Was Iran der Uni Bern voraushat
Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 05.03.2009
Iranische Frauen sind auf eine gute Ausbildung erpicht. (Keystone)
Frauen aus dem Ausland
1870 schrieb sich Catharina Gontscharoff, Nichte der Frau des russischen Dichters Puschkin, als erste Studentin für zwei Semester an der Universität Bern ein. Als erste Frau bestand die russische Medizinerin Rosalia Simonowitsch 1874 in Bern das Doktorexamen. Erste Berner – und auch erste europäische –Professorin wurde 1906 ebenfalls eine Ausländerin: die russisch-jüdische Philosophin Anna Tumarkin. Die erste Schweizer Studentin schloss ihr Medizinstudium in Bern 1889 mit dem Doktortitel ab. (sn)
Männer können bis zu vier Frauen heiraten und sich im Gegensatz zu Frauen jederzeit ohne Angabe von Gründen scheiden lassen. Vor Gericht ist die Aussage zweier Frauen gleich viel wert wie die eines Mannes. Frauen dürfen das Haus nicht ohne Kopftuch verlassen. Die Liste mit Ungleichheiten zwischen Mann und Frau in Iran liesse sich fortsetzen, doch mindestens in einer Hinsicht hinken viele westliche Länder dem als frauenfeindlich verschrienen Gottesstaat hinterher: Iran hat weltweit einen der höchsten Anteile an Frauen im akademischen Kader. Zählt man ordentliche, ausserordentliche und Assistenzprofessuren zusammen, sind über 20 Prozent der Lehrenden an iranischen Universitäten Frauen. Schon in den Fünfzigerjahren gab es iranische Dekaninnen – und dies ohne Frauenquoten.
Mager ist dagegen der Frauenanteil im Kader der Universität Bern: Bloss 14 Prozent aller Professuren sind in weiblicher Hand und nur die Philosophisch-historische Fakultät hat eine Dekanin. Bern ist damit Schweizer Mittelmass. Und die Schweiz ist mit durchschnittlich 13 Prozent Professorinnen Mittelmass in Europa. Hier führt Rumänien die Rangliste mit 30 Prozent weiblich besetzten Professuren an.
65 Prozent Studentinnen
In Bern forschen am wenigsten Professorinnen – 7 Prozent – an der Philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultät. An der Philosophisch-historischen sind es immerhin 25 Prozent. «Wo es viele Studentinnen gibt, gibt es auch viele Professorinnen», sagt Sibylle Drack, Leiterin der Abteilung für Gleichstellung der Universität Bern. Jedoch stimme das nicht immer: Tiermedizin studieren in Bern zu 80 Prozent Frauen. Betreut werden sie aber nur zu 11 Prozent von Professorinnen. Insgesamt studieren heute in der Schweiz etwas mehr Frauen als Männer. «Damit sich diese gleichmässiger auf alle Fächer verteilen, braucht es nicht zuletzt mehr Professorinnen in Männerdomänen», sagt Drack. Denn für junge Frauen seien diese Vorbilder.
Einseitig ist die Verteilung auch in Iran – aber umgekehrt: An der Azad-Universität etwa sind 70 Prozent der Studierenden der angewandten Physik weiblich. Da Iranerinnen weniger Berührungsängste mit Naturwissenschaft und Technik haben, sind auch die weiblichen Professuren gleichmässiger verteilt. Angesichts der Tatsache, dass 65 Prozent aller Studierenden Frauen sind, ist das weibliche Geschlecht aber auch in Iran im universitären Kader untervertreten.
Quoten für Männer
Ob es nur eine Frage der Zeit ist, bis die vielen Studentinnen auf professoraler Ebene ausreichend vertreten sind, ist fraglich. Die iranische Regierung führte kürzlich Quoten für Männer ein. Je 30 Prozent der Studienplätze in Medizin, Ingenieurswissenschaften und Humanwissenschaften sollen nach dem Geschlecht vergeben werden, der Rest nach Befähigung. Zudem fühlen sich iranische Professorinnen laut einer Umfrage an drei Universitäten benachteiligt, etwa weil sie seltener als Männer Stipendien für Forschungsaufenthalte im Ausland oder repräsentative Posten erhalten. Trotz Begleiterscheinungen wie Ungleichbehandlung und Zementierung von Stereotypen hat die islamische Revolution von 1979 paradoxerweise dazu geführt, dass es heute relativ viele Professorinnen gibt. Weil Mädchen und Jungen seither getrennt unterrichtet werden, schicken auch konservative Eltern ihre Töchter zur Schule.
