Bern

Die totale Verwurstung

Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 05.11.2009

Die ersten Fliessbänder waren nicht in Fords Autofabriken zu finden, sondern in einer Fleischfabrik in Chicago.

Wer hat das Fliessband erfunden? Henry Ford, der «grosse Zauberer der Massenproduktion», so sagten es seine Bewunderer, und so steht es auch in vielen Schulbüchern. Doch realisiert wurde das Fliessbandprinzip schon im späten 19. Jahrhundert, ein halbes Jahrhundert vor Henry Ford. Und zwar in Chicago. Hier wurde allerdings nichts zusammengebaut wie in Fords Autofabriken, sondern zerlegt.

Zerlegt wurden Rinder, Schweine und Lämmer. 200000 waren es in den «Union Stock Yards» – an einem Tag. Auf so viel kam «La Villette» in Paris, damals der modernste Schlachthof Europas, in einem Jahr nicht. Die Alte Welt verabschiedete sich nur langsam vom handwerklichen Metzgen, während Chicago zum «Schlachthof des Universums» wurde, wie man die Stadt damals auch nannte.

In den endlosen Weidegründen der amerikanischen Prärie wuchs jener gigantische Viehvorrat heran, der dann per Bahn in die Fleischfabriken verfrachtet wurde. Doch zu den geografischen Ressourcen kam auch der Glaube an die befreiende Kraft des Kapitals, dem in Europa vorläufig noch die hergebrachten Normen und Formen des Wirtschaftens entgegenstanden. Chicago war ein Labor des modernen Kapitalismus, und das Fleisch war sein Modellmaterial; ihm verdankt diese Stadt ihren Aufstieg. Nach den grossen Fleischfabrikanten sind Chicagos Strassen benannt, und nicht umsonst hat hier McDonald’s sein Hauptquartier.

«Vom Schwein bleibt absolut nichts unverwertet», heisst es in Upton Sinclairs Chicago-Roman «The Jungle» von 1906: «Bloss für das Quieken hat man noch keine Verwertung gefunden.» Tatsächlich kam buchstäblich das ganze Tier in den Verwertungsprozess. Aus den Muskeln wurden Steaks und Konserven, aus den Häuten Leder, aus den Haaren Bürsten, aus den Knochen Dünger und Leim, aus dem Rest Kondome und Geigensaiten.

Masse und Serie, Zentralisierung und Arbeitsteilung, zudem viel Kapital: Darauf beruht die Mechanisierung des Metzgens, die in Chicago perfektioniert wurde. Wie sehr sich die Industrie darum bemühte, die Unregelmässigkeit und Unberechenbarkeit der lebendigen Materie in den Griff zu bekommen und sie in die Maschinerie zu zwingen, zeigen die Erfindungen aus jener Zeit. So wurde 1882 ein «Apparat zum Einfangen und Aufhängen» von Schweinen patentiert. Problem: Die Tiere werden in dem Moment störrisch, da sie ahnen, was ihnen blüht. Lösung: ein Köderschwein, dem die anderen folgen – in einen Korridor mit Falltüren. Ein Griff zum Hebel, die Tiere fallen,wobei sie mit einer Schlinge am Hinterbein gefasst und kopfüber auf der Produktionskette aufgereiht werden, eins ums andere, ihrer Verwandlung von Lebewesen in Lebensmittel entgegen. Erdacht wurden auch Maschinen zum automatischen Enthaaren, Fellabziehen, Rückgratspalten und Töten.

Viel davon blieb Papier. Das Tier war letztlich zu widerspenstig und auch zu verletzlich für den totalen maschinellen Zugriff. Durchgesetzt hat sich das Fabrikprinzip in der Fleischproduktion trotzdem: Tiere sindWaren geworden, und der Esser hat die Vorgänge aus den Augen verloren, deren Ergebnis der Braten auf seinem Teller ist. Daher das Vlies in der Packung unter dem Plätzli, das jeden Tropfen Blut aufsaugt und vor uns verbirgt. Und daher auch der Ekel vor dem kleinsten Rest Borste am Fleisch: weil er daran erinnert, was hinter den Fabrikmauern passiert. (Der Bund)

Erstellt: 05.11.2009, 11:41 Uhr

Bern

Populär auf Facebook Privatsphäre

Telefonbuch

Marktplatz

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.