Was Sie schon immer übers Wetter wissen wollten
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 28.10.2010
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Radio Energy Bern
Radio Energy Bern gehört zur französischen NRJ Group, dem grössten privaten Radiounternehmen Europas. NRJ verteilt Lizenzen nach dem Franchiseverfahren und hat Ableger in ganz Europa wie auch in Kanada und im Libanon. Gespielt wird vornehmlich Musik aus den Top 40 der Charts – Kernzielgruppe sind die 14- bis 29-Jährigen. In der Schweiz ist Energy in den Städten Zürich und Lausanne zu hören, in Bern sendet Energy seit dem 9. April auf der Frequenz 101,7 MHz, der ehemaligen Frequenz von Radio BE1. Testtag für den Selbstversuch war der Donnerstag, 21. Oktober.
Es war eine erstaunliche Renaissance des in der Schweiz bereits totgeweihten Radiosenders Energy. Lang und laut war letztes Jahr das Lamento, als die Station von Radio-Oberhaupt Moritz Leuenberger wegen Qualitätsbedenken aus dem Zürcher UKW-Netz verbannt werden sollte. Am allerlautesten lamentierten der bedrohte Energy-Zürich-Moderator Roman Kilchsperger und eine Handvoll Schweizer Popgrössen, die es ins Musikprogramm des Senders geschafft hatten. Das Ganze gipfelte im furchtbaren Erste-Hilfe-Schlager «Stahn uf», mit dem die Energy-Stars Baschi/Bligg/Ritschi und Konsorten die Öffentlichkeit aufzumischen trachteten. Als sich auch das Bundesverwaltungsgericht im September 2009 gegen Radio Energy aussprach, wurde von den Ringier-Medien von einem schwarzen Tag für die Schweizer Medienlandschaft gesprochen.
Doch dann ging alles ziemlich rassig: Ringier kaufte dem ehrenwerten Radio Monte Carlo die UKW-Frequenzen für Zürich ab und sendete munter weiter, und im April dieses Jahres wurde der Berner Lokalsender Radio BE1 von Radio Energy übernommen. Heute, nur vier Monate später, gilt der Sender mit täglich 109 000 Hörern als erfolgreichster Lokalsender Berns. Doch was hat er effektiv zu bieten? Was wäre der Schweiz verloren gegangen, hätte man ihn aus dem Äther bugsiert? Zeit für einen Selbstversuch. Einen Tag lang Radio Energy Bern – oder: das kritische Protokoll eines beschwerlichen Tages.
6.54 Uhr: Geweckt werde ich von Rihannas «Umbrella». Das ist ein bedingt origineller Start in den Tag. Doch immerhin macht im Anschluss daran Morgenmoderator Simon Moser keinen quasi-originellen Übergang von Rihannas Regenschirm aufs Wetter. Das ist ihm hoch anzurechnen. Doch Simon Moser nuschelt. Es klingt, als seien seine Gesichtsmuskeln noch nicht ganz wach.
7.00 Uhr: Die Nachrichten werden verlesen. Das Angebot ist noch dürftig: Top-Story ist eine «kaputte Spur» auf der Berner Stadttangente. Es könnte Stau geben – keine gewagte Prognose, denn Stau gibt es da jeden Morgen. Die Nachrichtenredaktion scheint noch nicht auf Volltouren zu funktionieren.
7:39 Uhr: Simon Moser artikuliert jetzt etwas deutlicher. Er kommt langsam auf Morgenmoderatoren-Betriebstemperatur und stellt sich tief schürfende Fragen: «Was tun, wenn der eigene Sohn nicht YB-Fan wird?» Eine Antwort darauf liefert er jedoch nicht. Moser wird sekundiert von der Moderatorin Monika Buser, die neben dem Verlesen des Wetters und der Staumeldungen mit eingeworfenen Interjektionen («yeah», «coool») auffällig wird. Bliggs Song «Chef» erlebt Radiopremiere. Es ist ein Lied, auf das die Welt nicht gewartet hat. Trotzdem hat man Bligg für die morgige Morgensendung ins Studio geladen. Frau Buser wird das Interview führen, weshalb sich Moser erkundigt, was sie ihn zu fragen gedenkt. Es wird kein gutes Interview geben: «Ich werde ihn fragen, ob der Bart auf seinem Plattencover echt ist, was Bligg im Ausgang macht und was er zu Bern meint», verrät Monika Buser.
