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Bern

«Mir Bärner hei ke Uni us Elfebei»

Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 06.03.2009

Die Universität Bern begeht ihren 175. Geburtstag mit grossem Brimborium. Sie preist sich dabei als «Uni für alle» an und will Gräben zwischen Akademikern und der breiten Bevölkerung überwinden. Neu ist das nicht. Seit der Gründung ringt die Uni um ihre Verankerung in der Gesellschaft.

Die Hochschule geht zum Volk: Wanderschau zum 150. Geburtstag der Universität Bern im Jahr 1984.

Die Hochschule geht zum Volk: Wanderschau zum 150. Geburtstag der Universität Bern im Jahr 1984.
Bild: zvg

Die Universität ist naturgemäss eine Ausbildungsstätte für wenige. Seit ihrer Gründung im Jahr 1834 versucht sie dennoch, auch eine Institution für alle zu sein. Anders als ihre Vorgängerinnen, die Hohe Schule und die Akademie, war die Universität nicht mehr der Obrigkeit des Alten Berns verpflichtet und konnte sich nicht mehr vom «Pöbel» abgrenzen. Mit dem liberalen Umschwung in Bern, dessen Kind die Universität war, wurde die Hochschule zur öffentlichen Institution unter Kontrolle der repräsentativen Demokratie. «Unablässig umschwebe uns der Geist des Volkes, aus dem die Hochschule hervorging», sagte Rektor Wilhelm Snell an der Eröffnung. Und die Historikerin Beatrix Mesmer schrieb in der Hochschulgeschichte Berns 1528–1984: «Wenn auch weiterhin nur ein kleiner Teil der Bevölkerung die Hochschule durchlief, so war doch ein wesentlich grösserer Teil nun aufgerufen, sich eine Meinung über sie zu bilden.»

Für die Universität bedeutete dies natürlich auch, dass sie sich um die Unterstützung durch Volk und Politik bemühen musste. Der jungen Institution fiel das nicht leicht. Ihr schlug von Stadt und Land Misstrauen entgegen, wie Mesmer feststellte. Die Landbevölkerung hatte keinen Kontakt zur Uni und sah ihre Interessen zu wenig vertreten. In der Stadt wiederum blieb die kantonale Universität lange eine «Enklave auf burgerlich-konservativ beherrschtem Territorium».

Persönlichkeiten und Festakte

Erst mit der Zeit gelang es ihr, Brücken zur breiten Bevölkerung in Stadt und Land zu schlagen. Eine wichtige Rolle spielten dabei zunächst populäre Professoren, die nutzbringenden Fortschritt verkörperten, wie etwa der Chirurg und Nobelpreisträger Theodor Kocher. Zunehmend wichtiger wurden aber auch Festakte wie die jährlichen Stiftungsfeiern und die Jubiläen. Diesbezüglich in eine gute Zeit fiel die 100-Jahr-Feier im Jahr 1934. Angesichts der äusseren Bedrohung rückten Stadt und Land, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen, was sich direkt in einem zum Jubiläum gestifteten Wandgemälde in der Aula manifestierte. Die Hochschule nutzte die Krise, um ihre eigene Legitimation zu unterstreichen: Wenn sich die Schweiz als Kleinstaat behaupten wolle, so müsse sie ihren wissenschaftlichen Rang bewahren, betonte Unterrichtsdirektor Alfred Rudolf. Und: «Unsere hohen Schulen sind die festen Türme, in denen die geistige Ebenbürtigkeit Helvetiens geschmiedet wird.»

Ähnliche Argumente – mit etwas weniger Pathos verziert – wird man in den nächsten Wochen sicher auch an den Feierlichkeiten zum 175-Jahr-Jubiläum hören. Und auch die demonstrative Verbindung von Tradition und Modernität hat nichts an Aktualität eingebüsst: Bei der 100-Jahr-Feier kam zum ersten Mal das neue Medium Radio zum Einsatz, während die Verbindungen die alten akademischen Bräuche hochhielten. 75 Jahre später ist das Internet zum Leitmedium der Feierlichkeiten geworden. Traditionelle Elemente, wie etwa den Festakt für die Honoratioren im Berner Münster, kommen aber auch nicht zu kurz.

