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Bern

Tribüne: Uni Bern forever

Von Benedikt Weibel. Aktualisiert am 03.03.2009

Ich weiss nicht mehr, was mich dazu bewogen hat, Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Es mögen einige Freunde gewesen sein, die bereits in Bern an der Uni waren.

Benedikt Weibel. (frz)

Benedikt Weibel. (frz)

Zur Person

Benedikt Weibel, geboren 1946, war von 1993 bis 2006 Vorsitzender der Geschäftsleitung der SBB. Er studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bern. Letztes Jahr war er Delegierter des Bundesrates für die Euro 08.

So pendelte ich zunächst ein Jahr von Solothurn nach Bern, mein erster intensiver Bezug zur Eisenbahn. In Bätterkinden stieg jeweils mein Schulkollege Ernst «Aschi» Leuenberger zu, der an der gleichen Fakultät Soziologie studierte.

Das war in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre und es lag etwas in der Luft. Aschi wurde zunehmend vom politischen Virus infisziert, ich selber eher von den Rolling Stones und von Bob Dylan. Am meisten beeindruckte mich ein Kommilitone, der eine Vietcong-Fahne auf die Spitze des Münsters pflanzte. Ich war selber Felskletterer und konnte diese Leistung gebührend würdigen. Vom Studium hielt mich der neue Zeitgeist nicht ab. Meine Solothurner Freunde waren ausgesprochen kompetitiv und es galt, sich mit besten Noten zu profilieren. Gegen Ende des Studiums wurde ich Hilfsassistent am Betriebswirtschaftlichen Institut (BWI) bei Professor Walter Müller.

So lag es auf der Hand, dass ich nach meinem Abschluss als vollwertiger Assistent am BWI weiter wirkte. Ich bin Professor Müller für diese grossartige Zeit noch heute dankbar. Sein Assistenten-Team, darunter Ulrich Gygi, Rolf Ritschard und Peter Siegenthaler, erreichte später unter dem Namen «Müller Boys» nationale Bekanntheit.

Am Institut herrschte ein Klima intensivster intellektueller Konkurrenz. Wir lasen enorm viel und nicht nur betriebswirtschaftliche Fachliteratur im engeren Sinne. Der Donnerstagnachmittag war jeweils der gemeinsamen Weiterbildung gewidmet. So interpretierten wir ein ganzes Jahr lang das «Tractatus Logico Philosophicus» von Ludwig Wittgenstein und lasen dazu alles, was als Sekundärliteratur aufzutreiben war. Gross im Kurs war auch die Wissenschaftstheorie mit Karl R. Poppers «Logik der Forschung» im Zentrum. Der Kern der Lehr- und Forschungstätigkeit am BWI war die Entscheidungstheorie, in der ich schliesslich auch dissertierte. Wir haben uns damit Denkstrukturen angeeignet, die mich während meines gesamten Berufslebens begleitet haben. Heute bin ich überzeugt, dass diese Jahre am BWI massgebend dazu beigetragen haben, die Fähigkeit zur «Pattern Recognition» zu entwickeln. Gemäss Reglement war die Zeit als Assistent auf sieben Jahre beschränkt. Ich habe diesen Spielraum voll ausgeschöpft.

Die lange und glückliche Zeit an der Uni hatte indessen einen Nachteil: Ich war mittlerweile 32 Jahre alt und ohne jede Berufspraxis. Und diese Biografie machte es mir bei der Stellensuche nicht leicht. Ich schrieb über 30 Bewerbungen und erhielt ebenso viele Absagen, bis ich endlich einen Vertrag mit IBM unterschreiben konnte. Erst danach erfuhr ich von einer Möglichkeit bei der SBB, interessierte mich dafür und erhielt schliesslich die Stelle. Zufall oder Schicksal? Jedenfalls keine Karriereplanung.

Etwas hat sich bis heute nicht verändert. Die Müller Boys treffen sich noch immer jede Woche in der Länggasse zum Mittagessen. Auch beruflich kreuzten sich unsere Wege immer wieder. Grosse Augen machte ich, als mein Schul-, Pendler- und Studienkollege Aschi Vizepräsident und später Präsident der Bahn-Gewerkschaft wurde. So konnten wir unsere eingeübte Streitkultur vortrefflich weiterführen.

Nun hat sich der Kreis geschlossen. Ich lehre wieder an der Uni. Meine Vorlesung habe ich «Praktisches Management» getauft. Mit dieser fast wie ein Pleonasmus wirkenden Bezeichnung will ich zum Ausdruck bringen, dass es mir darum geht, den Studierenden praxisnahe Instrumente mit auf ihren beruflichen Weg zu geben. Ein Kapitel befasst sich mit der Lösung von Problemen. Und da findet sich immer noch ein Restbestand der Müllerschen Entscheidungstheorie. (Der Bund)

Erstellt: 03.03.2009, 11:28 Uhr

Bern

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