war 1981: «Der kluge Mann baut vor.» (Der Bund)
Erstellt: 05.11.2009, 11:37 Uhr
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