«Iranerinnen wollen unbedingt eine gute Ausbildung, um mehr Freiheit zu erringen», sagt Farah Amini, Dozentin für persische Literatur an der Universität für Wissenschaft und Technik in Teheran. Frauen könnten sich zum Beispiel Zeit lassen mit Heiraten, wenn ihnen eine akademische Karriere gelinge – in der Privatwirtschaft haben sie es nach wie vor schwer und die Arbeitslosigkeit ist allgemein hoch. Ein weiterer Grund für die vielen Frauen an den Unis seien die Männer, sagt der Journalist Sayed Laylaz. «Viele von ihnen glauben seit dem Krieg gegen Irak, dass sie auch ohne Hochschulabschluss Erfolg haben können.» Zudem schreibt sich die Regierung – trotz Besorgnis angesichts der vielen gut ausgebildeten Frauen und unter dem Druck iranischer Frauenrechtlerinnen – weiterhin den Bau von Schulen und Zentren für Geschlechterforschung auf die Fahnen. «Auch Kinderbetreuung ist hier kein Problem», sagt Amini. Es gebe genug Platz in der universitären Kinderkrippe.
Subtile Diskriminierung
In Bern ist die Warteliste der universitären Kinderkrippe dagegen schier endlos. «Die mangelhafte externe Kinderbetreuung ist ein Grund, warum es wenig Professorinnen gibt», sagt Sibylle Drack. Wer akademisch aufsteigen wolle, müsse laufend publizieren, Forschungsaufenthalte im Ausland absolvieren und sich oft zwischen Kind und Karriere entscheiden.
«In der Schweiz musste ich mir anhören, als berufstätige Mutter ruiniere ich das Leben meines Kindes», sagt zum Beispiel Christine Riedtmann, Professorin für Mathematik, die eine Professur in Grenoble hatte, bevor sie nach Bern kam. «Bei der Beurteilung einer Kandidatin für eine Professur muss berücksichtigt werden, dass sich die Betreuung von kleinen Kindern auf die Mobilität und die Anzahl Publikationen auswirken kann», sagt Drack. Sei dies nicht der Fall, führe es dazu, dass Frauen subtil diskriminiert würden. «Heute kommt es nämlich sicher nicht mehr vor, dass potenzielle Professorinnen wegen ihres Aussehens oder Auftritts abgelehnt werden.»
Das mehrstufige Bologna-System an den Universitäten birgt zudem die Gefahr, dass Frauen früher als ihre Mitstudenten aus der wissenschaftlichen Laufbahn aussteigen: Laut neuesten Zahlen des Bundesamts für Statistik fahren leicht mehr Männer als Frauen unmittelbar nach dem Bachelor mit Masterstudium und Doktorat fort.
Männer wollen Väter sein
Es brauche auch die Förderung von Mentoring-Programmen, in deren Rahmen eine erfahrene Akademikerin eine unerfahrene begleite, sagt Drack. «Und vorübergehend wären Quoten hilfreich.» Auf jeden Fall reichten Gleichstellungsgesetz und -reglement nicht, solange sie nicht umgesetzt würden. «Frauenförderung müsste zur Chefsache erklärt werden.» Heute habe die Universitätsleitung andere Prioritäten. «Zudem müssten es die Frauen den Männern gleichtun und berufliche Netzwerke aufbauen.» Ein weiteres Problem sei, dass sich Frauen aufgrund geringerer Chancen auf eine spätere Professur oft nicht auf Assistenzstellen bewürben. «Ihre Erfolgschancen verringert unter anderem das Fehlen von Frauen in Auswahlgremien.»
Es gebe aber auch Fortschritte: «Seit dem Jahr 2000 haben wir den Anteil an Professorinnen verdoppelt.» Zudem finde im Moment ein Generationenwechsel statt. «Viele jüngere Männer, die an der Universität nun zum Zug kommen, haben Frauen gegenüber keine Vorurteile mehr und selber oft berufstätige Partnerinnen.» (Der Bund)
Erstellt: 05.03.2009, 08:34 Uhr
Bern
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