Bern

Was Bäuerinnen können, ist im Trend

Von Mireille Guggenbühler. Aktualisiert am 23.03.2010

Die Bäuerinnenschule ist in Mode: Immer mehr Frauen schätzen die Ausbildung für ihr Privatleben. So schliesst Pflegefachfrau Kathrin Kohler bald die Ausbildung zur Bäuerin ab, will aber nicht bauern.

Sie ist Intensivpflegefachfrau – und bald schon Bäuerin: Kathrin Kohler aus Oberdiessbach. (Adrian Moser)

Sie ist Intensivpflegefachfrau – und bald schon Bäuerin: Kathrin Kohler aus Oberdiessbach. (Adrian Moser)

Die Ausbildung

Die bäuerlich-hauswirtschaftliche Fachschule ist Teil der Ausbildung zur Bäuerin mit Fachausweis oder dient der «persönlichen Weiterbildung in zeitgemässer Hauswirtschaft», so der Beschrieb des Inforamas zur Bäuerinnenausbildung. Der Fächerkanon umfasst Gartenbau, Gesundheit und Soziales, Ernährung und Verpflegung, Rindviehhaltung, Textiles Gestalten, Milchverarbeitung, Familie und Gesellschaft, Direktvermarktung, Wäscheversorgung, Agrotourismus, Wohnen und Reinigungstechnik, Haushaltführung, Landwirtschaftliche Betriebslehre, landw. Buchhaltung und landw. Recht. Für den Abschluss Bäuerin mit Fachausweis müssen alle Pflichtmodule und zwei Wahlmodule mit Prüfung abgeschlossen werden. Das Angebot kann als Ganzes oder die Module können auch einzeln besucht werden. (gum)

Die Jacke fällt auf. Nicht wegen der Farbe. Und nicht wegen der Muster auf dem Stoff. Ist es der Schnitt? Sind es die Knöpfe? Weil sie wie angegossen sitzt? Kathrin Kohler lacht. «Die Jacke habe ich selber genäht», sagt sie und zeigt auf die Nähte. «Offenbar sieht man es nicht?» Nein, man sieht es nicht. Kathrin Kohler nimmt dann aus ihrer Tasche eine kleine Flasche und stellt sie auf den Tisch – es ist Lavendelwasser. Selbst gemacht, wie die Jacke. Sie gibt das Wasser jeweils ihrer Wäsche in der Maschine bei.

Von der Pflegerin zur Bäuerin

Jacke und Lavendelwasser sind nicht etwa das Resultat eines Hobby-Kurses. Kathrin Kohler ist Pflegefachfrau, mit Zusatzausbildung in Intensivpflege. Sie arbeitet Teilzeit im Dialysezentrum Thun – und schliesst nächstens die bäuerlich hauswirtschaftliche Fachschule am Inforama in Hondrich ab, die sie berufsbegleitend besucht. Die Jacke hat sie im Rahmen ihrer Ausbildung genäht. Destillieren war ebenfalls Ausbildungsthema. Nähen, sagt Kathrin Kohler, habe sie schon immer gut gekonnt. Destillieren hingegen war neu für sie – so neu wie etwa die Herstellung von Quark oder das Käsen eines Mutschlis. Beides, hat Kathrin Kohler gelernt, kann man mit wenig Aufwand in der eigenen Küche machen. Sie habe gestaunt, wie einfach das gehe, sagt Kohler.

Dabei will Kathrin Kohler gar nicht Bäuerin werden. Ihr Ehemann ist Unternehmer – Berührungspunkte zur Landwirtschaft hatte sie bis anhin kaum. Ihr Vater hatte einst zwei Kühe, als Hobby. In ihrer Nachbarschaft an ihrem Wohnort Oberdiessbach gibt es ein paar Höfe — das sind die bisher einzigen Bezugspunkt in Kathrin Kohlers Leben zur Landwirtschaft.

Die Selbstversorgung und damit verbunden auch die Pflege des eigenen Gartens waren jene Ausbildungsmodule, für die sich Kathrin Kohler vorab interessierte. «Ich dachte dann, es kann nicht schaden, auch etwas mehr über Hauswirtschaft im Allgemeinen zu erfahren», sagt sie. Schliesslich hat sie alle Ausbildungsmodule besucht – sogar jenes zur Betriebslehre.

