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Bern

Von Bohrkernen und Spam-Mails

Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 02.03.2009

Bei der Universität Bern gehen pro Minute 3700 Spam-Mails ein. In ihren Kühlräumen lagern 2200 Meter Eiszylinder. Und 900 Millionen Kilometer betrug die grösste Distanz zwischen den Forschern in Bern und einem ihrer Experimente. Der grosse akademische Gemischtwarenladen bietet sich an für Zahlenspielereien.

1 Nobelpreisträger führt die Universität Bern in ihren Annalen auf. Es ist dies der Berner Chirurg Theodor Kocher, der 1909 für seine Arbeiten «über Physiologie, Pathologie und Chirurgie der Schilddrüse» ausgezeichnet wurde. In Bern ist nicht nur der Kocherpark nach dem Nobelpreisträger benannt, in seinem Andenken verleiht die Uni Bern auch den Theodor-Kocher-Preis an die besten Nachwuchswissenschaftler. Doch eigentlich leidet die Uni darunter, nur einen Nobelpreisträger vorweisen zu können. Die ETH Zürich zum Beispiel präsentiert eine stolze Liste mit 21 Namen. Darunter finden sich aber auch Forscher, die nur kurz in Zürich gelehrt oder studiert haben.

So gerechnet käme die Uni Bern auf mindestens sechs Nobelpreisträger. Da wäre zum Beispiel Regierungsrat Charles Albert Gobat, der zwischen 1867 und 1868 in Bern Französisches Zivilrecht lehrte und 1902 zusammen mit Elie Ducommun den Friedensnobelpreis erhielt. Oder Albert Einstein, der 1921 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde und zwischen 1908 und 1909 in Bern gelehrt hatte. Kaum bekannt ist, dass Walter Rudolf Hess, Medizinnobelpreisträger 1949, ein Semester in Bern studiert hatte. Auch der Seeländer Kurt Wüthrich, Chemie-Nobelpreisträger 2002, hatte zeitweise in Bern studiert. Und schliesslich gehört auch der Berner Klimaphysiker Thomas Stocker auf die Liste. Er ist Mitglied des Uno-Klimarats, der 2007 zusammen mit dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore den Friedensnobelpreis erhielt.

Weiter könnte man auch noch Ehrendoktoren der Uni Bern wie die Schriftsteller Carl Spitteler oder Hermann Hesse auf die Ehrenliste setzen. Doch so weit geht noch nicht einmal die ETH.

3700 Spam-Mails pro Minute fischen die Filter der Universität Bern aus dem Strom an elektronischen Mitteilungen. 15 pro Minute sind durch Viren verseucht. Pro Tag landen so 5,3 Millionen Mails im virtuellen Papierkorb. Es habe aber auch schon Tage mit 50000 Spam-Mails pro Minute gegeben, sagt Informatik-Leiter Christian Heim. Im Vergleich tönen die durchschnittlich 100 brauchbaren Mails pro Minute geradezu bescheiden. In einem Jahr kommen so aber auch ansehnliche 53 Millionen ernsthafte E-Mails zusammen.

Am Uni-Netz hängen 14000 Geräte, gut die Hälfte davon sind PCs oder Laptops. Angesichts des schnellen Internet-Zugangs von 10 Gigabits pro Sekunde läuft manchem Privatsurfer, der mit 1000 Kilobits vorliebnehmen muss, das Wasser im Munde zusammen. Den schnellen Zugang brauchten vor allem die Veterinärmediziner für ihre Videokonferenzen mit der Vetsuisse-Partnerfakultät in Zürich, so Heim. Dank 200 Wireless Access Points kann an der Universität Bern praktisch überall kabellos aufs Internet zugegriffen werden. Und übrigens: Der zentrale Back-up-Speicher der Uni zur Datensicherung fasst 150 Terabytes – eine Zahl mit 15 Stellen.

900 Millionen Kilometer weit weg von Bern war die Raumsonde «Ulysses» mit einem Sonnenwind-Experiment der Universität Bern an Bord. «Weiter weg war wohl noch nie ein Ding der Uni Bern», sagt Professorin Kathrin Altwegg. Die Mission zur Erforschung der Sonne startete 1990 und dauerte bis im vergangenen Sommer. Um in eine polare Sonnenumlaufbahn zu gelangen und als Erste die Ekliptik (Ebene der Planetenbahnen) zu verlassen, musste die Sonde beim Jupiter «Schwung» holen.

