«Wir wollen ganz klar keine Hehlerware»

Der Flohmarkt bei der Reitschule ist für jeden offen – das ist nicht ohne Risiko, aber längst kein so grosses Problem, wie man vermuten könnte. Die Polizei jedenfalls muss praktisch nie einschreiten.

Der «Flohmi» bei der Berner Reitschule gilt als einer der grössten und vielseitigsten seiner Art. (Valérie Chételat)

Der «Flohmi» bei der Berner Reitschule gilt als einer der grössten und vielseitigsten seiner Art. (Valérie Chételat)

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Die Geschichte klingt tatsächlich abenteuerlich: Eine Frau will Markenkleider im Wert von 22 000 Franken auf dem Flohmarkt der Berner Reitschule gekauft haben. Für 200 Franken. Die Richterin glaubte der Frau nicht. Im Gegenteil: Sie kam zum Schluss, dass die Frau mit Familienangehörigen zusammen die Kleider in Berner Geschäften gestohlen hatte und sie ihrerseits auf dem Flohmarkt loswerden wollte. Ihr Bruder hat dort angeblich regelmässig einen Stand betrieben. Die Frau wurde am Montag im Abwesenheitsverfahren zu einer Freiheitsstrafe von 200 Tagen verurteilt (siehe «Bund» von gestern).

Dass Flohmärkte nicht ganz ungeeignet dazu sind, gestohlene Ware an den Mann und die Frau zu bringen, ist bekannt. Beim Flohmarkt der Reitschule, der jeweils am ersten Sonntag im Monat stattfindet und einer der grössten der Schweiz ist, war das Problem im Sommer 2004 akut geworden. Um die eintreffenden Händler besser kontrollieren zu können, wollten die Organisatoren den Zugang mit Gittern einschränken. Diese Massnahme passte nicht allen: Einige Jugendliche griffen die Organisatoren an. Auch die Händler selber hatten sich gegen vermehrte Kontrollen gesträubt.

Weil das Problem nicht in den Griff zu bekommen war, aber auch weil zunehmend elektronische Geräte verkauft wurden, die nicht funktionierten, verliessen einige der damaligen Veranstalter den Flohmarkt – und gründeten bei der Dampfzentrale den Zentralmarkt. Dominique Maiga hat die Geschichte miterlebt und gehört heute zum Organisationsteam des Zentralmarkts, der im Sommerhalbjahr jeweils am letzten Sonntag im Monat über die Bühne geht.

Maiga vermutet, dass seinerzeit auf dem Reitschule-Flohmarkt rund 5 bis 10 Prozent der angebotenen Ware Diebesgut gewesen sei, wie er auf Anfrage sagt. Verdächtig mache sich ein Händler dann, wenn er an seinem Stand zahlreiche Artikel der gleichen Art anbiete, zum Beispiel Handys oder CD-Player. Dass gewerbsmässige Ladendiebe ihre Beute auf Flohmärkten zu Geld machten, sei aber sicher nicht die Regel, sagte er. Auf dem Zentralmarkt begegnen die Organisatoren dem Hehlerei-Problem damit, dass die Händler sich registrieren müssen. Ausserdem habe der Markt nur einen Eingang, was die Kontrolle vereinfache.

Gratwanderung auf dem «Flohmi»

Der freie Zugang aber ist ein Markenzeichen des «Flohmi» bei der Reitschule. Und diese Offenheit und Vielseitigkeit soll beibehalten werden. Giorgio Andreoli vom Trägerverein Grosse Halle spricht von einer Gratwanderung. «Wir wollen ganz klar keine Hehlerware», sagt er. Bei einem Flohmarkt sei es aber unmöglich, eine Garantie abzugeben, dass jedes Angebot wirklich sauber sei. Auf der anderen Seite müsse man aufpassen, einen Flohmarkt nicht gleich unter Generalverdacht zu stellen. «Es geht nicht darum, dass wir die Adressen der Händler nicht erfassen wollen», sagt er. Würde dies aber getan, könnte es dazu führen, dass Leute nicht mehr kommen, die man dabeihaben möchte – etwa Leute, für die bereits eine solche Formalität zu aufwendig sei.

Andreoli erachtet das Hehlerei-Problem auf dem Reitschule-Flohmarkt als «nicht so gravierend». Der eingangs erwähnte Fall erstaune ihn denn auch ein wenig – er würde diesen Geschichten «eher mit Skepsis begegnen». Auch der «Flohmi» habe seit den Vorfällen 2004 «klarere Regeln». Zudem legten die Organisatoren Wert auf einen verstärkten Kontakt zu den Händlern. Würde in grösserem Stil Neuware verkauft, «würde das auffallen». Die eigentliche Kontrolle sei aber Sache der Polizei, sagt Andreoli – und appelliert an die Verantwortung der Besucher. Von Käufern, die in dieser Hinsicht Beobachtungen machten, erwarte er, dass sie dies meldeten.

Wenige Meldungen bei Polizei

Für die Polizei ist Hehlerei auf Flohmärkten «kein grosses Thema». Dies sagt Markus Stauffer, Dienstchef Sicherheitsberatung bei der Kantonspolizei. Es hänge damit zusammen, dass die Polizei in dieser Hinsicht erst dann auf Flohmärkten einschreite, wenn ihr Meldungen über den Verkauf von Diebesgut zugetragen werden. Solche Meldungen gebe es aber «sehr, sehr wenige», sagt Stauffer. Die rund 200 Fälle von Hehlerei, die in der Kriminalstatistik aufgeführt sind, haben denn auch nichts mit Flohmärkten zu tun. Laut Stauffer handelt es sich dabei um Hehlerei «auf der Gasse». Davon ist beispielsweise dann die Rede, wenn Einbrecher ihre Beute versilbern wollen. (Der Bund)

(Erstellt: 13.10.2010, 07:08 Uhr)

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