Forscherblick auf Sans-Papiers
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Sans-Papiers führen ein Leben am Rande der Gesellschaft – und sind doch mitten unter uns! Sie müssen jederzeit damit rechnen, von der Polizei kontrolliert zu werden, und trotzdem fahren sie jeden Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu ihrem Arbeitsplatz. Sie dürfen das Geheimnis um ihren Aufenthaltsstatus niemandem anvertrauen, unterhalten sich aber trotzdem höflich mit den Wohnungsnachbarn. Sie werden genauso oft krank oder sind von Unfällen betroffen wie wir alle – verfügen aber oftmals über keine Krankenversicherung, weshalb sie lieber zu Hause bleiben, als das Risiko einer Enttarnung durch einen Arztbesuch einzugehen.
Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere werden durch ihren irregulären Status in eine Art Schattendasein verbannt, sie dürfen nicht auffallen, um nicht kontrolliert und entdeckt zu werden. Ihr Leben ist also geprägt durch den Versuch, möglichst unauffällig zu bleiben, sich nicht unnötig an öffentlichen Plätzen aufzuhalten, möglichst alle Kontakte mit Behörden zu vermeiden und nur äusserst vorsichtig soziale Kontakte zu knüpfen. Diese durch die rechtliche Situation erzwungenen Umstände behindern viele integrationsfördernde Aktivitäten.
Viele wissen sich durchzuschlagen
Dennoch gelingt es unzähligen Sans-Papiers recht gut, ihr Leben ohne Aufenthaltsbewilligung führen zu können und auch ausserordentliche Ereignisse zu meistern. So zu leben, ohne aufzufallen, deutet wiederum auf eine sehr gute Integration hin. Wie schaffen sie es, sich unbemerkt in der Gesellschaft zu bewegen? Und was bedeutet es für sie?
Trotz der Fähigkeit, sich unauffällig im Rechtsstaat Schweiz zu bewegen, ist die Lebensrealität der Sans-Papiers von mannigfaltigen Problemen geprägt: Arbeit, Sicherheit, Gesundheit, Psyche, Bildung, Wohnen und soziale Netzwerke sind zusammenhängende Bereiche, die Grundrechte und persönliche Grundbedürfnisse betreffen und über spezielle Handlungsstrategien angegangen werden müssen. Was für viele Einheimische selbstverständlich erscheint, wird im Alltag von Sans-Papiers zur Herausforderung; alltägliche Dinge wie der Gang zum Einkaufszentrum oder zur Post sind für sie weder selbstverständlich noch unproblematisch, da sie sich im öffentlichen Raum nicht sicher fühlen können.
Probleme bei Wohnen und Arbeit
Eine Wohnung zu mieten, gestaltet sich schwierig, da oft Papiere verlangt werden, die ohne geregelten Aufenthalt nicht zu beschaffen sind. Bei der Arbeit müssen oft miserable Arbeitsbedingungen in Kauf genommen werden, da Reklamationen zur fristlosen Entlassung oder zur Aufdeckung führen könnten. Es ergeben sich oft starke Abhängigkeits- und prekäre Arbeitsverhältnisse; trotzdem geht der grösste Teil aller Sans-Papiers einer regelmässigen Erwerbstätigkeit nach.
Nur im Bildungswesen scheint es kaum Probleme zu geben – die Einschulung von Sans-Papiers-Kindern ist seit längerer Zeit gängige Praxis und der Datenschutz im Normalfall gewährleistet. Für ihre Eltern hingegen kann es aus Angst vor der Angabe ihrer Personalien wiederum ein Problem sein, Deutschkurse oder andere Weiterbildungen zu besuchen.
«Ich dachte, ich werde verrückt»
David aus Nigeria ist einer der vielen, die auf der Suche nach einer besseren Zukunft in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt haben; es wurde jedoch abgelehnt. David wurde aus dem Durchgangszentrum weggewiesen und hätte die Schweiz selbstständig verlassen müssen, was er so kommentiert:
«Alles, was sie von dir wollen, ist, dass du das Land verlässt. Und wohin soll ich gehen? Wohin? Tatsache ist, ich habe nicht einmal Geld, wie soll ich überhaupt gehen, und wie soll ich etwas Neues anfangen? Wie kann ich zurück nach Hause gehen, wenn ich dort immer noch dieselben Probleme habe, deretwegen ich hergekommen bin?»
