Bern

Wer den Fünfliber will, wird nass

Alle zwölf Sekunden prasselt in der Berner Münstergasse Wasser auf die Strasse – und auf die Köpfe derer, die nicht achtgeben. Zu lesen in der neuen Folge der «Bund»-Serie «Bern»-Ding.

Das Fünffrankenstück ist nicht wegzukriegen. (vch)

Pffft – platsch. So tönt es fünf Mal pro Minute in der Berner Münstergasse, etwas oberhalb des Münsterplatzes. Manchmal entfällt das zweite Geräusch, und an seiner Stelle ist ein kurzer Aufschrei oder ein leises Fluchen zu vernehmen, meistens gefolgt von einem verdutzten Lachen. Dies ist immer dann der Fall, wenn jemand zum richtigen Zeitpunkt auf der Höhe der Hausnummer 39 durch die Gasse schlendert oder sich nach dem Fünffrankenstück am Boden bückt. Dann nämlich klatscht das Wasser, das für die Geräusche verantwortlich ist, nicht auf das Kopfsteinpflaster, sondern trifft auf den Kopf, den Hut oder die Kleidung der Passanten. Doch woher stammt das kühle Nass, das schon so manche und manchen zuerst düpiert und danach belustigt hat?

Diese Frage wird täglich hundertfach gestellt. Es ist ein grosses Vergnügen, die Fragenden bei der Suche nach der Antwort zu beobachten. Denn selten ist die dem Menschen eigene Fähigkeit, von einer bekannten Wirkung auf eine unbekannte Ursache zu schliessen, so hautnah und direkt erlebbar. In der Regel läuft der Prozess wie folgt ab: Zuerst fallen die Blicke auf den Boden. Die Erkenntnis, dass hier bereits eine grössere Menge Wasser eine Pfütze gebildet hat, wird kombiniert mit dem Wissen um das Gesetz der Schwerkraft. Die Köpfe heben sich. Gesucht wird nun nach einem offenen Fenster, hinter welchem sich ein Lausebengel mit einer Wasserpistole versteckt. Oder nach einer klitzekleinen Regenwolke am Himmel. Oder nach irgendeinem Objekt, das leckt.

Lösung dank Gehör

Pffft. Es sind die Ohren, die die Suchenden auf die richtige Spur bringen. Die Augen folgen der Information des Gehörsinns, der ortet, aus welcher Richtung das Geräusch kommt. Und schon ist das schlangenähnliche Ding, das am Dachgiebel befestigt ist, erspäht. Beim nächsten «Sprutz» sind auch die letzten Zweifel aus dem Weg geräumt, der Dachspeier ist entlarvt. Erleichtert, nicht von etwas Ekligem getroffen worden zu sein, gehen die einen weiter. Andere versuchen, ihre Begleitung in die Falle zu locken. Und die Kinder lassen sich bei warmem Wetter genüsslich verregnen.

Der Erschaffer des Dachspeiers heisst Luciano Andreani. Der Berner Künstler hat beispielsweise auch die Skulptur Kopflos entworfen, die nach langen Jahren auf dem Bahnhofplatz heute auf dem Casinoplatz steht. Der Dachspeier sei «ein bisschen frech», sagt Andreani, «so wie ich selber auch». Einen tieferen Sinn habe das Kunstwerk aber nicht. Es solle die Leute einfach zum Lachen bringen, dann sei das Ziel erreicht. «Es ist eine bubenstreichmässige Spielerei», sagt der Künstler. Von Schadenfreude gegenüber den Getroffenen könne nicht die Rede sein, denn: «Das bisschen Wasser richtet ja keinen Schaden an.» Der Dachspeier ist ein Unikat. Gerne würde er einen zweiten installieren, schmunzelt Andreani, über dem Eingang zum Bundeshaus etwa.

Locker, leicht, liebenswürdig

Verantwortlich dafür, dass der Wasserspeier in der Münstergasse hängt, ist Münstergassbewohner Martin Mühlethaler. Er hat das Kunstwerk 1993 erstanden und am Dachgiebel montiert. Noch heute schaue er den Folgen auf der Strasse gerne zu. «Es sind lockere, leichte, liebenswürdige Szenen. Das ist eine wertvolle Qualität», sagt Mühlethaler. Damit «etwas mehr läuft», habe er die «Sprutz»-Frequenz von ursprünglich 18 auf 12 Sekunden erhöht. Eine Bewilligung für den Dachspeier liegt bis heute nicht vor. Jedoch habe es auch nie eine Beschwerde gegeben, sagt er.

Vor einigen Jahren haben die gut befreundeten Mühlethaler und Andreani das Kunstwerk mit einem zweiten Element ergänzt. Sie haben zwei Fünffrankenstücke an Dübeln festgemacht und in den Boden geschraubt, exakt da, wo das Wasser auftrifft. Wer die Fünfliber vom Boden wegklauben will – viele haben es schon versucht, noch niemand hat es geschafft –, wird nass. Klaus Schädelins Buchfigur Eugen hätte seine wahre Freude an diesem Bern-Ding gehabt.

Die Serie «Bern-Ding» rückt Dinge ins Zentrum, die es nur in Bern gibt. Bisher erschienen: die farbigen Strassenschilder (17. 7.), das Caran-d’Ache-Schaufenster (22. 7.), die Schatz-Tafel in der Matte (24. 7.) und das Knechtenloch (28. 7.). (Der Bund)

Erstellt: 29.07.2010, 10:29 Uhr

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1 Kommentar

Andreas Baumann

29.07.2010, 13:26 Uhr
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Es sind lockere, leichte, liebenswürdige Szenen. Genau das ist es! Ich erfreue mich jeden Tag daran, den überraschten Menschen zuzuschauen. Genau wegen solchen Spielereien mag ich Bern so. Antworten



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