Trotz Bemühungen der Uni wurde ihre vermeintliche Volkstümlichkeit aber immer wieder in Frage gestellt. 1949 kritisierte gar der «Bund» – «die sonst immer ausgesprochen universitätsfreundliche Zeitung» (Mesmer) – den akademischen Standesdünkel: «Die natürliche Achtung, die das Volk für echte höhere Bildung haben muss, leidet durch einen gewissen Snobismus der ,Erlesenen‘ und ,Erleuchteten‘.» Dieses Bild haftet der Universität teilweise bis heute an, obschon sie in den letzten Jahrzehnten viel unternommen hat, um es loszuwerden. 1969 schuf die Universität beispielsweise eine eigene Pressestelle und öffnete erstmals die Türen ihrer Institute, was Tausende anzog.

Konzentration auf Nützliches

Einen vorläufigen Höhepunkt der volksnahen Selbstinszenierung erreichte die Uni zu ihrem 150. Geburtstag im Jahr 1984. «Mir Bärner hei ke Uni us Elfebei.» So betitelte die Hochschule ihre Jubiläumsschrift und porträtierte darin Tierärzte, Pfarrer und Lehrer – alles Berufsleute, die der Gesellschaft von direktem Nutzen sind. Ausserdem wurde in der Schrift minutiös aufgezeigt, welchen Nutzen die Universität der Volkswirtschaft bringt. Diese radikale Konzentration auf das unmittelbar Nützliche lässt heute manchem Vertreter des humboldtschen Bildungsideals die Haare zu Berge stehen. «Eine gute Uni entwickelt oft Dinge, von denen wir im Moment meinen, sie seien zu nichts nütze, die aber für unsere Entwicklung dennoch entscheidend sind», sagt beispielsweise Erziehungsdirektor Bernhard Pulver.

«Endlich öffnet sich die Uni»

Vor 25 Jahren stiess die Öffnung aber auf Zustimmung: «Die Akademiker haben den Nimbus des Elitären verloren und sind zu Fachleuten geworden, deren Dienstleistungen in immer stärkerem Masse gefragt sind», schrieb Mesmer. Und in den Zeitungen waren Reaktionen zu lesen wie: «Endlich öffnet sich die Uni nach aussen.» Gut angekommen sind auch die Bemühungen der Universität, sich ausserhalb der Stadt Bern zu präsentieren. Den ganzen Sommer über tourte «Das fahrende Kleinkino» mit Filmen über Astronomie oder Tiermedizin durch den Kanton, und die Wanderschau «Der denkende Planet» zog von Gstaad bis nach Moutier.

Auch zum 175-Jahr-Jubiläum sucht die Universität Bern wieder betont die Nähe zu jenen über 70 Prozent der Bevölkerung, die nicht studiert haben. «Wissen schafft Wert. Für alle», heisst das Motto.Viele Elemente der Feierlichkeiten könnten dabei aus dem Festprogramm von 1984 stammen. Schon damals wurden geologische Exkursionen ins Oberland angeboten oder Medizin zum Mitmachen präsentiert («Testen Sie, wie Sie auf Hyperventilation reagieren»). Sogar das Thema Klimawandel wurde damals bereits angeschnitten. Und auch das Strassenfest in der Länggasse ist keine neue Erfindung.

«Mit der 175-Jahr-Feier möchten wir zeigen, was die Uni den Menschen in Stadt und Kanton bringt», sagt Rektor Urs Würgler. Gleichzeitig erwartet er von seiner Uni, dass sie künftig selbstbewusster auftritt. Das heisst nun aber nicht, dass wir die Rückkehr des Standesdünkels befürchten müssen. Vielmehr wird die Uni wohl künftig stolz aufzeigen, was sie ist, und weniger Energie aufwenden, um zu zeigen, was sie nicht ist («Uni us Elfebei»). Schliesslich darf eine Universität ja auch ein bisschen abgehoben sein. (Der Bund)

Erstellt: 06.03.2009, 08:43 Uhr

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