Bäuerin werden ist beliebt

Mit ihrer Ausbildung liegt Kathrin Kohler im Trend. Immer mehr Frauen besuchen den Ausbildungsgang zur persönlichen Weiterbildung, ohne aber gleich den Fachausweis «Bäuerin» erwerben zu wollen. «Von 120 Frauen, die den Ausbildungsgang besuchen, legen 30 die Berufsprüfung ab», sagt Barbara Thörnblad, Fachbereichsleiterin Hauswirtschaft am Inforama. «Hauswirtschaftliche Kompetenzen sind in Mode», sagt Thörnblad. «Es ist wieder schick, sich ein Heim zu schaffen und Bescheid zu wissen darüber, wie das am besten geht», so Thörnblad. Was wie eine Rückbesinnung auf alte Werte tönt, hat ganz handfeste Vorzüge: Es gibt Studien, die einen direkten Zusammenhang zwischen der Führung eines Haushalts und der Führung eines Unternehmens aufzeigen. «Wenn man die eigene Wirtschaft im Haus nicht im Griff hat, dann wird es auch im grösseren Stil in der Weltwirtschaft nicht funktionieren», ist Thörnblad überzeugt.

Bäuerinnen kommen nicht darum herum, ihren eigenen Betrieb effizient zu führen: Nebst der Arbeit auf dem Hof müssen viele noch Kinder erziehen, den Haushalt und die Buchhaltung führen, Lehrlinge anweisen und Grosseltern versorgen – und vorab die jüngere Generation von Bäuerinnen zieht meistens noch ein Nebengeschäft im Zusammenhang mit dem Hof auf. Die Direktvermarktung der Hofprodukte beispielsweise.

Das dafür nötige Rüstzeug erhalten die Frauen in ihrer Ausbildung am Inforama: «In den meisten Modulen lernen die Frauen nebst den Arbeitstechniken auch, Aufwand und Ertrag zu optimieren», sagt Thörnblad. Oder anders ausgedrückt: «Wie mache ich etwas am rationellsten und erhalte trotzdem ein gutes Resultat?» An einem Beispiel gezeigt, heisst das etwa: Wie und mit was soll ich einen eigenen Garten bepflanzen, um damit eine Familie ernähren zu können, ohne für die Pflege Stunden aufwenden zu müssen?

Die effiziente Organisation des Alltags ohne Qualitätsverlust – das passt in die Zeit, in der Bioprodukte boomen und über die Hälfte aller Frauen mit Kindern berufstätig sind. «Zur Haushaltsführung habe ich mir früher nie gross Gedanken gemacht», sagt Kathrin Kohler, die auch Mutter eines Sohnes und Grossmutter eines Enkelkindes ist. Hätte sie die Ausbildung früher besucht, sie hätte sich zum Teil ganz anders organisiert, ist Kohler überzeugt.

Gesundes Menü aus dem Glas

Karotten, Tomaten und Gewürze aus dem eigenen Garten, das Fleisch vom Bauern aus dem Dorf bilden heute die Grundlage für ihre Sauce bolognaise, von der sie jeweils während der Erntezeit ein paar Liter vorkocht und hernach sterilisiert. Kommen ihr Mann und sie sehr spät von der Arbeit nach Hause, holt sie einfach ein Glas dieser selbst gemachten Sauce hervor. «Ich habe so ein schnelles, gesundes Menü gekocht und das erst noch mit Produkten, von denen ich weiss, woher sie kommen.»

Für den Trend, sich wieder vermehrt um das Führen der Wirtschaft im eigenen Haus zu kümmern, sich in das häusliche Privatleben zurückzuziehen und so viel wie möglich selber zu machen und zu gestalten, gibt es denn bereits auch schon einen Namen: Cocooning – sich verpuppen – nennen das Trendforscher. Cocooning lässt sich – wen wunderts – vorab in Krisenzeiten feststellen. Für Thörnblad ist dieser Zusammenhang leicht erklärbar. «Man besinnt sich in solchen Zeiten auf seine Wurzeln und fragt sich, woher man kommt. Die eigene kleine Welt will man wieder überschauen, verstehen und beeinflussen können. Das ist auch eine Form, der momentanen Weltwirtschaftslage zu begegnen.»

Kathrin Kohler öffnet noch einmal den Deckel des Lavendelwasserfläschchens. Das Wasser duftet nach Wärme und Sommer. Auf diese Jahreszeit freut sich Kathrin Kohler heuer ganz besonders: Es gibt doch einiges, das sie nach der Weiterbildung am Inforama – «der besten Weiterbildung, die ich jemals gemacht habe» – in ihrem Garten ausprobieren will. (Der Bund)

Erstellt: 23.03.2010, 07:44 Uhr

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