Zu schnell für Bern
Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 03.08.2010 1 Kommentar
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Filmtrailer
«Hardnine» – der Film
Einst filmte Jan Mühlethaler seine Freunde beim Skateboardfahren, heute ist er hauptberuflicher Filmschaffender, dreht Musikvideos und zum Broterwerb dazwischen Werbevideos für renommierte Marken. Vor zwei Jahren war der Jungfilmer nicht auf Anhieb begeistert, als ihm einer der Niners nahelegte, einen Film über Danny Schneider und die Berner Motorradbauer zu drehen. Dass Danny als Protagonist etwas hergeben würde, war ihm bald einmal klar – «aber die Geschichte hat gefehlt». Als sich Danny dann vornahm, mit einem neuartigen Bike als erster Europäer an die Mooneyes-Show in Japan eingeladen zu werden, bekam der Filmer «seine Geschichte». Ohne zugesicherte Fördergelder begann er, stundenlang in der Bümplizer Garage die Entstehung des DMX-Motorrads zu filmen, sprach mit Schneiders Eltern und Freunden, reiste mit ihm schliesslich nach Japan. Jan Mühlethaler verpasste dem Film einen eigenen, rohen Look – eine 35mm-Kinolinse sorgte für das körnige Bild, das über einen Adapter digital aufgezeichnet wurde. Er konzipierte, drehte, schnitt und vertonte den Film in Personalunion und unterlegte ihn mit Musik von Berner Bands: Aus 55 Stunden Material entstanden schliesslich 93 Filmminuten. In Kürze wird bekannt werden, wo das Werk uraufgeführt wird. Danach macht sich Jan Mühlethaler wieder an seinen eigenen Traum – er schreibt am Drehbuch für seinen ersten Spielfilm. www.hardninemovie.com
Danny Schneider raste die Rampe hoch, unerschrocken wie immer. Da setzte der Motor aus. Die Geschwindigkeit reichte nicht annähernd für einen Flug in die anvisierte Weite. Danny Schneider stiess sich vom Lenker ab, fiel acht Meter in die Tiefe und landete im Geröll. Ein Trümmerbruch im rechten Fuss bedeutete das Ende seiner Motocross-Karriere. Das war 2001.
Heute ist Danny, wie er genannt werden möchte, dennoch bekannt – wenn auch nicht in Bümpliz, wo er lebt und arbeitet. In Japan, in den USA oder im europäischen Ausland aber bitten Leute um seine Unterschrift, lassen sich mit ihm ablichten. Der Grund dafür sind zweirädrige Kunstwerke, die er komplett selbst herstellt. Danny ist der Chef der Hardninechoppers, (oder kurz: der Niners) – einer Gruppe von Freunden aus Bümpliz, die sich auf die Modifikation von alten Motorrädern spezialisiert haben. Damit ist Danny hierzulande der Pionier einer Szene, die sich in Japan und den USA vor Jahren etabliert hat.
Experimente statt Hausaufgaben
Als Schulbub mangelte es Danny weder an Energie noch an Fantasie: Ein «Einfacher» war er nie. Statt Hausaufgaben zu machen, zündete er lieber unter der Bettdecke eine 1.-August-Rakete, einfach um zu sehen, was passiert. Danny strahlt, wenn er diese Episode erzählt. Wohl auch im Bewusstsein, bis heute das zu tun, was er will – und es damit auf Magazincovers und zu Ruhm in einschlägigen Kreisen gebracht zu haben. «Wenn ich sicher sein könnte, dass ich wiedergeboren werde, dann wäre ich Tierarzt, hätte sechs Kinder und einen Cadillac», sagt er. Nur: Er wisse es nicht. «Deshalb lebe ich mein Leben.»
Danny ist auch mit 35 Jahren noch ein grosser Bub, und er versucht gar nicht erst, so zu tun, als wäre er erwachsen geworden. Seine Werke würden ihn ohnehin gleich verraten. Der Durchbruch in der Chopper-Szene gelang ihm letztes Jahr mit dem DMX, dem «Danny MX», einer töffgewordenen Hommage an das BMX, das er als Sechsjähriger fuhr. Ein solches Vehikel hatten selbst die amerikanischen und japanischen Freaks noch nie gesehen: Tank und Schutzbleche sind handgefertigt und mit roter Glitzerlackierung und weissen Sternen versehen, die weissen Felgen und Griffe dem BMX nachempfunden. Der DMX wurde in 15 Magazinen publiziert, häufiger als jedes andere Motorrad im Jahr 2009. Danny stellte sogar kontinentale Massstäbe auf: Er durfte sein Motorrad an der Mooneyes-Show in Yokahoma vorstellen, eine Ehre, die vorher keinem Europäer zuteilgeworden war (siehe Box). Als nächster Höhepunkt naht die Custom-Bike-WM in Sturgis, South
Dakota, im August dieses Jahres.
