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Bern

Was man noch studieren kann

Von Fabio Bergamin. Aktualisiert am 06.03.2009

Über volle Hörsäle brauchen sich Studierende der Zentralasiatischen Kulturwissenschaft oder der Klassischen Philologie nicht zu beschweren. Ein Blick auf nur selten belegte Studienfächer

In der Schweiz wird Zentralasiatische Kulturwissenschaft einzig in Bern unterrichtet: Professorin Karénina Kollmar-Paulenz.

In der Schweiz wird Zentralasiatische Kulturwissenschaft einzig in Bern unterrichtet: Professorin Karénina Kollmar-Paulenz.
Bild: Adrian Moser

Nimmt man alle Studierenden zusammen, die an der Uni Bern ein Masterstudium in Rechtswissenschaften, Betriebswirtschaftslehre oder Psychologie absolvieren, kommt man auf eine Zahl knapp über tausend. Andere Fächer können von Studentenzahlen in dieser Grössenordnung nur träumen: Zentralasiatische Kulturwissenschaft etwa ist ein typisches «Orchideenfach» – selten studiert und recht ausgefallen. Gerade mal eine Masterstudentin und sieben Bachelorstudierende im Nebenfach sind dort eingeschrieben. Zentralasiatische Kulturwissenschaft – wozu studiert man dies?

«Die meisten unserer Studierenden sind an der aktuellen Situation Tibets interessiert», sagt Karénina Kollmar-Paulenz, Professorin für Religionswissenschaft und Leiterin des Studiengangs. Andere interessierten sich für den tibetischen Buddhismus oder für sozialwissenschaftliche, politische oder geschichtliche Fragen der Mongolei. Studierende beschäftigen sich mit Fragestellungen wie beispielsweise der rechtlichen Situation Tibets vor 1950, also der umstrittenen Frage, ob Tibet zu diesem Zeitpunkt politisch ein Teil von China gewesen ist.

«Dazu muss man historische Quellen studieren und demnach eine Reihe von Sprachen können», sagt Kollmar-Paulenz. Tibetisch gehört dazu, je nachdem auch Chinesisch und Sanskrit. Das Studium von indischen Texten helfe, das frühere Rechtsverständnis im asiatischen Raum zu begreifen. «Der europäische Nationengedanke kam erst im 19. Jahrhundert nach Asien.»

Sprachen stehen auch beim Studium der Klassischen Philologie im Zentrum, also der Sprach- und Literaturwissenschaften der antiken Sprachen Latein und Griechisch. Klassische Philologie ist mittlerweile ebenfalls ein Orchideenfach geworden.

Fach steht im Vordergrund

Katharina Roettig ist etwas erstaunt über die Frage, als was man als Klassische Philologin nach dem Studium arbeitet. Die meisten studierten aus Freude am Fach, an der wissenschaftlichen Beschäftigung mit antiken Texten, sagt die Assistentin für Lateinische Philologie. «Wohl hat die Mehrheit der Studenten den Wunsch, später als Gymnasiallehrer für Latein und Griechisch zu arbeiten. Doch bei vielen steht das Fach im Vordergrund.» Das Fach, die Sprache und die Auseinandersetzung mit ihr. «Sprache ist bei uns Grundlage für alles andere.» Etwa, einen antiken Text neu zu interpretieren und zu fragen, was der Text für heute lebende Menschen bedeutet.

Auch wenn gewisse Fächer an der Uni nur wenige Studierende haben, von der Universitätsleitung werden sie nicht grundsätzlich infrage gestellt. «Auch in diesen Fächern werden Absolventen von Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft nachgefragt. Ausbildung und Forschung bleiben wichtig», sagt Gunther Stephan, der als Vizerektor für die Lehre zuständig ist. Würde man ein Gebiet aufgeben, verlöre man langfristig auch den Wissenspool. Und es sei fraglich, ob dieser später wieder reaktiviert werden könne. Das verloren gegangene Wissen aus der Antike beispielsweise könne man heute nur unter enormen Schwierigkeiten wieder generieren. «Dabei würden wir heute in unserer komplexen Welt eigentlich ganz gerne darauf zurückgreifen.»

Dennoch müsse man auch auf die Qualität von Ausbildung und Forschung achten, sagt Stephan. «Kleinere Fächer haben in der Regel auch weniger Ressourcen zur Verfügung.» So sei die Frage durchaus erlaubt, ob mit einer relativ kleinen Anzahl Dozierender und Forschender qualitativ hochstehende Ausbildung gemacht werden könne. Und wenn nicht, müsse nach geeigneten Kooperationen gesucht werden, etwa das Anbieten eines Studiengangs gemeinsam mit einer anderen Hochschule.

Gut vernetzt

Wichtig sind auch Synergien, wie im Fall der Zentralasiatischen Kulturwissenschaft: «Innerhalb des Studienprogramms Religionswissenschaft wird ja auch eine Sprachausbildung angeboten», sagt Kollmar-Paulenz. Diese könne man doppelt nutzen. Ihr Institut sei zudem gut vernetzt mit andern Instituten, etwa jenem der Islamwissenschaft und der Sozialanthropologie. Das Masterprogramm der Zentralasiatischen Kulturwissenschaft ist von Kollmar-Paulenz vor drei Jahren neu geschaffen worden. «Dies war nur möglich, weil es so gut wie kostenneutral ist.»

Die Schweizerische Rektorenkonferenz sieht für neu geschaffene Masterstudiengänge notabene eine Mindestzahl von 25 Studierenden vor. An der Uni Bern geht es im Ausnahmefall offensichtlich auch mit deutlich weniger Studierenden. Dies macht deutlich, dass sich die Uni in diesen Fragen nicht an den Buchstaben klammert. «Studierendenzahlen sind nicht das einzige Kriterium», sagt Stephan. Man müsse auch beachten, welche Dienstleistungen die einzelnen Institute für andere Studiengänge erbringen. Etwa die Statistik (mit fünf Masterstudierenden): Statistisches Wissen werde auch in anderen Gebieten nachgefragt, beispielsweise in den Wirtschaftswissenschaften, der Politologie oder Soziologie, so Stephan. «Ein solches Fach kann man keinesfalls einfach aufgeben.» (Der Bund)

Erstellt: 06.03.2009, 08:19 Uhr

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