Bern

Wissenschaft statt Wunderglaube im Unterricht

Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 28.04.2009

Die Gefahr, dass kreationistische Tendenzen Eingang in die Schulstuben fänden, sei durchaus real, sagen Wissenschaftler. Dem will der Schulverlag mit einem neuen Lehrmittel entgegenwirken.

Fossilien im Museum: Göttliche Schöpfung oder Resultat eines natürlichen Entwicklungsprozesses? (Keystone)

Fossilien im Museum: Göttliche Schöpfung oder Resultat eines natürlichen Entwicklungsprozesses? (Keystone)

Folgte die Geschichte des Lehrmittels «Naturwert» evolutionären Gesetzmässigkeiten, so müsste man sich um die Errungenschaften der Aufklärung und Wissenschaft keine Sorgen machen. Nachdem in besagtem Werk zunächst noch die biblische Schöpfungsgeschichte und Darwins Evolutionstheorie als gleichwertige «Erklärungsversuche» für die Entstehung des Lebens dargestellt worden sind, hat sich nun die Wissenschaft auf der ganzen Linie durchgesetzt. Die kreationistischen Passagen sind verschwunden, ausserdem präsentiert der bernische Schulverlag morgen Mittwoch mit «Evolution verstehen» ein weiteres Lehrmittel, das nur Darwins Theorie gewidmet ist.

Am Anfang und Ende der Geschichte steht Markus Wilhelm, Biologe und Professor für Naturwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Luzern. Kurz nach Erscheinen von «Naturwert» Ende 2007 hatte er auf die kreationistischen Tendenzen des mit «Schöpfung und Evolution» überschriebenen Kapitels aufmerksam gemacht. «Hier wird erstmals in einem Schweizer Lehrmittel die Schöpfungslehre im Sinne der Kreationisten mit der Evolutionstheorie auf die gleiche Stufe gestellt», so Wilhelm. Daraufhin brach eine heftige Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Religion in den Schulstuben los, worauf die Erziehungsdirektion als Auftraggeberin und der Schulverlag das umstrittene Kapitel auswechselten.

Zum 200. Geburtstag von Charles Darwin hat nun Wilhelm zusammen mit dem Schulverlag das 24-seitige Magazin «Evolution verstehen» erarbeitet, das von einer umfangreichen «Lernumgebung» mit Unterrichtsmaterialien für die Sekundarstufe 1 begleitet wird. Im Magazin erklärt Wilhelm nicht nur die Prinzipien der Evolution, sondern grenzt sie auch klar von der Religion ab: «Die Methode der Naturwissenschaften schliesst Übernatürliches grundsätzlich aus.» Genauso wie in der Mathematik sei es in der Biologie logisch, dass keine Wunder in die Theorien eingebaut werden dürften.

Überforderte Lehrkräfte

Laut Daniel Friederich vom Schulverlag gibt es bezüglich Evolution eine eklatante Lücke im Lehrmittelangebot: «Das Thema wurde in den Lehrplänen und Lehrmitteln für die Sekstufe 1 bewusst umschifft, weil es zu heikel ist.» Wilhelm ergänzt: Viele Lehrkräfte seien überfordert, wenn sie den Kindern erklären müssten, dass sie die Evolutionstheorie lernen und trotzdem an Gott glauben könnten. Thematisiert werde die Evolution meist erst in den Gymnasien, weshalb die Mehrheit der Bevölkerung zwar im Religionsunterricht die Schöpfungsgeschichte höre, sich aber gar nie mit der Evolution befasse.

Die Gefahr, dass durch den Einfluss der Kreationisten die Errungenschaften der Aufklärung und der Wissenschaft infrage gestellt werden, beurteilen Wissenschaftler als durchaus real. In einigen US-Bundesstaaten hat die Schöpfungsgeschichte bereits die Evolution verdrängt oder wird als gleichwertige Alternative unterrichtet. In der Schweiz sei vor allem die Organisation Pro Genesis aktiv und versuche Einfluss auf den Schulunterricht zu nehmen, sagt Wilhelm. Auch Berner EVP-Vertreter setzen sich für ein Nebeneinander von Wissenschaft und Religion ein, schliesslich handle es sich bei der Evolution nur um eine unbewiesene Theorie.



Präsentation des Lehrmittels «Evolution verstehen» morgen Mittwoch, 17.30 Uhr, im Naturhistorischen Museum Bern. > (Der Bund)

Erstellt: 28.04.2009, 07:48 Uhr

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