Um zwei Uhr nachts in die Garage
Danny selbst ist als Erscheinung nicht minder spektakulär als seine Chopper. Optisch ist der Mann ein Ereignis: tätowiert von Kopf bis Fuss, die weissen Socken zu den Knien hochgezogen, Schalk im Gesicht, das um Jahre jünger aussieht, als es ist. Danny führt das auf die regelmässige Anwendung von Tages- und Nachtcremes zurück. Er ist so cool, dass er sich leisten kann, offen über seine Schwächen zu sprechen, etwa von seinen Problemen mit der Feinmotorik: Er könne seine eigene Schrift häufig nicht lesen und überhaupt nicht zeichnen. Deshalb müsse er seine Ideen dann umsetzen, wenn er sie habe. So kommt es immer wieder vor, dass er sich nachts um zwei Uhr in die Garage aufmacht, um zu schrauben, zu spritzen, zu schweissen. So entstehen seine Motorräder Schritt für Schritt, ohne Plan oder Generalkonzept, intuitiv. Motorradmagazine liest er nie, das animiere nur zum Kopieren.
Danny hat Sportartikelverkäufer gelernt, er hat als Fenstermonteur gejobbt, als «Ghüdermaa» und als Kaminfeger. Heute arbeitet er tagsüber im Farbengeschäft seines Vaters. Ist der Feierabend gekommen, fährt er zu seiner Garage in Bümpliz und legt Hand an die Boliden an. Regelmässig kommt er auf über 15 Arbeitsstunden, auch die meisten Wochenenden verbringt er in der Garage. Ferien gönnte sich Danny zuletzt vor zwei Jahren. Aber Nichtstun ist für ihn sowieso keine Option: Ihm fällt es schwer, auch nur ein paar Minuten still zu sitzen. Müsste er Strandferien antreten, sinniert Danny, würde er wohl «nach zwei Tagen Palmen fällen oder eine Fischart züchten, die es noch nicht gibt». Das grosse Geld hat ihm sein Fleiss bisher allerdings nicht beschert – kaum je verkauft er eines seiner Unikate. In der Schweiz sind eher restaurierte Originalmodelle gefragt. «Wenn ich eine alte Harley instand setzten würde, bekäme ich dafür 40 000 Franken.» Nur – was er rund um einen Harley-Motor aus den 40er-Jahren baut, ist meist originell, aber nie original. Sein Lohn sei «eher
Respekt als Geld».
«Wir sind hier in Bümpliz»
Er sei wohl etwas «zu schnell» für diese Stadt, mutmasst Danny: «Wir sind hier immer noch in Bümpliz, wo Frau Lüthi 15 Minuten benötigt, um am Postomat 20 Franken abzuheben» – nicht unbedingt der Boden für innovative, trendsetzende Geschäftstätigkeiten. Danny vermisst in Bern bei vielen den Antrieb und den Mut, eigene Ideen umzusetzen, er stört sich an der «lähmenden Routine», die ihn umgibt. «Schau dir die Jungen an», sagt er, «die haben keine Hobbys mehr.» Dieses ewige «Hängen» liege ihm total fern. Danny ist ein eloquenter Draufgänger, der seinen Weg auf seine Art geht und dabei viel Aufmerksamkeit bekommt. Aber was er sagt, zeugt davon, dass er auch ein reflektierender Mensch mit ausgeprägtem Sensorium für seine Umwelt ist. Und jemand, der Respekt verlangt, ihn aber auch anderen zollt – älteren Menschen etwa: «Junge Leute, die einer alten Frau die Türe aufhalten, gibt es doch heute kaum noch», sagt er. Für ihn sei das eine Selbstverständlichkeit – nur hätten die Grossmütter dann manchmal etwas Angst, er wolle sie ausrauben. (Der Bund)
Erstellt: 03.08.2010, 07:55 Uhr
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Anina Kornfelder
Eine Seele macht sich auf Kunst zu erschaffen. Allerdings lassen die mangelnde Bildung und überspannte Selbstdarstellung von "Danny" abgeflexte und umlackierte Schutzbleche als proletarische Variation von Tuning erscheinen. Und die lähmende Routine wie er es nennt, bietet ihm den insgeheim gewünschten Kontrastboden um als bunter Vogel zu erscheinen. Antworten