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Bern

Schiesserei am chemischen Institut

Von Claudia Badertscher. Aktualisiert am 09.03.2009

Er sei ein Schurke, sagte ein Student vor über hundert Jahren zu seinem Kollegen. Zwei Tage später streckte dieser einen dritten Studenten nieder. Was geschah dazwischen? Ein Berner Lizenziand ist der Schiesserei an der Universität Bern nachgegangen.

Freitag, den 15. Februar 1901. Jäh knallt ein Schuss durch die Gänge des chemischen Instituts der Universität Bern an der Freiestrasse. Ein Chemiestudent aus Como spurtet vom Labor in den Korridor. Dort stehen sich seine russischen Mitstudenten Dragnewitsch und Kopelsohn gegenüber. Der Italiener sieht, «dass Dragnewitsch den Revolver gegen Kopelsohn ausstrekte». Der Angegriffene versucht auszuweichen, wendet sich «bald rechts, bald links, bald vorwärts». Vergebens, denn «im gleichen Augenblik fiel der zweite Schuss, worauf hin Kopelsohn in die Knie sank».

Diesen Tathergang gab der Augenzeuge später vor den Untersuchungsrichtern zu Protokoll. Seine Aussage lässt sich in den Gerichtsakten im Staatsarchiv des Kantons Bern nachlesen. Für seine Lizenziatsarbeit durchackerte der Berner Geschichtsstudent Maurice Cottier alle Akten zu Gewaltverbrechen, die zwischen 1890 und 1927 im Amtsbezirk Bern angezeigt worden waren. Dabei stiess der 27-Jährige auch auf den hundert Jahre alten Zwist zwischen den beiden Studenten aus Russland. «Um die Jahrhundertwende machten die russischen Studenten in Bern zirka einen Drittel der Studentenschaft aus», sagt die Historikerin Franziska Rogger vom Universitätsarchiv Bern. Dass an der Uni scharf geschossen wurde, war aber aussergewöhnlich. Cottier: «Im von mir untersuchten Zeitraum wurde keine andere Schiesserei an der Uni Bern vor Gericht verhandelt.»

Am Anfang stand ein Wortgefecht. Aber nicht etwa zwischen dem späteren Opfer Kopelsohn und dem späteren Täter Dragnewitsch. Vielmehr warf Dragnewitsch am 13. Februar 1901 einem weiteren russischen Kommilitonen namens Perelstein vor, er habe in einer Sache schurkisch gehandelt. Perelstein entgegnete, Dragnewitsch sei selbst ein Schurke. Der so Betitelte drohte umgehend mit einer Ohrfeige. Es blieb nicht bei der Drohung. Als Perelstein am Abend desselben Tages nach Hause an die Zähringerstrasse kam, wurde er bereits von Dragnewitsch erwartet, der ihn mit «einem heftigen Faustschlag an die linke Schläfe» begrüsste. Am nächsten Tag erst kam Kopelsohn – das spätere Opfer – ins Spiel. Er vernahm an der Uni von dem Faustschlag. Dies versetzte ihn gemäss eigenen Angaben «sehr in Wallung» und er beschimpfte «den Dragnewitsch in heftiger Weise». Ein weiterer Russe mischte sich ein und hielt Dragnewitsch vor, dass «nur besoffene Bauern sich auf diese Weise schlagen». Um die Angelegenheit zu regeln, versammelten sich tags darauf zehn russische Chemiestudenten, darunter auch die Streithähne. Dragnewitsch zeigte sich bereit, sich zu entschuldigen. Dennoch brach bald wieder Streit aus, im Laufe dessen Kopelsohn Dragnewitsch abermals beschimpfte. Dann verliess dieser die Runde. Die verbliebenen Russen verfassten eine Resolution. Sie beschlossen, «jeden kameradschaftlichen Verkehr mit Herrn Dragnewitsch zu beenden». Denn dieser habe «schändlich, barbarisch und beleidigend für uns als Menschen und Studenten» gehandelt.

«Aus historischer Perspektive ist interessant, wie stark ein Grossteil der russischen Studenten den unbeherrschten Gewaltausbruch von Dragnewitsch verabscheute. So wurde sein Faustschlag gar mit einer schriftlichen Resolution sanktioniert», so der Lizenziand Cottier. Er erklärt: «Das Verhalten der russischen Studenten ist im Kontext von Ehre zu sehen.» So hätten sie Dragnewitsch aus ihrer Runde verstossen, weil er mit seinem Faustschlag den unter ihnen geltenden Ehrenkodex verletzt habe. Denn dieser forderte, dass man sich als Student zu beherrschen und Konflikte kontrolliert zu lösen habe. Diese Regel einzuhalten, habe unter den russischen Studenten fast «den Stellenwert einer heiligen Pflicht» gehabt. Cottier: «Dragnewitsch hat diese Pflicht verletzt, indem er sich ,wie ein Bauer‘ geprügelt hat. Deshalb beschimpften die anderen Russen ihn scharf, was wiederum Dragnewitsch in Rage brachte.» Aus der Forschung sei bekannt, so Cottier, dass im Deutschen Reich Studenten als Reaktion auf eine Beleidigung ihre Kontrahenten zu einem Revolver- oder Säbelduell auffordern konnten. «Duelle galten damals – im Gegensatz zum unbeherrschten Dreinschlagen – als geregelte und daher ehrenhafte Form der Gewalt.» In Bern wurden gemäss Universitätsarchivarin Rogger innerhalb der schlagenden Verbindungen öfters Duelle mit dem Degen, nicht aber mit Revolvern ausgetragen. Diese hätten etliche Verwundete hinterlassen.

Nachdem er die Versammlung verlassen hatte, ging Dragnewitsch in die Stadt und kaufte zwei Revolver. Zurück an der Uni, trat er vor Kopelsohn. Er forderte ihn zum Duell – als «Genugthuung für die gegen mich geschleuderten Schimpfworte». Kopelsohn aber lehnte ab. Da verlor Dragnewitsch erneut die Selbstbeherrschung: «Ich zog nun den Revolver aus der Hosentasche und schoss auf Kopelsohn.» Eine Kugel traf den linken Arm seines Kommilitonen, die zweite bohrte sich in sein Knie. Er erlitt «bleibenden Nachtheil». Das Berner Geschworenengericht anerkannte dem geständigen Dragnewitsch strafmildernd zu, zum Zeitpunkt der Tat sei «seine Zurechnungsfähigkeit erheblich gemindert» gewesen. Er wurde zu neun Monaten «Correctionshaus» verurteilt und musste für die Prozesskosten in der Höhe von 789.75 Franken aufkommen. (Der Bund)

Erstellt: 09.03.2009, 10:58 Uhr

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