Wenn auf dem Friedhof nachts Lichter erscheinen
Von Matthias Ryffel. Aktualisiert am 01.07.2011 1 Kommentar
Exkursion auf den Friedhof Bremgarten
Eine weitere Exkursion findet am 7. Juli um 21.30 Uhr statt.
«Da, da ist eins!» Ein kleines Mädchen kauert im Halbdunkel am Rande eines Grabmales und winkt aufgeregt. Sein Blick liegt gebannt auf einem grünlich glimmenden Lichtpunkt, der wenige Zentimeter über dem Grab zu schweben scheint.
Wie immer in Juni- und Julinächten lässt sich auf dem Bremgarten-Friedhof zurzeit ein kleines, aber faszinierendes Naturschauspiel beobachten: Eine Kolonie von Glühwürmchen zaubert da und dort grüne Lichtpunkte zwischen Gräber und Hecken.
Thomas Hug, der Leiter des Bremgarten-Friedhofs, erwartet die Teilnehmer zum nächtlichen Rundgang. Zu zweien und zu dreien erscheinen sie am Eingang des Bremgarten-Friedhofs. Viele ältere Personen befinden sich unter ihnen, einige Kinder, zappelig an den Händen ihrer Eltern, aber auch junge Männer und Frauen. Bis es ihrer 50 sind, hat sich die Dämmerung schon der umliegenden Bäume bemächtigt. Ein leichter Nieselregen setzt ein.
Gemeinsam mit Peter Flück, dem administrativen Leiter der Anlagen, will Hug den Gottesacker von einer ungewöhnlichen Seite zeigen. Die 16 Hektaren des 1865 eröffneten Friedhofes hätten «zu Spitzenzeiten» 18 000 Gräber beherbergt, erzählt Hug. Heute seien es noch deren 6000. Von Einzelbestattungen sei man vermehrt zu Gemeinschaftsgräbern übergegangen. Was seither an Platz gewonnen wurde, habe man in «Matten» und Friedwald umgestaltet. Diese würden heute naturnah gepflegt und damit zum Lebensraum für Tiere – eben auch für Glühwürmchen.
Flück führt kurz in das Wesen des «Grossen Leuchtkäfers» ein, welcher auf dem Friedhof heimisch ist. Ein Raunen geht durch die Reihen, als er erzählt, wie die Larven der Glühwürmchen mit Vorliebe wesentlich grössere Nacktschnecken verspeisen. Die Schar lauscht aufmerksam den Ausführungen, während sie sich über das weitläufige Gelände bewegt. Im Hintergrund leuchten die Türme der nahen Kehrichtverbrennungsanlage.
Leuchten bis in den Tod
Am ersten der «üblichen Fundorte» werden die Teilnehmer aufgefordert auszuschwärmen. Unter dem Erkundungstrieb scheinen die Grabstätten ihre beklemmende Wirkung zu verlieren, das gedämpfte Flüstern der Erwachsenen schwillt zu munteren Gesprächen an. Als ein Teilnehmer dann freudig den ersten Fund ausruft, ist der Bann gebrochen, und alles beugt sich tief über den glimmenden Punkt, der einsam auf dem Eck eines Grabhügels sitzt. Das Leuchten übernähmen bei dieser Gattung die weiblichen Exemplare, erklärt Flück. Nach bis zu drei Jahren als Larven würden die Glühwürmchen schlüpfen, um sich zu paaren. Während zweier Wochen wüssten die Weibchen dann «nichts Besseres, als zu leuchten». So würden sie den Männchen Paarungsbereitschaft signalisieren, die sich dann aus dem Flug auf ihnen niederlassen. Wenn sie dabei Erfolg haben und die Weibchen ihre Eier legen können, stürben diese kurz darauf.
In dieser Nacht finden die Teilnehmer nur wenige Exemplare. Enttäuscht zeigen sie sich deshalb nicht. Sechs habe er bereits gesehen und eines davon als Einziger, meint ein älterer Herr schmunzelnd.Woher die Faszination für die Käfer wohl stammt? «Die lüchte haut so schön», bringt es ein Bub auf den Punkt. Das Leuchten ist denn auch aus wissenschaftlicher Sicht ein Phänomen. Bei der chemischen Reaktion, die auch als «kaltes Leuchten» bezeichnet wird, gehen nur gerade fünf Prozent der Energie in Form von Wärme verloren. Bei herkömmlichen Glühbirnen sind es 95 Prozent. (Der Bund)
Erstellt: 01.07.2011, 08:34 Uhr
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