Deutlich weniger weit weg, nämlich «nur» 400000 Kilometer, war das Berner Sonnensegel auf der bemannten Mondmission 1969. Ihm verdankt die Universität Bern dennoch ungleich mehr Prestige als «Ulysses». Deshalb feiert die Weltraumforschung am Physikalischen Institut dieses Jahr auch nicht nur 175 Jahre Uni Bern, sondern zudem 40 Jahre Mondlandung. Und sie bereitet sich auf den letzten Vorbeiflug von «Rosetta» an der Erde im November vor. Die Sonde wird dann über fünf Jahre unterwegs sein und 4500 Millionen Kilometer zurückgelegt haben. Ihr Ziel, den Kometen Churyumov-Gerasimenko, wird sie jedoch erst 2014 erreichen. An Bord der Sonde befindet sich ebenfalls eine Bernerin: das Analysegerät «Rosina».

3 Zivildienstleistende arbeiten derzeit an der Uni Bern. Wie Bergbauernhöfe oder Pflegeheime ist die Koordinationsstelle für Allgemeine Ökologie der Uni vom Zivildienst als «Einsatzbetrieb» anerkannt. Anstatt Alpweiden zu entbuschen oder Pflegebedürftige in Rollstühlen herumzuschieben, können akademisch gebildete Militärdienstverweigerer bei Forschungsprojekten mitarbeiten, die zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen sowie zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung beitragen. Eigentlich dürfte die Uni zwölf Zivis beschäftigen, da sie sich aber an den Kosten beteiligen muss, wurde diese Zahl noch nie erreicht.

Neben den aktuell drei Zivildienstleistenden arbeiten an der Uni Bern über 5300 Personen. Insgesamt ist das Geschlechterverhältnis praktisch ausgeglichen. In der Professorenschaft sind die Frauen mit einem Anteil von 16 Prozent aber klar untervertreten, während sie beim technischen und administrativen Personal eine Zweidrittelmehrheit stellen.

Die Uni beschäftigt Menschen aus 80 Nationen, wobei die Deutschen mit 630 Personen nach den Schweizern klar an der Spitze stehen. Besonders stark vertreten sind die Deutschen in der obersten Liga: Ein Drittel der Professorinnen und Professoren stammen aus unserem nördlichen Nachbarland. Da an der Uni Bern die Devise gilt: «Berufen werden die Besten, der Pass spielt keine Rolle», gab es Jahre, in denen mehr Deutsche als Schweizer auf Berner Lehrstühle gesetzt wurden. Bei den Studierenden gehört Bern hingegen zu den Schweizer Universitäten mit dem tiefsten Ausländeranteil – was der Universitätsleitung einiges Kopfzerbrechen bereitet, da sie den Auftrag vom Kanton hat, auch Ausländer anzulocken.

2200 Meter Eisbohrkerne lagern bei minus 24 Grad in zwei grossen Kühlräumen im Keller der Exakten Wissenschaften. Sie stammen aus Bohrungen in Grönland und der Antarktis und dokumentieren das Klima der letzten 800000 Jahre. Sollten die Kühlaggregate einmal ausfallen, würden die 55 oder 100 Zentimeter langen Stücke dank gut isolierten Boxen 24 bis 48 Stunden überleben. In Bern werden vor allem die im Eis eingeschlossenen Gase analysiert. Dazu brauche man nicht den vollständigen Bohrkern, erklärt Klimaphysiker Adrian Schilt. Für die Gasanalysen sei es ausreichend, wenn jeder zweite Meter der teilweise über 3000 Meter langen Bohrkerne nach Bern komme.

Spätestens seit Heinrich Wild für den russischen Zaren den Wetterdienst aufgebaut hat, ist Berner Klimaforschung in der Welt ein Begriff. Seit 2001 ist die Uni Bern Stammhaus des Nationalen Forschungsschwerpunkts Klima und koordiniert die Arbeit von nahezu 200 Wissenschaftlern an einem guten Dutzend Forschungsinstituten. (Der Bund)

Erstellt: 02.03.2009, 11:04 Uhr

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