«Wir sind keine Schweizermacher»

Das Haus der Religionen in Bern ist am Ziel – beinahe: Nur der Entscheid des Grossen Rats steht noch aus. Stiftungsratspräsident Guido Albisetti sagt, was das Projekt Ausländern und Schweizern nützt – und was Religion mit Integration zu tun hat.

«Es ist wie beim Tram: Wenn ich das Münz nicht finde, fährt es ohne mich ab»: Stiftungsratspräsident Guido Albisetti.

«Es ist wie beim Tram: Wenn ich das Münz nicht finde, fährt es ohne mich ab»: Stiftungsratspräsident Guido Albisetti.

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Herr Albisetti, weshalb soll der Staat eingewanderte Religionsgemeinschaften finanziell unterstützen?
Genau genommen ist es nicht der Steuerzahler, sondern der Lotteriefonds. Und nicht Religionsgemeinschaften werden unterstützt, sondern der Dialogbereich im Haus der Religionen.

In der Finanzkommission des Grossen Rates wurden offenbar Kürzungen erwogen. Wäre das so schlimm?
Ja, ziemlich. Es bedarf einer Riesenanstrengung, im Raum Bern zehn Millionen Franken zu sammeln. Irgendwann ist die Motivation erschöpft. Wenn der Grosse Rat Ja sagt, sind die 10,08 Millionen Franken für den Bau beisammen. Fast: Es fehlen noch 123'833 Franken.

Stehen Sie stark unter Druck?
Wir stecken in einem Zeitkorsett. Die Firma Halter Entwicklungen aus Zürich, die das Projekt realisiert, verfügt seit Oktober über eine Baubewilligung und möchte loslegen mit dem Bau, in dem das Haus der Religionen lediglich 17 Prozent ausmacht. Es ist wie beim Tram: Es wartet ein paar Sekunden, bis ich mein Münz gefunden habe, doch wenn ich es nicht finde, fährt es ohne mich ab. Die Streit-Stiftung, die uns 2,75 Millionen zugesprochen hat, könnte sich anderen Projekten zuwenden. Und der Beitrag der Bernburger von 900 000 Franken, der unerwartet kam, wird nur überwiesen, wenn auch die anderen bezahlen.

Eine Kürzung wäre also fast so schlimm wie ein Nein?
Noch fast schlimmer. Ein Nein wäre eine klare Aussage: Wir wollen dieses Haus nicht. Das würde ich zwar sehr bedauern, könnte es aber akzeptieren. Eine Kürzung wäre scheinbar milder, hätte aber faktisch dieselbe Wirkung, doch übernähme keiner die Verantwortung.

In Hannover gibt es auch ein Haus der Religionen. Ist das Berner Projekt wirklich so einzigartig?
Es gibt Begegnungszentren mit interreligiösen Ausstellungen wie etwa in Hannover, angesiedelt in einem Kirchgemeindehaus. Aber ein Haus mit fünf Kultusräumen unter einem Dach ist ein weltweites Unikum. Das hat im Mai auch der Bundesrat anerkannt.

Viele Migranten sind nicht religiös. Weshalb läuft Integration hier völlig über die Religionsschiene?
Nicht für alle, aber für manche Menschen, die ihre Heimat freiwillig oder unfreiwillig verlassen haben, stiftet Religion Identität.

Ökumenische Räume gebe es genug, befand ein Leserbriefschreiber, den Betonklotz brauche es nicht.
Es geht um Ökumene weit über das übliche Verständnis hinaus. Fünf Religionen erhalten eigene Räume, in denen sie nicht nur geduldete Gäste sind. Sie dürfen ihre Gottesdienste nach ihren Riten und Traditionen abhalten. Mit allen anderen Gemeinschaften teilen sie den Alltag und führen dort gemeinsam den Dialogbereich. Wo gibt es das sonst?

