Wenn Männer ungewollt im Rampenlicht stehen
Von Mireille Guggenbühler. Aktualisiert am 09.02.2011
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Sie sind eher selten und nun stehen sie plötzlich ganz ungewollt im Rampenlicht: Männer, die in Betreuungsberufen arbeiten – als Behindertenbetreuer, Sozialpädagogen oder Kindererzieher. Die Missbrauchsfälle in Berner Heimen durch einen Behindertenbetreuer machen es für Männer in diesen Berufen nicht einfacher. Könnte man meinen.
Heinz Salzmann ist Direktor der Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule BFF Bern, an der unter anderem künftige Fachmänner für Kinderbetreuung oder Behindertenbetreuung ausgebildet werden, diplomierte Sozialpädagogen und Kindererzieher HF. Dass man die männlichen Auszubildenden der verschiedenen Ausbildungsgänge aufgrund der Missbrauchsfälle nun unter einen Generalverdacht stellen würde, hat Salzmann nicht festgestellt. Zum Glück, wie er sagt. Denn: «Wir brauchen Männer.» Der Anteil der Männer, die sich zum Fachmann Kinder- oder Behindertenbetreuung ausbilden lassen, liegt unter zehn Prozent. In der Sozialpädagogik ist er höher: 25 Prozent der Studierenden sind Männer. Der tiefe Einstiegslohn, «der die Ernährung einer Familie kaum zulässt», ist laut Salzmann einer der Hauptgründe, weshalb sich Männer für andere Berufe entscheiden würden.
Dabei könnten Betreuungsinstitutionen mit einem hohen Männeranteil in der Gesellschaft durchaus punkten. Das zumindest hat Talin Stoffel festgestellt. Die Geschäftsleiterin des Verbandes der Kindertagesstätten Schweiz sagt, Kindertagesstätten, die Männer beschäftigten, seien sehr beliebt. «Die Männer werden sowohl von den Eltern und Kindern, aber auch von den Teamkolleginnen geschätzt.» Männer bringen andere Themen und Ideen mit und leben ein anderes Rollenbild vor – gerade für Buben könne dies für die Identitätsbildung wichtig sein.
Der ewige Verdacht
So gesucht Männer in Betreuungsberufen sind: Talin Stoffel hat auch festgestellt, dass «es natürlich auch immer wieder den Verdacht hintendran gibt». Den Verdacht, dass hinter einem Mann in einem Betreuungsberuf automatisch auch ein potenzieller Täter stecken könnte. «Die Institutionen müssen sich deshalb dem Thema stellen und den Alltag so organisieren, dass ein sexueller Übergriff möglichst nicht vorkommen kann.»
Auch Heinz Salzmann hat festgestellt, dass Männer in Betreuungsberufen «im gesellschaftlichen Kontext gefährdeter sind, als verdächtig zu gelten».
Ein seltenes Team
Reto Wynistorf ist Leiter der Kita Matte in Bern. In seinem Team arbeiten sieben männliche Erzieher. «Die Männer haben wir nicht angestellt, weil das als besonders cool gilt in der heutigen Zeit, sondern weil das für die Kinder und das Team gut ist.»
Weil Kindertagesstätten ganz anders organisiert sind als etwa Heime, ist Wynistorf überzeugt, dass Übergriffe kaum passieren könnten. «Bei uns ist ein Betreuer nie mit einem Kind alleine. Zudem sind wir nicht ein 24-Stunden-Betrieb, in welchem die Kinder über Nacht hierbleiben.» Und: Wenn die Kinder gewickelt werden, passiert dies nicht in einem geschlossenen Raum oder «hinter Vorhängen», wie Wynistorf sagt.
Bei der Anstellung müssen Betreuer, die von der Stadt Bern angestellt werden, zudem ein Formular unterschreiben, in welchem sie erklären, bisher keine strafbaren Handlungen gegen die sexuelle Integrität vorgenommen zu haben. «Das Thema Mann in der Betreuung ist ein Dauerthema – auch von der Elternseite her», sagt der Stadtberner Jugendamtsleiter Jürg Häberli. Und das nicht erst seit den nun aufgeflogenen Missbrauchsfällen. Häberli hat festgestellt, «dass viele Eltern generell gegenüber Männern in Betreuungsberufen skeptischer sind».
Nähe und Distanz – das Thema
Das weiss man auch an der BFF. Gerade deshalb ist das Thema Nähe und Distanz wichtig in der Ausbildung – vor allem auch in derjenigen der Männer. «Unsere Dozierenden betrachten dies mit unseren männlichen Auszubildenden sehr genau. Sie lernen, dass sie zurückhaltender sein müssen als die Frauen.» Generell werden aber alle künftigen Erzieherinnen und Pädagogen sensibilisiert und setzen sich mit einer breiten Themenpalette auseinander, die ein einziges Ziel hat: den Missbrauch zu verhindern oder, wenn der Fall dennoch auftritt, richtig zu handeln. (Der Bund)
Erstellt: 09.02.2011, 08:09 Uhr
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