«Wir leben für die Kunst»

Bernhard Bischoff, der Präsident des Vereins Berner Galerien, spricht über den Kunstmarkt im Wandel, er kritisiert die Rolle von Beratern und Off-Spaces, beklagt den mangelnden Galeristen-Nachwuchs und schwärmt von den Perspektiven im Progr.

«Der Progr könnte so etwas werden wie das Löwenbräu-Areal in Zürich»: Bernhard Bischoff in seiner Galerie. (Valérie Chételat)

«Der Progr könnte so etwas werden wie das Löwenbräu-Areal in Zürich»: Bernhard Bischoff in seiner Galerie. (Valérie Chételat)

Stichworte

Anders als in den Vorjahren wird das Galerienwochenende unter kein Thema mehr gestellt. Weshalb verzichtet man auf eine inhaltliche Klammer?

Bernhard Bischoff: Der Bezug der Ausstellungen zum jeweiligen Thema war früher oft an den Haaren herbeigezogen. Das Galerienwochenende soll vor allem Kunst leichter erlebbar machen. Viele Menschen haben leider immer noch Angst vor der Konfrontation mit der Kunst und/oder mit den Galeristen.

Schwellenängste gibt es nicht nur im Kunsthandel.

Natürlich, aber es geht ja niemand ohne Kaufabsicht in eine Juwelierhandlung. Da ist unsere Branche anders. Wir machen Kunst unentgeltlich und ohne Kaufverpflichtung zugänglich. Unmittelbarer gibts Kunst nur in den Ateliers; ich habe schon als Jugendlicher Künstler angerufen und bin in ihre Ateliers gegangen. Das machen aber nur wenige.

Sie kennen also keine Schwellenängste?

Es gibt durchaus Galerien, in denen selbst ich mich nicht so wohlfühle. Wenn da eine Dame oder ein Herr hinter dem Tresen sitzt und vermeintlich die Coolness gepachtet hat. Das gibts in Bern aber nicht. Bern ist offen und schätzt die Auseinandersetzung mit dem Publikum.

Nicht nur die Themen sind beim Galerienwochenende gestrichen, auch die Events. Warum?

Als Kunstvermittler möchte ich, dass die Kunst im Vordergrund steht. Die Veranstaltungen an den Galerienwochenenden haben oft ein Publikum angezogen, das gar nicht in die Ausstellungen ging. Grosse Partys und Events sind für den Verein zudem finanziell kaum verkraftbar. Und am Schluss schaut dann leider trotzdem nicht viel heraus. Zur Party in der Turnhalle 2008 kam fast niemand. Das Publikum ist halt auch eventverwöhnt.

Gemeinsam mit dem Kornhausforum veranstaltet der Verein Berner Galerien eine Podiumsdiskussion zum Thema: «Ein Auslaufmodell? Die Rolle der Galeristen im aktuellen Kunstsystem». Das klingt pessimistisch.

Die «Kunstzeitung» berichtete bereits vor ein paar Jahren von deutschen Galeristen, die ihr Geschäft zugunsten einer reinen Beratertätigkeit einstellen. Dieser Trend ist auch in der Schweiz spürbar. Als Galerist hat man durch Lokalmiete, Transporte oder Versicherungen enorme Kosten. Als Berater braucht man nur Telefon und Internetanschluss. Viele junge Kunsthistoriker, die keine Stelle finden, machen sich als Berater selbstständig. Für uns Galeristen ist das oft ein grosses Problem. Wir bekommen durch die Berater zwar manchmal neue Aufträge, müssen sie aber auch gut dafür bezahlen.

Werden die Berater nicht von ihren Kunden bezahlt?

Sie bekommen meistens ein Honorar vom Auftraggeber und verlangen dann von uns zusätzliche Prozente bei den Verkäufen.

Was verändert sich noch im Galeriegeschäft?

Eine Neuerung sind auch die sogenannten Off-Spaces. Viele junge Galerien starten heute als Off-Space, also als alternativer Kunstraum. Sie erhalten Subventionen von der öffentlichen Hand oder von privaten Stiftungen und können sich so die ersten zwei, drei Jahre, in denen sie einen Kundenstamm aufbauen, über die Runden bringen. Und dann sagen sie plötzlich: Ich bin jetzt Galerist. Man vergisst gern, dass auch die Off-Spaces Kunst verkaufen. Das ist nicht immer angenehm für uns Galeristen. Wir deklarieren offen, dass wir verkaufen, und erhalten daher auch keine Subventionen.

Arbeiten Off-Spaces nicht auch anders als Galerien?

Wir Galeristen versuchen spannende Ausstellungen zu machen, genauso wie die Off-Spaces; wie diese bieten wir Experimentierflächen für junge und etablierte Kunst, wie diese fördern wir Kunst und Künstler, und wie sie publizieren und vermitteln wir an vorderster Front. Aber wir erhalten keine Subventionen. Der Kunstmarkt wird gemeinhin argwöhnisch beäugt. Man hört oft von spektakulären Auktionsrekorden und fantastischen Umsätzen. Doch nur ganz wenige Kunsthändler arbeiten in diesem Hochpreissegment. Der grosse Rest – und dazu zählen wir Berner Galerien – macht Basisarbeit mit viel Idealismus und muss oft ums Überleben kämpfen. Aber leider haben wir dieses Stigma: Wir sind die Bösen, die die Künstler ausbeuten.

Sollten Galerien also Subventionen erhalten?