Erzeugt nicht genau diese Nähe unvermeidliche Reibereien?
Ja, sicher, doch es ist der Sinne des Projekts, solche Konflikte zu bewältigen. In den vergangenen zehn Jahren haben die Beteiligten viele Erfahrungen gesammelt: in der Programmplanung, bei den Bauplänen und im konkreten Miteinander. Gerade bei der Aufteilung der zukünftigen Räume musste Wünschbares und Machbares unter einen Hut gebracht werden, was nicht ohne Abstriche ging. Ein Beispiel: Der Raum der Muslime ist nicht exakt nach Mekka ausgerichtet, weil das auf dieser Parzelle schlicht nicht machbar ist.

Womöglich haben sich die Religionsgemeinschaften dem Prozedere nur unterzogen, um endlich einen Raum zu finden, den sie auf sich gestellt nie bekommen hätten.
Das mag am Anfang ein Grund gewesen sein. Inzwischen sind die Gemeinschaften stark zusammengewachsen. Derzeit hausen manche in prekären Verhältnissen, etwa in Tiefgaragen. Der Raum der Hindus bei der Kehrichtverbrennungsanlage wird abgebrochen, sobald die neue KVA gebaut ist. Die Gemeinschaften bekommen die Räume nicht einfach so: Sie bezahlen Miete. Auch den Innenausbau finanzieren sie selbst, zum Teil müssen sie sich das fast vom Mund absparen. Sie wissen, dass sie in einem Land wohnen, in dem ihre Religion nicht allein den Ton angibt und spüren, wie wichtig Dialog und Verständnis sind.

Es sind also nicht Schweizer Gutmenschen, die etwas Schönes für exotische Randgruppen machen.
Nein, die Migranten engagieren sich selber stark. Ob ich ein Idealist bin, habe ich mich auch schon gefragt. Ich möchte mich als Privilegierter in einem privilegierten Land für Menschen einzusetzen, die ihr Leben unter schwierigeren Bedingungen meistern müssen als ich.

Die Umma, der Verband der bernischen Muslime, machte zuerst mit, forderte einen riesigen Raum, sondierte aber nebenbei das Projekt eines islamischen Zentrums im Wankdorf. Schliesslich zog sich die Umma unter Protest zurück.
Ihr Entschluss hatte verschiedene Gründe. Sicher wäre es nicht möglich gewesen, am Europaplatz einen Raum zu bauen, in dem alle Berner Muslime Platz fänden, zumal es zwischen ihnen grosse Unterschiede gibt. Die islamische Gemeinschaft, die nun ins Haus der Religionen einziehen wird, überwiegend Menschen vom Balkan, ist mit der angebotenen Raumsituation einverstanden.

Bewirkt das konstante Zusammenarbeiten in einem Verein über Jahre einen Prozess der Verschweizerung?
Wir sind keine Schweizermacher, aber der ständige Dialog in einem Verein mit Hauptversammlungen, Wahlen und Anträgen wirkt sich aus. Am Anfang ging es zu wie im hölzigen Himmel. Inzwischen ist es eine sehr geordnete Sache und wir lernen voneinander. Das provisorische Haus der Religionen hat immerhin zweimal einen Umzug verkraftet, zuerst an die Schwarztorstrasse und dann an die Laubeggstrasse. Das war mit schwierigen Raumzuteilungen verbunden, aber die Gemeinschaften wurden sich einig.

Welchen Satz werden Sie an der Eröffnungsrede sagen?
Obwohl es schon etwas abgegriffen ist, passt es sehr gut: Freude herrscht. (Der Bund)

Erstellt: 23.11.2011, 06:50 Uhr

Haus der Religionen

Guido Albisetti ist seit Kurzem Vizepräsident der Von-Graffenried-Gruppe und präsidiert nebenberuflich die Stiftung Haus der Religionen – Dialog der Kulturen. Sie erhielt ihr Startkapital von 50 000 Franken vor fünf Jahren von der Herrnhuter Brüdergemeine. Diese reformierte Kirche, international wegen ihrer mährischen Herkunft Moravian Church genannt, wollte damit einem neuartigen Projekt ein Zuhause geben: dem Haus der Religionen. Bei der Überbauung am Europaplatz in Ausserholligen wird die Stiftung Eigentümerin des zehn Millionen Franken teuren Gebäudeteils mit dem Haus der Religionen. Im kommerziellen Teil ist Coop Hauptmieterin. Der Betreiber des geplanten Hotels ist noch nicht bekannt.

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