7.48 Uhr: Moser berichtet von einer Studie, die besagt, dass 55 Prozent der Frauen ältere Männer begehren. «Es gibt also Hoffnung, dass wir es jungs Tübeli abkriegen», sagt Moser zu seinem Nachrichtenmann. Die Morgenshow von Simon Moser ist die erfolgreichste der Stadt Bern. Mir ist noch nicht ganz klar, warum.
8.09 Uhr: Offenbar hat es tatsächlich einen grösseren Stau gegeben. Autofahrer dürfen nun aus diesem anrufen und ihre Unzufriedenheit kundtun. Das Problem dabei: Autofahrer, die im Stau stecken, haben nicht viel Interessantes zu berichten. Das sogenannte Wissensquiz namens «Alle gegen Moser» wird angekündigt. Moser verliert, weil er nicht weiss, wie der Fischergruss geht. Er spielt schlechte Laune, weil er von einer Frau geschlagen wurde.
Auch wenn man davon bewusst gar nicht viel mitkriegt: Der grösste Teil von Radio Energy besteht aus Musik. Diese überzüchtete Popmusik, die es merklich darauf angelegt hat, im Radio gespielt zu werden. Nach Angaben der Programmmacher soll sie eine jüngere Klientel ansprechen. Amy Macdonald folgt auf Mariah Carey, und circa alle zwei Stunden gibts Katy Perry, Lady Gaga und Christina Aguilera. Die Radio-Energy-Macher sind offenbar der Überzeugung, dass ihre junge Klientel nicht an musikalischen Entdeckungen interessiert ist. Aber was will man von einem Sender erwarten, der sich bei seiner Lancierung in Bern in einer Plakatkampagne damit brüstete, Hits von Robbie Williams und Lady Gaga spielen zu wollen. Ein Musikkonzept, das in seiner Einfallslosigkeit fast schon wieder überraschend anmutet.
8.52 Uhr: Es wird über Sex gesprochen auf Radio Energy. Das Quiz heisst «Bärchen und Hasi». Ein Berner wird gefragt, worin er im Bett besonders gut sei. Monika Buser quietscht vor Vergnügen. Der Hörer bezeichnet sich als einfühlsam. Auch nicht besonders originell.
9.25 Uhr: Pädu aus Grossaffoltern sucht eine Frau. Radio Energy will ihm eine vermitteln.
10.04 Uhr: Cornelia Marschall übernimmt das Mikrofon. Sie spricht als Erstes übers Wetter. Es ist kühl geworden. Und sie beginnt ihr Tagwerk mit dem künstlerisch wertlosen Duett zwischen Robbie Williams und Gary Barlow. Bis 10.23 Uhr meldet sie sich nicht mehr zu Wort, vergiftet aber das Klima mit überflüssiger und furchtbar schlecht komprimierter Allerweltspopmusik. Der Radiokompressor ist das digitale Händchen, dass die leisen Passagen eines Stücks lauter macht und die lauten Passagen digital zusammenstaucht. Bestenfalls merkt man davon nichts, bei Radio Energy Bern arbeitet es permanent im roten Bereich. Dass Frau Marschall nicht spricht, ist ein Radio-Energy-Programmpunkt. «5 am Stück» nennt sich das, fünf Hits ohne Moderationsunterbruch, und wird präsentiert von «ESL Sprachaufenthalte». Die Firma hat also ihre Portokasse geplündert, um sich nicht allzu sehr mit dem Gesprochenen der Conelia Marschall aufhalten zu müssen. Diese spricht immer noch vom Wetter. Sie sei heute Morgen um 7 Uhr auf den Balkon raus, und da sei Nebel gewesen. Kurze Zeit später sei der Nebel jedoch weg gewesen. Das ist nach fünf Hits Moderations-Bedenkzeit etwas mager. Um 10.30 Uhr erklärt uns die Wetterexpertin Cornelia Marschall den Herbst. Sie lässt uns wissen, dass da weniger die Sonne scheint und dass der Herbst eher als «depressive Jahreszeit» gilt. Vielleicht gibts ja bald wieder «5 am Stück».
