Vom Pöpperlikurs zu den Clinical Skills
Von Claudia Badertscher. Aktualisiert am 03.03.2009
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Zu den Personen
Renate Cottier wurde 1920 in Bern geboren, wo sie zwischen 1940 und 1946 an der Universität Bern Medizin studierte. Nach dem Studium lebte sie ein halbes Jahr in England und ein Jahr in Amerika. Später half sie ihrem Mann in der Privatpraxis in Matten bei Interlaken. Sie hat vier Kinder.
Nora Renz ist 25-jährig. Sie kommt aus Münchenbuchsee und studierte zwischen 2002 und 2008 an der Universität Bern Medizin. Nun arbeitet sie auf der Inneren Medizin in der Berner Klinik Sonnenhof. (cba)
«Bund»: Frau Cottier, fast während Ihrer gesamten Studienzeit von 1940 bis 1946 tobte der Zweite Weltkrieg. Wie stark hat das ihr Studium geprägt?
Renate Cottier: Die männlichen Mitstudenten waren oftmals abwesend, da sie in den Aktivdienst eingezogen wurden. Ich schrieb die Vorlesungen genau mit, sodass sie die Materie nachlesen konnten, wenn sie Urlaub erhielten. Auch mein Mann, der mit mir studierte und den ich im 9. Semester heiratete, war im Dienst. Ich leistete in den Semesterferien wiederholt Landdienst auf einem Bauernhof, um auch etwas Nützliches zu tun. Weil die Schweiz vom Krieg völlig eingeschlossen war, konnten wir zudem nicht ins Ausland gehen. Viele Mitstudenten blieben während ihres gesamten Studiums in Bern. Mein Mann und ich wollten aber gerne Neues kennenlernen, so haben wir in der Schweiz an anderen Universitäten studiert: ein Semester in Zürich, zwei in Lausanne.
Nora Renz: Diese Eingeschlossenheit kann man sich heute nur noch schwer vorstellen. Heute gibt es im Medizinstudium ein Wahlstudienjahr, in welchem man auch Praktika im Ausland wählen kann. Ich arbeitete in Berlin und auf den Salomon-Inseln mitten im Pazifik, was ich als sehr bereichernd empfand.
Hat sich das Studium selbst ebenso stark gewandelt wie die Umstände?
Renz: Ich denke, das Medizinstudium ist heute viel stärker aufs Selbststudium ausgerichtet. Dadurch mussten wir vor allem in den ersten drei Jahren nicht jeden Tag an der Uni präsent sein. Es gab gar Wochen, in denen wir an nur vier Halbtagen Unterricht hatten. Im Gegensatz zu früher können heute auch Medizinstudierende ab und zu ausschlafen.
Cottier: Wir hatten dagegen einen strukturierten Alltag. Von morgens um acht Uhr bis abends sassen wir in den Vorlesungen oder Praktika.
Renz: Heute gibt es im Grundstudium nur noch wenige Vorlesungen. Gerade in Bern wird viel Wert auf das ,Problem-Based Learning‘ gelegt, also problemorientiertes Lernen. Das heisst: Wir erarbeiteten die Materie vorab im Selbststudium und besprachen sie danach in Übungsgruppen. Das erforderte viel Selbstdisziplin.
Cottier: Und was doziert der Professor?
Renz: Er hält sogenannte Konzeptvorlesungen, in denen er eine Übersicht über den neuen Lernstoff gibt, und betreut die Übungsgruppen.
Nicht nur die Unterrichtstechnik, auch die Verfügbarkeit der Information hat sich stark verändert.
Cottier: Als Unterlagen dienten uns Skripte und die eigenen Aufzeichnungen. Heute kann man ja alles ,herunterladen‘, wie man sagt.
Renz: Ja, bei uns war vieles online – Vorlesungsunterlagen, Texte, Skripte, selbst Diskussionen über Lerninhalte wurden übers Internet geführt.
Cottier: Braucht es die umfangreichen Lehrbücher nicht mehr?
Renz: Doch, die kenne ich nur allzu gut.
Ein Medizinstudium besteht aber nicht nur aus Theorie, sondern hat auch praktische Inhalte.
Cottier: Zwischen den Vorlesungen dislozierten wir in die Kliniken in der Insel. Dort wurden wir in kleinen Gruppen einem Arzt zugeteilt. Dann standen wir zu viert um einen Patienten herum und lernten zum Beispiel, wie man eine Lunge oder ein Herz abhört – das nannten wir «Pöpperlikurs».
Renz: Genauso war es bei uns auch. Nur nennt sich dies jetzt ,Clinical Skills‘, was so viel bedeutet wie klinische Fertigkeiten.
War es im Studium von Nachteil, eine Frau zu sein?
Cottier: Eigentlich nicht. In meinem Jahrgang absolvierten 32 Männer und nur 3 Frauen das Staatsexamen. Manchmal sagte der Pathologe scherzend zu den Kommilitonen: Die Studentinnen sind schon recht, aber ihr müsst sie wegheiraten.
Renz: Bei uns war das Verhältnis ganz anders. Von 140 Studierenden waren über die Hälfte Frauen. Und eher die Männer stiessen manchmal an Grenzen. So wollten sich zum Beispiel Patientinnen im Gynäkologie-Praktikum nicht von ihnen untersuchen lassen. Manche tolerierten auch nicht, dass die Männer bei Geburten zugegen waren.
Wie haben Sie sich das Studium finanziert?
Renz: Meine Eltern unterstützten mich immer finanziell und bezahlten auch die Miete in der Wohngemeinschaft. Zusätzlich arbeitete ich zu zehn Prozent in einem Büro. Das sorgte auch für Abwechslung zum Studium.
Cottier: Wir waren während des Semesters ja zeitlich mehr gebunden. Allerdings bin ich am Anfang des Studiums jeden Mittag nach Hause geradelt, um im Restaurant meiner Mutter zu helfen. Am Nachmittag musste ich zurück an die Uni. Dass man mit anpackte, war selbstverständlich. Das vegetarische Restaurant, das im ersten Stock des heutigen Ryfflihofs lag, hatte meine Mutter nach dem frühen Tod meines Vaters selbstständig aufgebaut. Sie hoffte auf meine spätere Mitarbeit. Ich aber wollte Medizin studieren. Deshalb schloss ich einen ,Deal‘ mit meiner Mutter: Ich sollte nach der Matur ein Jahr in eine Haushaltsschule gehen. Im Gegenzug konnte ich dann an die Uni. Später mit den vier Kindern war mir das von Nutzen.
Eine grosse Familie. Blieb da noch Zeit, um Ihrem Beruf nachzugehen?
Cottier: Kinder zu haben war für mich stets ein Ziel. Bald nach dem Studium gründeten mein Mann und ich eine Familie. Er wurde später medizinischer Chefarzt in Interlaken. Zudem hatten wir in Matten zweimal in der Woche Privatpraxis in unserem Haus, wo ich mithalf. Hauptsächlich besorgte ich aber die Familie und das Haus.
Renz: Für mich stellt sich die Frage einer Familie momentan noch nicht. Soeben habe ich in der Berner Klinik Sonnenhof eine Stelle als Assistenzärztin angetreten. Ich könnte mir vorstellen, später eine Familie zu haben und Teilzeit zu arbeiten. Das kommt immer mehr. Muss es auch, bei all den Frauen, die Medizin studieren. (Der Bund)
Erstellt: 03.03.2009, 08:24 Uhr
Bern
Familie, Beruf und Studium
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