Bern

Wortakrobat im Buchstabensalat

Der Berner Oberländer Hans Trachsel ist passionierter Scrabble-Spieler – und will das knifflige Buchstabenspiel auch hier beliebt machen.

Wortakrobatik unter Berns Lauben: Der Scrabbler Hans Trachsel. (Adrian Moser)

Scrabble

Wer gerne scrabbelt und im Raum Bern Gleichgesinnte sucht, meldet sich bei hans.a.trachsel@bluewin.ch.

Tanz mit Buchstaben

Im Scrabble müssen auf einem Spielbrett mit je 15 Feldern in beiden Richtungen möglichst ertragreiche Wörter eingesetzt werden. Die Spieler – zwei bis vier Personen – ziehen sieben Buchstabensteine aus dem Beutel und bewahren sie für die anderen nicht sichtbar auf ihrer Ablagebank auf. Wer an der Reihe ist, kann aus seinen Steinen ein neues Wort legen oder ein bestehendes erweitern, allerdings muss er immer an einen Buchstaben des bestehenden «Wortgerüsts» anlegen. Die Buchstaben tragen einen unterschiedlichen Wert, je nachdem, wie häufig sie im Alphabet und im Spiel vorkommen. So gibts für ein «E» nur 1 Punkt, für ein «X» dagegen deren 10. Bonusfelder können den Wortwert etwa verdreifachen. (pmg)

«Babyaktien», sagt Hans Trachsel, und die Begeisterung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Das «Highlight» eines jeden Scrabblers sei es, an einem Turnier einmal ein solches Wort legen zu können.

Trachsel, seit einem Jahr pensionierter Redaktor, ist voll entbrannt für das Buchstabenspiel (siehe Box): «Hier dreht sich wie bisher alles ums Wort, allerdings nur noch spielerisch.» Er greift ins grüne Säcklein neben ihm, das gefüllt ist mit Buchstabensteinen, und zeigt, was er meint: Gruppiert man die Buchstaben B, A, wieder B, T, I, E und N um das Wort «Yak», ergibt sich – eben «Babyaktien».

Verbale Schlachten ums Y und Q

So bringe Scrabble zuweilen die Börse und das tibetische Hochland zusammen, sagt Trachsel. Gerade ist der 66-Jährige vom Turnier in Hamburg zurück, Mitte Mai steht das nächste an. Viel Zeit verbringt Trachsel vor der «Bibel» eines jeden deutschsprachigen Scrabblers: «Jörgs offizielle Turnierwörterliste», geschrieben vom Hohepriester des Spiels, Jörg Diersen. Trachsel: «Aber er hat in Hamburg nur fünf von zehn Spielen gewonnen – lediglich zwei mehr als ich.»

Der Konjunktiv, sagt er, sei der «Freund der Scrabbler». Denn mit all den verschiedenen Ableitungen eines Verbs bietet sich eine Vielzahl von Wortbildungen an: «verbumfiedeltes» etwa oder «abbükt», ein Konjunktiv II von «abbacken». Erlaubt ist alles, was der Duden für richtig befindet, zugelassen sind also auch Helvetismen und Austriazismen – Varianten aus dem schweizerischen und österreichischen Sprachschatz.

Anfänger hätten oft Angst vor selten vorkommenden Buchstaben wie dem Y oder dem Q, sagt Trachsel. Geübte Spieler schätzten solche dagegen sehr, weil aus ihnen gebildete Wörter viele Punkte eintrügen. Tüftler haben Wörter mit einem Potenzial von über 1000 Punkten gefunden, wie etwa «recyclingfähige».

Bei all den möglichen und unmöglichen Wortkreationen gehe es oft lustig zu und her, sagt Trachsel – aber manchmal liefere man sich auch erbitterte Kämpfe um die besten verbalen Kreationen. Nach dem Sieg in einer solchen Wörterschlacht sei seine damalige Kontrahentin so angetan gewesen, dass sie ihn regelrecht «verküsst» habe, sagt Trachsel und fügt dann an, verschmitzt: «Auch ältere Damen, wie sie beim Scrabble häufig anzutreffen sind, haben Charme und Temperament.»

Fabulieren zum Ausgleich

Sprachbegeistert war Trachsel schon immer. In der Sekundarschule in Erlenbach im Simmental verpassten ihm die Kameraden seiner Lesebegeisterung wegen den Übernamen «Schiller». Altklug, wie er gewesen sei, habe er als 14-Jähriger die «Buddenbrooks» von Thomas Mann gelesen.

Sein Flair für die Sprache konnte er später zum Beruf machen – «ein Privileg», wie er sagt. Mit Ausnahme eines einjährigen Abstechers bei der «Berner Zeitung» war Trachsel über 30 Jahre lang bei der Nachrichtenagentur SDA tätig, zum grössten Teil im Regionaldienst Bern, den er Ende der 1970er-Jahre aufzubauen half. «Mit Genuss» sei er über all die Jahre Journalist gewesen, sagt er. Es stimme zwar: Die trockenen Agenturtexte hätten seine Lust am Fabulieren nicht ganz befriedigen können. Über das reine Berichterstatten hinaus gelangte Trachsel aber in Artikeln über eine weitere seiner Leidenschaften, das Schwingen. Drei- bis viermal im Jahr schreibt er noch heute für die NZZ von grossen Schwingfesten.

Noch Neuland in Bern

Punkto Scrabble steckt die Deutschschweiz noch in den Kinderschuhen – im Gegensatz etwa zur Romandie, Frankreich und England. Gerade Bern sei an guten Spielern dürftig bestückt, sagt Trachsel: «Wenn ich gefordert sein will, muss ich jeweils zu meinen ‹Powerladies› nach St. Gallen.» Damit meint er Blanca Gröbli-Canonica, die 2005 und 2006 gegen die gesamte deutschsprachige Elite das renommierte ScrabbleTurnier der Wochenzeitung «Die Zeit» gewann, und Regula Schilling, die 2009 deutsche Meisterin im Online-Scrabble wurde.

Dieses Jahr führt der Verein Scrabble Deutschland vom 13. bis zum 16. Mai in Bad Kissingen erstmals die offiziellen deutschsprachigen Meisterschaften in Scrabble durch – an denen auch Trachsel teilnimmt. Er freue sich, «auch wenn es wegen der starken Konkurrenz ein hartes Pflaster zum Spielen sein wird». Bad Kissingen mit seinem kulturellen Renommee habe auch für seine mitreisende Partnerin seinen Reiz. Und dann gibts in dem Kurort auch ein Spielcasino – ein Thema, das Trachsel seit Jahrzehnten nicht nur journalistisch beschäftigt. Schliesslich kann man nicht all sein Geld in Babyaktien anlegen. (Der Bund)

Erstellt: 26.04.2010, 08:41 Uhr


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