Nein, bestimmt nicht, sonst könnten auch Metzgereien oder Kleiderläden bald Unterstützung fordern. Kunsthandel ist ein Geschäft, wenn auch stark von Idealismus geprägt. Gewisse Entlastungen wären aber denkbar. Wenn die Stadt Papier braucht, kauft sie auch nicht direkt ab Werk, sondern in einer lokalen Papeterie, die so indirekt unterstützt wird. Kunst jedoch wird für öffentliche Sammlungen immer direkt im Atelier, also direkt beim Produzenten gekauft.

Galeristen brauchen also ein besseres öffentliches Image?

Der Verein Berner Galerien will zeigen, welche Grundlagenarbeit wir leisten. Wir vermitteln Kunst und setzten uns für Kunstschaffende ein. Wir leben für die Kunst. Die Kunstschaffenden bringen ihre Werke, alles andere, also Einladungskarten, Transporte, Versicherungen, Lokalmieten, Aufsicht und vieles mehr, machen wir. Damit grenzen wir uns von Räumen ab, die Ausstellungen machen, dafür aber von den Künstlern Geld verlangen. Wir Galeristen sind durch die Verkaufsprovisionen beteiligt; im Vorfeld müssen die Künstler nichts bezahlen. Wir bieten dem Publikum auch viel: Die Berner Galerien zeigen in einem Jahr rund 100 spannende Ausstellungen.

Wie entwickelt sich die Berner Galerienszene?

Zwei Vereinsgalerien haben im letzten Jahr leider aufgehört. Massimiliano Madonna hat seinen Raum aufgegeben und verfolgt freie Projekte. Suti hat nach 25 Jahren aus Altersgründen aufgehört. Viele Galerien im Verein sind schon sehr lange im Geschäft. Es mangelt leider an Nachwuchs. Die «jüngste» Galerie ist Annex14, aber die ist auch schon seit fünf Jahren im Geschäft.

Hat die Wirtschaftskrise sich aufs Berner Kunstgeschäft ausgewirkt?

In Zürich hat sich die Krise deutlicher ausgewirkt. Als die Finanzdienstleister keine oder nur noch geringe Boni auszahlten, blieben in mittelpreisigen Galerien mit Werken von 50 000 bis 100 000 Franken die Kunden aus. Auch Firmen, die gerade Mitarbeiter entlassen hatten, verzichteten aus Prestigegründen auf Kunstankäufe. In Bern gibt es diese Kunden fast nicht. Hier gibt es aber tolle Sammler, die immer schon überlegter und auch zurückhaltender kauften. Aber auch wir haben die Krise natürlich gespürt.

Bewegen sich Berner Galerien auch in diesem Preissegment?

Nein, sie liegen, mit wenigen Ausnahmen, deutlich darunter.

Wie ist das Verhältnis der Berner Galerien zu den Berner Kunsthäusern?

Im Moment gibt es einen guten Austausch und in den leitenden Positionen Menschen, die sehen, dass Galeristen für einen Kunststandort sehr wichtig sind. Natürlich könnte man in Sachen Standortmarketing noch enger zusammenarbeiten. Unseren neuen, vierteljährlich erscheinenden Flyer mit den Ausstellungen fanden die Museen auf jeden Fall eine gute Idee, und sie machten auch gleich mit.

Was denken Sie über den Entscheid gegen das geplante Museum für Gegenwartskunst?

Ich finde das natürlich sehr schade. Eine Institution, die sich ausschliesslich mit der Gegenwart befasst, hätte sich auch positiv auf die Galerien ausgewirkt. Auf der anderen Seite wäre es natürlich unsinnig, ein Projekt zu verwirklichen, bei dem die Baukosten so hoch sind, dass hinterher am Ausstellungsbudget gespart werden müsste.

Ihre Galerie zieht im August in den Progr um.

Ich habe beim Stiftungsrat die Idee angeregt, das Erdgeschoss im Progr könnte so etwas werden wie das Löwenbräu-Areal in Zürich, das Kunsthalle, Migros-Museum und Galerien beherbergt. Neben meiner Galerie werden die Galerien Krethlow und Annex14 gemeinsam einen Projektraum bespielen. Daneben wird es öffentlich verwaltete Räume geben: eine Nachfolgerin der Stadtgalerie, ein Kuratoren-Projekt, ein Artist-in-Residence-Projekt. Auch das Kunstmuseum überlegt sich, wie es im Progr präsent sein könnte. Dass sogar die eigentliche «Produktion» mit den Künstlerateliers in den Obergeschossen auch noch präsent ist, macht das Projekt wirklich einmalig. Das wird tolle Synergien ermöglichen – und fürs Publikum äusserst attraktiv sein. (Der Bund)

Erstellt: 15.01.2010, 14:19 Uhr

KOMMENTAR SCHREIBEN







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

1 KOMMENTAR

Martin Locher

15.01.2010, 15:57 Uhr

Damit der Progr wie dass Löwenareal wird, müssten die Berner Galerien bedeutend einladender werden und meiner Meinung nach diesen elitär angehauchten Nimbus aufgeben. Ich kaufe meine Kunst (ca. 10-15'000 Fr. /Jahr) kaum mehr in Bern, da ich es satt habe, von schnöseligen Kunstgeschichtsstudenten und -studentinnen und unfreundlichen Galeristen und Galeristinnen abschätzig behandelt zu werden.



Jetzt gratis für alle «Bund»-Abonnenten

Abonnieren Sie den RSS-Feed

BLS

Emil Frey AG Autocenter Bern

«Bund»-Bilder der Woche (30)


Capital FM iApp

Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Jobsuche

Kaum wird irgendwo ein Job frei, ist er auf jobwinner.ch.

Weiterbildung

Finden Sie die passende Schule für Ihre Weiterbildung in Beruf und Freizeit.

Nachhaltig abnehmen

Der BodyCoach hilft Ihnen, gesund und nachhaltig abzunehmen. [Alt-Text]





© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten