Bern

Zwei Städte, die nach der Uhr ticken

Von Denise Lachat, La Chaux-de-Fonds. Aktualisiert am 23.06.2009

Im Neuenburger Jura liegt auf tausend Metern eine Stadt mit fast 40 000 Einwohnern, Industrie und vielen kulturellen Einrichtungen. Jetzt soll das von der Uhrenindustrie geprägte La Chaux-de-Fonds mit Le Locle als Unesco-Welterbe ausgezeichnet werden.

Schachbrettartig und nach Süden ausgerichtet: Nach dem Brand von 1794 wurde La Chaux-de-Fonds als «ideale Stadt» aufgebaut. (Franziska Scheidegger)

Schachbrettartig und nach Süden ausgerichtet: Nach dem Brand von 1794 wurde La Chaux-de-Fonds als «ideale Stadt» aufgebaut. (Franziska Scheidegger)

Welterbe-Stätten in der Schweiz

Bis heute wurden in der Schweiz im Bereich des Kulturerbes die Berner Altstadt, der Stiftsbezirk St. Gallen, das Benediktinerinnen-Kloster St. Johann in Müstair (alle 1983), die Burgen und die Stadtbefestigung von Bellinzona (2000), die Kulturlandschaft Weinbaugebiet Lavaux (2007) sowie die Rhätische Bahn in der Landschaft Albula/Bernina (2008) aufgenommen. Im Bereich des Naturerbes sind es die Stätten Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn (2001), Monte San Giorgio (2003) und die Schweizer Tektonikarena Sardona (2008). (dlp)

In steilen Kurven ist die Regionalbahn auf tausend Meter über Meer nach La Chaux-de-Fonds gefahren – hier ist Endstation. Auf dem Bahnhofplatz weht eine erfrischende Brise. «La Chaux-de-Fonds ist die sonnigste Stadt der Schweiz», sagt Anne-Marie Schaub zu den Besuchern, und mit Schalk fügt die Fremdenführerin hinzu, seit der Autotunnel gebohrt worden sei, krieche leider manchmal Nebel aus Neuenburg hinauf. Damit ist einiges gesagt über die Stadt und ihre Bewohner: Die Chaux-de-Fonniers distanzieren sich gern vom Kantonshauptort unten am See, diesem « Sitz der Aristokraten».

Die Abgelegenheit und das raue Klima in der Höhe brachten einen ganz anderen Menschenschlag hervor. Schon die Bauern im 18. Jahrhundert waren es gewohnt, alles selbst zu machen; sie eigneten sich in den langen Wintern Handfertigkeiten an, dank denen sich später die Uhren- und Schmuckindustrie entwickeln konnte. Ihr Sinn für das Feine und Schöne spiegelt sich deutlich an den zahlreichen Jugendstilgebäuden der Stadt, auf Protzbauten allerdings hat die mehrheitlich protestantische Bevölkerung verzichtet. «Luxus passt nicht zu unserem Charakter», sagt Schaub, zudem habe der Stadt trotz ansehnlichem Reichtum für wirklich teure Ausstattungen das Geld gefehlt. Statt zu Marmor griffen die Chaux-de-Fonniers zum Pinsel – und schmückten ihre Hauseingänge mit Nachbildungen des kostbaren Steins. Oder sie gossen Türornamente in Gips und bemalten diese anschliessend, weil auch geschnitztes Massivholz zu teuer war.

Den Stellenwert von Kunst und Kultur macht allein schon das Baujahr des Theaters klar: 1935, ganze zehn Jahre vor dem Spital. Wie das Theater oder den international bekannten «Club 44» verdankt die Stadt unzählige Bauten und Denkmäler den Mäzenen aus der Uhrenindustrie, unter ihnen viele Hugenotten und später Juden aus Frankreich. Die Juden haben in La Chaux-de-Fonds eine der schweizweit grössten Synagogen gebaut; von der Aussichtsplattform im 14. Stock des modernen Turms Espacité ist ihre grün glänzende Kuppel gut zu sehen. Diese Offenheit ist typisch für die Stadt, die mit dem Architekten Le Corbusier, dem Dichter Blaise Cendrars und dem Autokonstrukteur Louis-Joseph Chevrolet selbst international bekannte Persönlichkeiten hervorgebracht hat.

Neuaufbau als «ideale Stadt»

Nach dem Brand von 1794 wurde das fast vollständig zerstörte Dorf methodisch geplant und im Sinne der Aufklärung als «ideale Stadt» neu aufgebaut. Die schachbrettartige Anlage sollte die Ausbreitung von Feuer verhindern, die Schaffung von Grünflächen ermöglichen, die Schneeräumung erleichtern, die Produktionseffizienz steigern und ein Maximum an Lichteinfall garantieren. Denn mehr als alles andere brauchte die Uhrenindustrie Licht.

«La Tchaux», wie die Einheimischen sie liebevoll nennen, ist eine ausnehmend schöne Stadt geworden, die nach der grossen Krise der 1970er-Jahre immer noch mehrheitlich von der Uhrenindustrie lebt, auch wenn aus vielen Werkstätten Lofts und Büros geworden sind. Nicht zufällig heissen die Uhrenfabriken hier «fabriques»: Das Wort unterstreicht den sauberen, handwerklichen Charakter der Industrie, welche das Leben der Stadt vollständig durchdrungen hat. In La Chaux-de-Fonds sind die Häuser nach Süden ausgerichtet, und ihre Höhe ist so begrenzt, dass auch im Winter noch genügend Licht einfällt. Die hohen, schmalen Fensterreihen unter den Giebeldächern der Altstadt erinnern an die Anfänge des Uhrenhandwerks in Heimarbeit. Später wurden die Werkstätten ins Erdgeschoss verlegt, darüber wohnten die Patrons und manchmal auch die Arbeiter. Und als gegen Ende des 19. Jahrhunderts Fabriken in schlichter, neoklassizistischer Form gebaut wurden, fügten die Besitzer ihnen in einem lebhaften Stilgemisch Verwaltungsgebäude, Villen und Wohnhäuser an.

Aussergewöhnlich

Diese aussergewöhnliche Stadtlandschaft soll von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden, als die bedeutendste und besterhaltene urbane Siedlung der Schweiz aus dem 19. Jahrhundert. Dieselben Weihen soll gleichzeitig ihre kleinere Zwillingsstadt Le Locle erhalten, die erste im Neuenburger Jura gegründete Gemeinde. Nach dem positiven Vorentscheid der Fachkommission gilt der Entscheid der Welterbe-Kommission am Freitag als Formsache. (Der Bund)

Erstellt: 23.06.2009, 09:52 Uhr

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