Bern

Die Berner Milliardenmaschine

Von Adrian Sulc. Aktualisiert am 02.03.2009

Mit ihren 13000 Studierenden und 5000 Angestellten ist die Universität in Bern ein Schwergewicht: Sie bedient die lokale Wirtschaft mit Akademikern und schafft – nach eigenen Angaben – eine Wertschöpfung von 1,3 Milliarden Franken.

Anziehungspunkt Universität: Über die Hälfte der Studierenden kommt aus anderen Kantonen oder aus dem Ausland. (frz)

Anziehungspunkt Universität: Über die Hälfte der Studierenden kommt aus anderen Kantonen oder aus dem Ausland. (frz)

Jedes Mal, wenn ein Student in der Café-Bar Parterre ein Bier bestellt oder im Migros Zähringer für das Abendessen in der Wohngemeinschaft einkauft, ist er da: der indirekte Effekt der Universität auf das bernische Volkseinkommen.

Zugegeben, die studentischen Lebenskosten sind vergleichsweise tief. Da aber ein Grossteil der 13400 Studentinnen und Studenten im Kanton Bern wohnt, darf sich die hiesige Wirtschaft jährlich über Ausgaben für Wohnen, Essen und Freizeit von rund 190 Millionen Franken freuen. Weitere 150 Millionen Franken gibt das hier wohnhafte Uni-Personal aus. Addiert man dazu die Einkäufe, welche die Universität im Kanton tätigt, etwa Chemikalien fürs Labor und neue Stühle für die Seminarräume, erhält man eine halbe Milliarde Franken, die dank der Universität jedes Jahr ausgegeben werden – dies ist jedenfalls der Schluss einer Studie des Berner Volkswirtschaftsprofessors und Vizerektors Gunter Stephan.

Dazu wirkt der Multiplikatoreffekt: Nach dem Schema «Universität kauft Chemikalien, Chemiehersteller investiert in grössere Anlagen, Anlagenbauer haben mehr Aufträge usw.» errechnete Stephan für den Kanton Bern einen Gesamteffekt von jährlich 1,3 Milliarden Franken. Dies übertreffe den Kantonsbeitrag an die Universität von 265 Millionen Franken bei Weitem, hält Stephan fest.

Nur 3 Prozent sind Studiengebühren

In der Tat liefern Bund und Kantone ohne eigene Universität substanzielle Beiträge. Dazu kommt der in den letzten Jahren gestiegene Anteil der Drittmittel – vorwiegend staatliche Forschungsgelder. Nur knapp 20 Millionen Franken – 3 Prozent der Einnahmen – machen die Studiengebühren von 655 Franken pro Semester aus (in der linken Grafik unter dem Posten «Diverses»).

Insgesamt beläuft sich das Budget der Universität Bern auf 636 Millionen Franken (Stand 2007). Zwei Drittel dieses Geldes verlässt die Hochschule in Form von Löhnen. 5327 Frauen und Männer beschäftigte die Universität 2007 (3321 Vollzeitstellen). Das entspricht rund 3,5 Prozent der Arbeitsplätze in der Stadt Bern. Bei der Verteilung der Ausgaben auf die acht Fakultäten (siehe rechte Grafik) fällt der grosse Anteil der Mediziner auf. Darin ist jedoch auch der Kantonsbeitrag an das Berner Inselspital von 95 Millionen Franken enthalten.

Nachhaltiger als der finanzielle Nutzen ist der personelle: Knapp die Hälfte der in Bern Studierenden lebte bereits vor dem Studium im Kanton. Nach dem Studium wohnen 60 Prozent aller Absolventen hier. Sprich: Wirtschaft und Verwaltung benötigen mehr Akademiker, als die bernische Bevölkerung bieten kann. «Diese müssten sonst hergeholt werden», so Gunter Stephan.

395 Projekte mit der Wirtschaft

Angesprochen auf die geringe Dichte an grossen Dienstleistungs- und Industrieunternehmen im Kanton Bern, sagt Stephan, die kleinen und mittleren Unternehmen absorbierten viele Berner Absolventen. Dazu gehörten etwa die Unternehmen in der Medizintechnik- und der Wirtschaftsberatungs-Branche, die in Bern in Netzwerken, genannt Cluster, zusammenarbeiten.

