«Bitte verzweifeln Sie nicht»
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Studieren findet heute zu einem grossen Teil im Internet statt. Die Studentinnen und Studenten informieren sich im Internet über das Angebot der Unis, melden sich für Übungen an, recherchieren für Seminararbeiten, laden Vorlesungsskripte herunter, büffeln auf E-Learning-Plattformen für Prüfungen, korrespondieren mit Kommilitonen und publizieren ihre Forschungsergebnisse. Es soll gar Studierende geben, die sich ihre Abschlussarbeit aus dem Internet zusammenklauen. Doch auch dafür gibt es wiederum Programme, die Plagiate mit einem Internetabgleich enttarnen.
Studieren ohne Internet geht nicht mehr, mit ist es aber auch eine Herausforderung. Vor allem ePUB, das Programm zur elektronischen Prüfungsverwaltung der Universität Bern, hat die Liebe vieler Studierenden zum Internet auf eine harte Probe gestellt. «Ich habe mehr Zeit damit verbracht, mich für die Prüfung anzumelden, als zu lernen», schrieb ein entnervter Nutzer in der Studierendenzeitschrift «Unikum».
Nach zweijähriger Testphase in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät hat die Uni Bern das Programm gleichzeitig mit der Bologna-Reform im Wintersemester 2006 eingeführt. Damit wollte sie den Anforderungen der europäischen Hochschulreform gerecht werden. Um ein Studium zum Beispiel in Paris fortsetzen zu können, sollten Berner Studierende künftig jederzeit nachweisen können, welche Prüfungen sie bereits abgelegt haben und welche ECTS-Punkte ihnen noch fehlen. Bern liess sich bei der Lancierung von ePUB als Pionier-Uni feiern. Doch der Schuss ging hinten hinaus.
2000 Studierende exmatrikuliert
«ePUB ist nicht perfekt und hatte grosse Schwächen», muss Claude Schwab-Bertelletto, Leiterin des Zentrums Lehre der Uni, eingestehen. Kim Eckert, Vorstandsmitglied der StudentInnenschaft, konkretisiert: Das Programm sei mühsam zu bedienen und den bernischen Gegebenheiten schlecht angepasst gewesen. Probleme habe es beim Einloggen, beim Übertragen von Studienleistungen oder bei Prüfungsanmeldungen gegeben. Ausserdem seien die Noten oft erst lange nach den Prüfungen auf ePUB erschienen. Als Höhepunkt hat das Programm einmal irrtümlicherweise 2000 Studierende exmatrikuliert.
Entsprechend aufwendig war der Support, der von aufgebrachten Studierenden überrannt wurde. «Bitte verzweifeln Sie nicht, wenn etwas nicht funktioniert. Sie erhalten auf alle Fälle Unterstützung», informierte die ePUB-Projektleitung alle neuen Studierenden.
ePUB sei überstürzt angeschafft worden, kritisiert Studierendenvertreterin Eckert. «Wir standen unter Druck wegen der Bologna-Reform», begründet Schwab. Unterdessen laufe das System aber stabil. Probleme gibt es aber nach wie vor. So betreibt beispielsweise die Philosophisch-historische Fakultät mit ePHI nach wie vor parallel ein eigenes System, das sie aus Unzufriedenheit mit ePUB entwickelt hat. «So wissen die Studierenden nie genau, ob sie sich nun bei ePUB, ePHI oder bei beiden anmelden müssen», kritisiert Eckert.
ePUB kostete über eine Million
ePUB hat nicht nur Nerven, sondern auch Geld gekostet. Auf «ein bis zwei Millionen Franken» beziffert Schwab die Kosten für Anschaffung und Anpassung. Dennoch wirft die Uni das ungeliebte System nun bereits wieder über Bord. «Wir brauchen ein leistungsfähigeres System, das insbesondere mehr Flexibilität bietet», sagt Schwab. Als Fehler will sie die ePUB-Übung aber nicht bezeichnen. Dieser Zwischenschritt sei nötig gewesen, «wir haben viel daraus gelernt».
Bereits hat die Uni Bern das Projekt «Kernsystem Lehre» lanciert und mit der deutschen QLEO Science GmbH einen Lieferanten ausgewählt. Das neue System soll nicht nur ePUB ablösen, sondern auch das Vorlesungsverzeichnis und die Hörraumverwaltung integrieren. Bei der Einführung will die Uni aber nicht die gleichen Fehler wie bei ePUB begehen. So wurden die Studierenden sowie andere Nutzergruppen frühzeitig einbezogen. Ausserdem lässt man sich mit der Einführung Zeit. Vollzogen werde der Wechsel erst 2011, sagt Schwab. Und Eckert kommentiert: «Das läuft jetzt vernünftiger als bei ePUB.»
So weit sind also alle zufrieden mit den Zukunftsaussichten. Bleiben als Wermutstropfen die Kosten: Das neue Kernsystem Lehre wird 1,73 Millionen Franken kosten und muss dem Grossen Rat vorgelegt werden. Dort wird sich die Universität diesen Sommer vielleicht nochmals ein paar kritische Bemerkungen zu ePUB anhören müssen. (Der Bund)
Erstellt: 28.04.2009, 07:46 Uhr
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