Aus diesen Gründen – und auch weil er eine Schweizer Freundin hatte – blieb er im Land und versteckte sich bei Freunden in einer Wohngemeinschaft. Während dieser Zeit ging es ihm psychisch ziemlich schlecht; er habe es nur seinem starken Willen zu verdanken, dass er nicht völlig übergeschnappt sei:
«Weisst du, ich habe gedacht, ich bin zwischen Leben und Tod; ich weiss nicht, wohin ich gehen kann, ich habe auch kein Geld, um irgendwohin zu gehen. Und ich weiss nicht, was die Zukunft für mich bereithält. Ich habe keine Hoffnung, denn wenn du illegal hier bist, hast du keine Erlaubnis, irgendetwas zu tun. Gerade vorgestern habe ich wieder einen Afrikaner gesehen, ich hätte weinen können! Er war komplett am Boden. Und ich wusste genau, warum. Ich wusste es genau. Einmal fragte ich sogar einen meiner Freunde, ob ich mich normal verhalte oder nicht. Ich hatte Angst, ich dachte, ich werde auch verrückt!»
Die Angst auf der Strasse
Ein weiterer sehr belastender Punkt war für David – bis zu seiner Heirat und Aufenthaltsbewilligung – das Sicherheitsempfinden: Er habe sich in der Zeit als Sans-Papiers kaum aus dem Haus getraut; jeder Schritt, den er draussen tat, sei er wie auf Nadeln gewesen. So berichtet er auch, belebte Plätze zu meiden und vor dem Verlassen des Hauses jeweils die Strassen in beiden Richtungen nach Polizeistreifen abzuchecken. Doch es gibt nie 100-prozentige Sicherheit, nicht in eine zufällige Kontrolle zu geraten.
So ist es nicht erstaunlich, dass fast sämtliche Aktivitäten darauf abgestimmt werden, möglichst unauffällig zu bleiben, um eine fremdenpolizeiliche Kontrolle zu vermeiden. In allen Lebensbereichen, seien es neue soziale Kontakte oder die Reklamation beim Vermieter wegen eines kleinen Schadens, müssen der Nutzen und die Bedürfnisse gegen das Risiko abgewogen werden, dass die Behörden auf die illegale Aufenthaltssituation aufmerksam werden könnten. Aus diesem Grund führen Sans-Papiers oft ein stark gegenwartsbezogenes, von grosser Ungewissheit und Angst behaftetes Leben, da nie sicher ist, wie lange es ihnen gelingt, sich unbemerkt im Schatten der Gesellschaft aufzuhalten.
«Ich mache keine Probleme hier»
Wie sich dieser ständige Stress äussern kann, erklärt Maria aus Kolumbien anschaulich:
«Unten durch den Bahnhof kann ich nicht laufen, nur wenn es unbedingt sein muss. Und wenn ich muss, dann gehe ich ganz schnell und bete! Oder zum Beispiel im Tram, wenn es eine Abonnement-Kontrolle gibt, habe ich immer riesige Angst! Ich denke ,Oh mein Gott!‘, und ich habe Angst! Und ich gehe auch keine neuen Möbel kaufen, weil ich denke immer, heute bist du zwar hier, aber wer weiss wie es morgen aussieht . . . Eine Kollegin von mir wurde um 6 Uhr morgens von der Polizei geweckt, weil ein Nachbar angerufen hatte, in der Wohnung hielten sich zwei Illegale auf.»
Maria ist eine Frau um die 40, die seit über 10 Jahren in der Schweiz lebt und als Haushaltshilfe in vielen verschiedenen Privathaushalten arbeitet. Sie verkörpert den klassischen Fall einer unbemerkten Sans-Papiers. Mit dem Geld, welches sie hier verdient, finanziert sie in der Heimat die Ausbildung ihrer Kinder, die sich den Schulbesuch sonst nicht leisten könnten. Ihr grösster Wunsch ist es, heimzukehren und ihre Familie wiederzusehen, doch zuerst müssen die Kinder ihre Ausbildung beenden. In ihrer langen Aufenthaltszeit in der Schweiz hat Maria gelernt, sich anzupassen, alles genau so zu machen, wie es Schweizerinnen auch tun, und deshalb fragt sie sich heute:
«Ich mache keine Probleme hier, ich mache alles in Ordnung, ich arbeite . . . Ich trenne den Abfall, bündle das Altpapier, gehe nach der Arbeit ruhig nach Hause, mache keinen Lärm in der Wohnung . . . Und ich bezahle jeden Monat pünktlich meine Miete, Telefon, Krankenkasse, einfach alles! Alles ist in Ordnung! Und warum habe ich keine Papiere, warum?» (Der Bund)
Erstellt: 09.03.2009, 11:03 Uhr
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