10.35 Uhr: Ein Stück von Züri West wird gespielt. Es bleibt an diesem Tag der einzige musikalische Beitrag aus Bern.
12.00 Uhr: Radio Energy tut nun genau das, was alle werbefinanzierten Radios und erstaunlicherweise seit längerem auch DRS 3 tun: Es macht Radio, um bloss niemanden zu stören. Es folgen Eros Ramazzotti auf Bligg, Katy Perry auf Bryan Adams, und zwischendurch plaudert Cornelia Marschall über Belanglosigkeiten. Zwischen 11 und 12 Uhr hat sie dann doch einen Schwerpunktbeitrag durch den Äther gebracht – einen Bericht über die im Februar 2011 startende Casting-Sendung von Beni Thurnheer. Immerhin hat sich die News-Redaktion gesteigert. Nun gehts um administrative Unzulänglichkeiten im Militärdepartement, über den anstehenden YB-Match, übers ewige Gerüst am Berner Münster. Und über Cornelia Marschalls Lieblingsthema – das Wetter.
15.04 Uhr: Christoph Siegenthaler hat das Mikrofon übernommen. Er bringt neuen Zug ins Geschehen – doch neue Themen hat er nicht anzubieten: Er spricht über den YB-Match gegen Odense, behauptet, er würde uns in Sachen aktuelle Musik auf dem Laufenden halten, und startet dieses Unterfangen mit dem heillos abgefingerten «Waka Waka»-Fussball-WM-Song von Shakira. Radio Energy funktioniert jetzt nach dem Copy/Paste-Verfahren: Mitschnitte eines wenig aufschlussreichen Interviews mit Marco Wölfli werden circa zum zwanzigsten Mal wiederverwertet, ähnlich verhält es sich mit dem Filmtipp zu «Wall Street 2», der gar kein richtiger Tipp ist. Er endet mit dem etwas willkürlichen Satz: «Man kann den Film schauen gehen, wenn man will.»
15.39 Uhr: Es scheint, als habe Radio Energy Rechte am Stück «She Said» von Plan B gekauft. Der Song läuft im Stundentakt, unterbrochen von Marco Wölfli, Katy Perry und YB-Spiel-Vorgeplänkel. Ich entsinne mich an die Aussage von Stadtvater Alexander Tschäppät, die er bei der Lancierung von Radio Energy Bern getätigt hat – wohl in einer Mischung aus Wortjuxerei und dem vorauseilenden Willen, alles zu preisen, was dem Standort Bern nützen könnte: «Unsere Stadt ist schon lange voller Energy, darum wurde es höchste Zeit, dass nun auch das passende Radio dazukommt.» Beim Chronisten machen sich indes erhebliche Ermüdungserscheinungen bemerkbar.
16.38 Uhr: Es gibt einen Hinweis auf das Konzert von Anton Sword im Café Kairo. Zu diesem Zweck wird ein wenig sachdienliches Telefoninterview mit einem Café-Kairo-Mann geführt. Es geht um die Frage, wie ein Club in Bern es schafft, eine Band aus New York zu buchen. Wie Anton Sword klingt, erfährt der Zuhörer nicht. Vermutlich zu gewagt für das selbst ernannte «Weltstadtradio».
19.05 Uhr: Der YB-Match hat begonnen. «Mit Radio Energy bist du live dabei», wird behauptet. Wer von dieser Ankündigung eine richtige Liveübertragung erwartet, wird bald enttäuscht. Zwar ist ein Sportreporter im Stadion, doch der spricht zunächst bloss vom Wetter im Stade de Suisse. Vom 1:0 für YB darf er erst mit 10-minütiger Verspätung berichten. Dafür ist der Berner Erfolgs-DJ Christopher S. im Studio und erzählt, dass er auf dem Cover seiner neuen CD mit einem neuen Gesichtsausdruck zu sehen ist. Und dass ebendiese neue CD seine bisher beste sei, weil da nichts Neues drauf zu finden sei: «Von mir ist nichts Neues zu erwarten, ganz im positiven Sinne.» Obschon diese Einstellung zum Energy-Musikkonzept passen würde, darf Herr S. nur von seiner CD sprechen, zu hören gibts davon nichts.
19.30 Uhr: Nun gibts einen Live-DJ im Studio. Er heisst Marc Feldmann und spielt einen hübschen Remix von Feist. Dafür verpassen wir prompt das 2:0 im Stade de Suisse. Zur Feier des Moments gibts noch einmal Shakira mit «Waka Waka». Das ist zu viel fürs Nervenkostüm. Fernseher an. Radio weg. (Der Bund)
Erstellt: 28.10.2010, 13:47 Uhr
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