Bern

Wie überlebt der «Bund» bis 2018?

Es gibt einige Anzeichen, dass der «Bund» künftig mit dem «Tages-Anzeiger» zusammenarbeiten wird. Tamedia-Konzernchef Martin Kall bestreitet jedoch, dass die Weichen bereits gestellt seien. Der Entscheid falle gegen Mitte Jahr.

Tamedia-Konzernchef Martin Kall an der gestrigen Jahresmedienkonferenz.

Tamedia-Konzernchef Martin Kall an der gestrigen Jahresmedienkonferenz.

Artikel zum Thema

Mit «Tages-Anzeiger» oder «Berner Zeitung»

Die Abonnentenzahlen und die Inserateeinnahmen der bezahlten Zeitungen sinken. Der Tamedia-Verlag sucht deshalb nach zukunftsträchtigen Modellen. Arbeitsgruppen arbeiten an drei Projekten:

«Tages-Anzeiger»: Gesucht wird ein neues publizistisches Konzept. Die Zeitung soll nur noch aus vier statt wie bisher sechs Bünden bestehen. Die Redaktion soll sich vermehrt um die Regionen kümmern. Es wird zu einem Stellenabbau in noch unbekannter Höhe kommen.

«Tages-Bund»: «Tages-Anzeiger» und «Bund» arbeiten eng zusammen. Der «Bund» übernimmt wesentliche Teile in den Ressorts Ausland, Inland, Wirtschaft, Kultur sowie Spezialseiten vom «Tages-Anzeiger». Das «Bund»-Lokalressort bleibt selbstständig. Es kommt beim «Bund» zu einem Stellenabbau in noch unbekannter Höhe. Vorteil dieser Lösung für die Leser: Sie haben in Bern weiterhin die Wahl zwischen zwei lokalen Tageszeitungen.

«BZ und Bund»: Die Redaktionen der «Berner Zeitung» und des «Bund» werden zusammengelegt. Sie produzieren eine gemeinsame neue Zeitung. Es kommt bei beiden Zeitungen zu einem Stellenabbau in unbekannter Höhe. Welche Redaktion wie betroffen wäre, ist offen. Vorteil dieser Lösung: Wenn die besten Teile und die besten Leute der beiden Zeitungen zusammengelegt werden, entsteht eine starke publizistische Stimme aus Bern. Nachteil: Es gibt in Zukunft in der Bundesstadt nur noch eine grosse lokale Tageszeitung.

Die Vorarbeiten wurden Mitte 2008 in Angriff genommen. Ende 2008 fällte der Verwaltungsrat den Entscheid, welche drei Projekte konkret weiterverfolgt werden.

Der Verwaltungsrat will bis Mitte 2009 sowohl über das neue Konzept für den «Tages-Anzeiger» als auch über die Zukunft des «Bund» entscheiden. Die Umsetzung ist für die zweite Jahreshälfte geplant. (-ll-)

«Bund»: Das Komitee «Rettet den ,Bund‘» hat in Bern bis heute bereits 14000 Unterschriften für den Erhalt dieser Zeitung gesammelt. Sind Sie von dieser grossen Zahl überrascht?

Martin Kall: Die Zahl ist gross, sie zeigt auch ein grosses Engagement für den «Bund». Ich hätte mir aber auch noch eine grössere Zahl vorstellen können. Die Aktion für den Erhalt von Radio Energy in Zürich hat über 100000 Unterschriften eingebracht. Das entspricht jedem zweiten Hörer. Von daher relativiert sich die Zahl. Aber sie zeigt, dass der «Bund» in Bern nach wie vor einen grossen Widerhall findet. Wir sind deshalb auch im Gespräch mit dem Komitee. Insbesondere sind wir jetzt gespannt, was es an konkreten Ideen gibt. Unsere Erwartung ist: nicht nur Solidarität zeigen, sondern auch Ideen entwickeln und Taten folgen lassen. Darüber werden wir das nächste Gespräch mit dem Komitee führen.

Falls das Komitee den Vorschlag macht, den «Bund» zu erwerben: Wäre die Tamedia zum Verkauf bereit?

Der «Bund» hat in 15 Jahren fünf verschiedene Verleger gehabt, darunter extrem starke Verleger wie Ringier und NZZ. Diese haben es alle nicht geschafft, den «Bund» nachhaltig erfolgreich zu gestalten. Der «Bund» kann nur gemeinsam mit der «Berner Zeitung» auf dem Inseratemarkt erfolgreich sein. Von daher sehen wir eine Verselbstständigung nicht als opportun an.

