Wo das Uran für Mühleberg herkommt

Heuer benötigt das AKW Mühleberg 7 Tonnen Uran. Der Abbau des Rohstoffs verseucht Wasser, Boden und Luft in South Dakota, wo das Uran abgebaut wird, nachhaltig. Eine Wissenschaftlerin berichtete gestern über die Folgen davon.

Chairmaine White Face macht auch die UNO auf die Folgen des Uran-Abbaus für ihr Indianervolk aufmerksam. (Adrian Moser)

Chairmaine White Face macht auch die UNO auf die Folgen des Uran-Abbaus für ihr Indianervolk aufmerksam. (Adrian Moser)

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Die indianischen Einwohner des Städtchens Red Shirt im US-Bundesstaat South Dakota wollten das Wasser des Flusses Cheyenne nutzen, um ihre Felder zu bewässern. Denn ihr Grundwasser ist schon lange radioaktiv verseucht. Also baten sie Charmaine White Face, das Nass zu untersuchen. Die Biologin und Sprecherin der Tetuwan-Indianer nahm Proben – und liess, kaum lagen die Ergebnisse vor, Warnschilder am Fluss aufstellen. «Es wäre völlig unverantwortlich, Wasser aus diesem Gewässer zu benutzen oder darin zu baden. Der Fluss ist praktisch tot, es gibt dort kaum Fische oder Insekten», sagte White Face gestern in Bern. An manchen Stellen übersteige die radioaktive Strahlung die natürliche Radioaktivität um den Faktor 140'000. Die Menschen seien akut gefährdet durch Lungenkrebs und Leukämie. «Bemerkt haben wir das Ausmass der Katastrophe vor sieben Jahren.»

Tatsächlich steht im Gesundheitsbericht des Bundesstaats South Dakota von 2003, dass Menschen indianischer Herkunft – rund zehn Prozent der Bevölkerung – signifikant häufiger an Krebs sterben als Weisse. Zudem sind die Todesfälle wegen der Krankheit bei der weissen Bevölkerung rückläufig, während sie bei der indianischen zunehmen. «Daran ist der Abbau von Uran schuld», sagte White Face. Über tausend verlassene Uran-Minen und Tausende Bohrlöcher durchziehen das Indianerreservat – auch in den für die Menschen heiligen schwarzen Hügeln. Meistens warnt kein Schild vor der strahlenden Gefahr.

Freilich dürfte es nicht leicht sein, einen wissenschaftlich einwandfreien Zusammenhang zwischen dem Abbau von Uran und gesundheitlichen Problemen herzustellen, denn die Indianer leben auch sonst in prekären Verhältnissen, haben kaum Arbeit und wenig Bildung. Dennoch sind die Werte, die White Face in Flüssen, im Boden und in der Luft gemessen hat, besorgniserregend. Und es ist kein Zufall, dass die engagierte Frau in Bern haltmacht, bevor sie ihren Kampf mithilfe der UNO weiterführt und in New York vorspricht. Eingeladen hat sie nämlich die Organisation Fokus Anti Atom, die an vorderster Front für die Abschaltung des Atomkraftwerks (AKW) in Mühleberg und gegen dessen Ersatz kämpft.

Der Sohn sitzt im Gefängnis

«Der Abbau von Uran verseucht ganze Landstriche für lange Zeit. Von einer sauberen Technologie zu sprechen, ist absurd», sagte Jürg Joss von Fokus Anti Atom. Nicht nur im Fall von South Dakota leiden grösstenteils arme Menschen ohne Lobby unter dem Hunger des Westens auf Energie: 85 Prozent der weltweiten Uranvorkommen befinden sich in Gebieten, die von Ureinwohnern besiedelt werden. Deshalb kann auch der bernische Energieversorger BKW die Probleme der Menschen in South Dakota nicht ignorieren.

Im Moment läuft im AKW Mühleberg die alljährliche Revision, Brennstäbe werden ausgetauscht und 7,2 Tonnen Uran neu angeschafft. «Rund um die Uranminen bedeutet dies, dass weitere 36 Tonnen strahlende Abfälle während Jahrtausenden liegen bleiben werden», sagte Joss. BKW-Sprecher Antonio Sommavilla betonte auf Anfrage, dass die BKW nicht im Detail wissen könne, woher ihr Uran stamme. Sie sei ein kleiner Fisch auf dem Weltmarkt. «Ausserdem arbeiten wir seit Jahren mit Unternehmen zusammen, die gemäss anerkannten Standards handeln und ihre soziale Verantwortung wahrnehmen.» Es sind dies die amerikanische Usec und die französische Areva – Letztere ist im Moment allerdings in den Schlagzeilen wegen der Folgen des Uranabbaus für Mensch und Natur in Afrika.

Charmaine White Face lässt sich nicht durch internationale Abkommen und Zertifikate besänftigen: «Früher versuchten uns die Weissen zum Schweigen zu bringen, indem sie uns mit Pocken infizierten, heute geschieht es über den Abbau von Uran», sagt sie. Ihre drastische Sicht der Dinge dürfte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass ihr Sohn seit anderthalb Jahren im Gefängnis sitzt – unter einem Vorwand, wie sie sagt. «Zuerst haben die Unternehmen, die Uran abbauen und mit dem Bundesstaat unter einer Decke stecken, mich bedroht, jetzt haben sie ihn als Geisel genommen. Aber ich kämpfe weiter.» (Der Bund)

(Erstellt: 31.08.2010, 07:30 Uhr)

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