Kommen dem Kanton Bern auch die Forschungsergebnisse seiner Uni zugute? Im Gegensatz zu den Absolventen ist das Wissen sehr mobil: «Wo sich ein Forschungspartner befindet, spielt für die Wirtschaft meist eine untergeordnete Rolle», sagt Herbert Reutimann, Geschäftsführer von Unitectra, der gemeinsamen Wissens- und Technologietransferstelle der Universitäten Bern und Zürich. 395 Verträge zur Forschungskooperation wurden im vergangenen Jahr über Unitectra abgeschlossen – zwischen der Medizinischen, Veterinärmedizinischen oder Naturwissenschaftlichen Fakultät in Bern einerseits und privaten Unternehmen andererseits. Von den Unternehmen kommt nur ein Bruchteil aus dem Kanton. 2007 waren es bei 16 Prozent der Projekte bernische Vertragspartner. Fast 40 Prozent der privaten Forschungspartner befinden sich im Ausland.

Potenzial bei der Medizin

Bei solchen Forschungskooperationen geht es oft darum, die Grundlagenforschung der Universität in einem Bereich zu vertiefen, der für die kommerzielle Nutzung interessant sein könne. Der Wirtschaftspartner leistet für solche Projekte meistens eine finanzielle Unterstützung. Dank den besagten 395 Projekten erhielt die Uni im vergangenen Jahr 35 Millionen Franken an zusätzlichen Forschungsgeldern. Neben den Kooperationsverträgen unterstützt Unitectra die Universitäten in einem zweiten Bereich: bei der Anmeldung neuer Patente, der Vergabe von Lizenzen an Unternehmen und der Gründung von Spin-off-Unternehmen. In diesem Bereich weist die Uni Zürich höhere Fallzahlen aus als die Uni Bern. Unitectra-Geschäftsführer Reutimann sieht den Grund dafür – abgesehen vom reinen Grössenunterschied der Anstalten – im noch nicht ausgeschöpften Potenzial der Berner im medizinischen Bereich. Hier befinde sich der Wissens- und Technologietransfer noch im Aufbau.

«Grösstmögliche Autonomie»

«Wir haben den Eindruck, dass sich die Uni vermehrt um Kontakte mit der Wirtschaft bemüht», sagt Adrian Haas, FDP-Grossrat und Direktor des Handels- und Industrievereins des Kantons Bern. Es sei unbestritten, dass die Universität für die Wirtschaft im Mittelland eine wichtige Ausbildungsfunktion habe. Haas wünscht sich in Zukunft eine verstärkte Zusammenarbeit mit anderen Universitäten und die vermehrte Setzung von Schwerpunkten. Haas’ Partei- und Grossratskollegin Franziska Stalder-Landolf, die in der parlamentarischen Gruppe Universität aktiv ist, schreibt dem «Bund», seitens des Kantons benötige die Universität «grösstmögliche Autonomie und genügend Mittel», um weiterhin auf Vielfalt setzen zu können und sich in ihren Spitzenbereichen wie der Klimaforschung zu behaupten.

Tiefe Kosten – nicht nur positiv

Ob die Universität ihre Mittel effizient einsetzt, darauf gibt eine Untersuchung des Bundesamts für Statistik von 2008 Antwort. Das Resultat: In Bern sind die Ausbildungskosten der meisten Fachbereiche tief – verglichen mit den gleichen Fächern an anderen Schweizer Hochschulen. In den Bereichen Naturwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften hat die Universität Bern gar die tiefsten Kosten je Student. Während die Bereiche Exakte Wissenschaften und Recht im günstigeren Drittel und die Sozialwissenschaften im Mittelfeld liegen, sind die Ausbildungen in den Feldern Sprache und Literatur sowie Geschichte in Bern jeweils die zweitteuersten. Mit den Kosten ist aber noch nichts über die Qualität der Ausbildung gesagt. Denn tiefe Ausbildungskosten bedeuten meist auch tiefe Forschungsausgaben. Und das gilt, wie die besagte Studie zeigt, mit Ausnahme der Naturwissenschaften und der Exakten Wissenschaften leider auch in Bern. (Der Bund)

Erstellt: 02.03.2009, 11:23 Uhr


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