Die beiden neuen Chefredaktoren des «Tages-Anzeigers», Res Strehle und Markus Eisenhut, haben sich nach ihrer Wahl in Interviews starkgemacht für eine Zusammenarbeit zwischen dem «Tages-Anzeiger» und dem «Bund». Wissen die beiden mehr? Ist intern schon ein Vorentscheid für das Modell «Tages-Bund» und gegen eine Fusion von «Bund» und BZ gefallen?

Nein. Wir haben vor einer Woche die Chefredaktion für den «Tages-Anzeiger» gewählt, nicht die Chefredaktion für ein Projekt wie den «Tages-Bund». Das hat wenig miteinander zu tun. Aber sicherlich hat ein Punkt für die beiden gesprochen: Sie haben viel Erfahrung bei andern Medien gesammelt. Res Strehle zum Beispiel hat beim «Magazin» hervorragend mit der «Basler Zeitung» und der «Berner Zeitung» zusammengearbeitet. Markus Eisenhut weiss, wie die Zusammenarbeit bei der «Berner Zeitung» mit andern Zeitungen funktioniert . In Zukunft wollen wir, dass Kolleginnen und Kollegen mit Offenheit auf Dritte zugehen und sagen: Lasst uns zusammenarbeiten.

Der «Bund» wird in zehn Jahren einen weiteren Viertel seiner Leserschaft verlieren: Das steht in den Unterlagen, welche Sie den Journalisten an der Medienkonferenz der Tamedia abgegeben haben. Bedeutet diese düstere Prognose faktisch das Todesurteil für diese Traditionszeitung?

Nein. Das ist nichts anderes als die ehrliche Analyse, von welcher Basis wir auszugehen haben. Diese Prognose ergibt sich, wenn man erstens davon ausgeht, wer heute den «Bund» liest und altert, sowie zweitens annimmt, dass die Altersgruppen in den nächsten zehn Jahren das gleiche Leseverhalten zeigen werden wie heute. Das ist die optimistischste Annahme, die man treffen kann: Sie geht davon aus, dass ein 25-Jähriger in zehn Jahren genau so viel Zeitung lesen wird wie heute ein 25-Jähriger. Wenn man tiefer in die Altersstruktur blickt, sieht man, dass ältere langjährige «Bund»-Leser sterben und die Jüngeren den «Bund» viel weniger lesen. Wir wollen keine Entscheidung treffen für die nächsten sechs Monate, sondern eine längerfristige. Deshalb müssen wir solche Leserschaftsanalysen machen.

Sucht die Tamedia nach Gegenmassnahmen, um den Abwärtstrend bei den Leserzahlen zu brechen?

Natürlich haben wir Verleger auch einen Einfluss darauf, wie viele Menschen eine Zeitung lesen. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass wir die Altersstruktur der Bevölkerung und das Mediennutzungsverhalten nicht ändern können. Bisher hat es in Europa noch fast keine bezahlte Zeitung gegeben, welche ihre Nutzerzahlen nachweislich bei jüngeren Leserinnen und Lesern hätte steigern können. Wir machen zwar alle fantastische Projekte in den Schulen, aber diese haben nicht dazu geführt, dass Jüngere mehr lesen.

Welchen Einfluss hat der aktuelle Einbruch auf dem Inseratemarkt auf den Entscheid beim «Bund»?

Der Inserateeinbruch war von Anfang an ein Bestandteil unserer Analyse. Wir haben uns gesagt: Über zehn Jahre gibt es mindestens zwei schreckliche konjunkturelle Einbrüche. Den jetzigen ersten Einbruch hatten wir allerdings etwa ein Jahr später erwartet. Aber so gesehen hat die aktuelle Krise keinen Einfluss auf den Entscheid, denn damit mussten wir rechnen. Es wäre naiv, zu glauben, es gehe immer nur aufwärts. Es gehört zum Leben eines Verlags, dass es ein Auf und ein Ab gibt. Die Entscheidung über den «Bund» wird deshalb nicht aufgrund der Situation in den nächsten 18 Monaten fallen, sondern mit Blick auf die kommenden zehn Jahre.

Wann wird der Verwaltungsrat seinen Entscheid fällen?

Wir gehen von Ende des ersten Halbjahres 2009 aus. (Der Bund)

Erstellt: 09.04.2009, 09:23 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

2 Kommentare

Christoph Keller

11.04.2009, 13:04 Uhr
Melden

Ein oder zwei linksgrüne Parteiblätter weniger. Es hat ja noch genug davon. Antworten


Martine Huebli

09.04.2009, 10:58 Uhr
Melden

Wenn ich mir die Antworten von Herrn Kall so anhöre, gelange ich nicht unbedingt zum gleichen Schluss wie der Interviewer. Vielmehr scheint mir, Letzterer habe etwas Wunschdenken in seinen Artikel einfliessen lassen. Antworten