Repräsentatives im alten Arbeiterviertel
Von Ruedi Kunz. Aktualisiert am 03.03.2009
Im ländlich-konservativ geprägten Kanton Bern hat man in der Regel wenig übrig für repräsentative Bauten, die der Steuerzahler berappen muss. Funktional sollen die Gebäude sein und nicht zu viel kosten, tönt es vielstimmig, wenn der Souverän zur Kasse gebeten wird. Das bekommt auch die grösste Bildungsanstalt des Kantons, die Universität, zu spüren, wenn grosse Planungsvorhaben anstehen. Wer weiss, ob beispielsweise ein Staatskredit für das Anfang des 20. Jahrhunderts eingeweihte Hauptgebäude durchgewunken worden wäre. Denn was zwischen 1898 und 1903 auf der Grossen Schanze entstand, ist kein Beispiel von Bescheidenheit und Zurückhaltung. Im Gegenteil: Das Gebäude der beiden Architekten Alfred Hodler und Eduard Joos ist ein wichtiger Zeuge der Repräsentationsarchitektur um 1900. «Mit ihren der Stadt zugewandten Schaufronten bilden die Gebäude ein beeindruckendes Ensemble öffentlicher Monumentalbauten im Stil der Neorenaissance und des Neobarocks», heisst es im Ende März erscheinenden Buch «Stadt Universität Bern – 175 Jahre Bauten und Kunstwerke». Zusammen mit dem ehemaligen Frauenspital und der als Verwaltungssitz der Jura-Simplon-Bahn errichteten Generaldirektion der SBB nimmt der Uni-Hauptsitz eine wichtige städtebauliche Funktion am Eingang zum Länggassquartier wahr. «Mit dem Bau wurde der Auszug der Universität in die Quartiere (Muesmatt und Kreuzmatte), der in den 1870er-Jahren begonnen hatte, nun auch noch auf repräsentativer Ebene besiegelt», schreibt Christoph Schläppi im elektronischen Architekturführer der Uni Bern.
Salvisberg setzt auf Sichtbeton
Von grosser städtebaulicher Bedeutung sind die markanten Längsgebäude der Institute für Geologie und Rechtsmedizin sowie des kantonalen Laboratoriums. Die Institutsneubauten wurden von 1928 bis 1931 durch Otto Rudolf Salvisberg, neben Le Corbusier und Karl Moser einer der renommiertesten und erfolgreichsten Schweizer Architekten seiner Zeit, sowie dessen Partner Otto Brechbühl errichtet. Sie sind das bekannteste Beispiel des Neuen Bauens in Bern. Insbesondere die für diese Zeitepoche mutige Fassadengestaltung in Sichtbeton sowie das monumentale skulpturale Volumen wird von Architekturkritikern gelobt.
Das Gebäude polarisiert bis heute Nutzer wie Fachleute. «Während die einen seine Dimensionen und Materialität kritisieren, feiern die anderen seine städtebauliche und gestalterische Radikalität und die für das architektonische Denken der Moderne exemplarische Haltung», so Schläppi. Wie auch immer: Die Salvisberg-Bauten haben sich weit über die Kantonsgrenzen hinaus einen Namen geschaffen und wurden auch schon als nationales Markenzeichen innerhalb der Bewegung des Neuen Bauens bezeichnet.
Die Zeit der Hochhäuser
Die stetig wachsende Zahl der Studierenden nach dem 2. Weltkrieg verlangte nach immer mehr Neubauten. In den 1950er- und 1960er-Jahre entstanden in kurzen Abständen die Zahnmedizinischen Kliniken (Architekten: Otto Brechbühl und Bernhard H. Matti), das Institut für Exakte Wissenschaften (Architekten: Hans und Gret Reinhard), das Tierspital der Uni Bern (Architekt: Walter Schwaar) und das Chemische Institut (Architekt: Rolf Gerber). Seit Mitte der 1950er-Jahre folge das Bauprogramm der Uni «den internationalen Tendenzen von grossvolumigen Hochhäusern, Zeilenbauten und in Cluster aufgelösten Gebäudeensembles», umschreibt Anna Minta in «Stadt Universität Bern» die Hochschulhäuser der damaligen Zeit.
Campus-Gedanke kommt auf
Weil die Uni Bern punkto Raumangebot allenthalben an Grenzen stiess, wurde in den 1960er-Jahren ernsthaft über die Verlegung der Bildungsstätten auf die grüne Wiese diskutiert. Zur Debatte standen ein grosser Campus auf dem Viererfeld oder in der Gegend von Bümpliz und Riedbach. Die Erdölkrise und die sichtbaren Folgen der Zersiedelung der Landschaft nahmen den Befürwortern einer Campusuniversität am Stadtrand den Wind aus den Segeln. Hinzu kam, dass sich die Uni seit jeher als eine Stadtuniversität verstand. Letztlich waren es finanzielle Überlegungen, welche dem Projekt Campus Viererfeld den Todesstoss versetzten.
Mit dem Entscheid des Grossen Rats, das Gelände der nach Bern Brünnen gezogenen Schokoladefabrik Tobler an der Länggassstrasse zu kaufen, fiel 1982 definitiv die Entscheidung für den Verbleib der Hochschule mitten in einem belebten Wohnquartier.
Die Umnutzung des Tobler-Areals in ein Zentrum für Sozial- und Geisteswissenschaften ist der Startschuss für das Zusammenführen von zeitgenössischer Architektur und historischen Gebäuden. Schläppi schreibt dazu: «Über den Imagewandel, den die philosophisch-historische Fakultät durch den Bezug der ehemaligen Chocolat Tobler erfahren hat, lassen sich nur Mutmassungen anstellen. Geglückt ist in jedem Fall die Integration ins Wohnquartier: Dieses profitiert nicht nur von der Belebung durch die Universität, sondern auch vom grossen Platanenhof, der zu einem der räumlichen Zentren des Quartiers geworden ist.»
Das Projekt Unitobler, konzipiert von der Architektengemeinschaft Pierre Clémençon, Daniel Herren und Andrea Roost, wurde mit zahlreichen Preisen geehrt (u.a. SIA-Preis 1996 für nachhaltiges Bauen und Wakkerpreis 1997 für beispielhaften Ortsbildschutz).
Denkfabrik am Stadtrand
Eine weitere Kombination von Alt- und Neubau wurde zwischen 2002 und 2005 zuvorderst in der Länggasse realisiert. Die Rede ist von der UniS im ehemaligen Frauenspital an der Schanzeneckstrasse 1. Das Gebäude für die Rechtswissenschaftliche Fakultät, konzipiert von den Architektenbüros von Allmen und Matti-Ragaz-Hitz, kam in Fachkreisen gut an und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet.
Das dritte grosse Umnutzungsprojekt ist auf dem Von-Roll-Areal geplant. Bis 2013 werden 240 Millionen Franken für die Pädagogische Hochschule verbaut. Sie ist Teil der Strategie 3012, welche die Konzentration der Uni auf mehrere Standorte in der Länggasse vorsieht.
Mit Uni leben gelernt
Im ehemaligen Arbeiterviertel, wo wegen der zahlreichen Expansionsprojekte anfänglich Befürchtungen bestanden, die Wohnbevölkerung und das Gewerbe würden immer mehr an den Rand gedrängt, hat man sich inzwischen arrangiert. «Quartier und Uni sind eng miteinander verzahnt. Gastrobetriebe und andere Geschäfte profitieren von den zahlreichen Studentinnen und Studenten», sagt Anna Minta. (Der Bund)
Erstellt: 03.03.2009, 09:31 Uhr
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