Bern

Vorzeigeschweizer auf Rädern

Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 04.10.2010

An der Fekker-Chilbi in Brienz haben sich am Wochenende die Schweizer Fahrenden grosse Mühe gegeben, sich als rechtschaffene Bürger zu präsentieren.

Franziska Kunfermann hat sich aus Liebe zu Jeremy Huber für ein Leben als Jenische entschieden. (Franziska Scheidegger)

Franziska Kunfermann hat sich aus Liebe zu Jeremy Huber für ein Leben als Jenische entschieden. (Franziska Scheidegger)

Ein Fahrender hatte eigentlich keinen Platz in den Zukunftsplänen von Franziska Kunfermann aus dem Dörfchen Zillis im Graubünden. Sie hatte vor, später die Hotelfachschule zu besuchen, und überhaupt – gerade 13 Jahre war sie alt, in ihrem Leben schien noch wenig vorbestimmt und vieles möglich. Sie sass mit ihrer Mutter in einem Restaurant beim Kaffee, als er zur Tür hereinkam: Jeremy Huber, 16 Jahre alt damals, kam gerade von der Jagd. Jeremy hatte keine Pläne, was er werden wollte, Jeremy war, was er ist: ein Jenischer. Einer von über 30 000 Jenischen in der Schweiz, einer von jenen wohl etwa 3000 bis 5000, die noch heute fahrend leben. Sie spielten Dart zusammen, er liess sie gewinnen, sie verliebten sich.

Wagen statt Haus, Kind statt Beruf

Als Jeremy volljährig wurde und zu seinem eigenen Wohnwagen kam, zog Franziska zu ihm. Seither leben sie als Mann und Frau. Verheiratet sind sie nicht, aber bei den Jenischen gilt als Ehepaar, wer gemeinsam in einem Wohnwagen wohnt. Franziska ist heute 18 Jahre alt und in der jenischen Gemeinschaft akzeptiert. Sie hat die jenische Sprache gelernt, was eher aus Akzeptanz- als aus Verständigungsgründen nötig war – die Jenischen sprechen heute vorwiegend Deutsch untereinander. Der Traum, im Hotel zu arbeiten, ist heute keiner mehr. Dafür hat sie, die ohne Vater aufgewachsen ist, nun eine ganze Sippe als Familie. Sie hat auch kein Problem damit, dass sie in der Gemeinschaft als Frau eine Rolle einnimmt, die ein «Sesshafter» wohl als antiquiert brandmarken würde. Sie kümmert sich um den Haushalt, darum, dass der Wohnwagen sauber ist. Schon bald möchte sie Kinder, vier am liebsten. Benötigt ihr Mann bei der Arbeit Hilfe, springt Franziska ein. Doch Jeremy ist stolz, wenn er genug Geld nach Hause bringt, damit Franziska nicht arbeiten muss. «Eine Frau sollte eine Frau sein», sagt auch Daniel Huber, der 43-jährige Vater von Jeremy. Damit sein Sohn fähig ist, an wechselnden Orten für das Einkommen der Familie zu sorgen, hat er ihm so manches beigebracht. Er hat ihm das Messerschleifen und das Jagen gelehrt. Er hat ihn in den Antiquitätenhandel eingeführt, hat ihm gezeigt, worauf es beim Alteisenhandel ankommt und wie man mit dem Verkauf von Knoblauch Geld verdient. «Ein Jenischer hat viele Berufe», sagt Jeremys Vater.

Daniel Huber ist der Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse, der Dachorganisation der Jenischen in der Schweiz. Im Gespräch mit Gemeinden und Behörden kämpft er für die immer gleichen Anliegen: Er fordert mehr Durchgangsplätze für die Fahrenden und mehr Standplätze, auf denen sie überwintern können. Und er hat sich vorgenommen, gegen die Vorurteile anzukämpfen, die er bei den Sesshaften gegenüber den Fahrenden ortet. Die Fekker-Chilbi in Brienz bietet ihm und seinen Radgenossen einen idealen Rahmen dafür.

In Brienz Vorurteile bekämpfen

Die Ursprünge des jährlichen Treffens der Jenischen gehen wohl auf das 16. Jahrhundert zurück. In den 1980er-Jahren wurde die Tradition wieder aufgenommen, und dieses Wochenende findet die Chilbi zum zweiten Mal in Folge in Brienz statt.

Besen und Handtücher, Bohrer, antike Möbel, Kuhglocken, Honig – verkauft wird alles, was einen Käufer finden könnte. Hier hört man die lüpfigen Töne eines Schwyzerörgelis, da wird exzellente Hirschwurst verkauft (geschossen wurde das Tier übrigens unlängst in den Bündner Wäldern von Jeremy). Ein ganz gewöhnlicher «Märit» freilich ist es nicht. Viele Frauen tragen opulenten, goldenen Schmuck, es wird laut gelacht und gerufen, es geht ausgelassener zu als an einem beliebigen Dorfmarkt. Doch die Frage, was die Jenischen von den Sesshaften unterscheidet, soll in Brienz nicht im Vordergrund stehen. Das merkt man sofort, wenn man mit den Menschen spricht, die all die Waren feilbieten. Alle betonen, wie schweizerisch sie lebten. Man lernt: Jenische besuchen das Militär. Jenische bezahlen Steuern, Jenische haben einen Gewerbeschein, Jenische sind ordnungsliebend und häuslich. Jenische schätzen die saubere Schweiz, Jenische sind Patrioten.

Schweizer, nicht Roma

Fragt man die Frauen und Männer nach ihrem Verhältnis zu den Roma, die derzeit überall in den Schlagzeilen sind, ist der Tenor stets folgender: Sie, die sich zum alteuropäischen Kulturkreis zählen, hätten nichts mit rumänischen oder bulgarischen Roma zu tun, mit «diesen Indianern», wie ein älterer Herr sagt. Sie empfänden es als ungerecht, wenn die negativen Schlagzeilen um Roma auf sie zurückfielen, wenn sie für den Müll und die Fäkalien verantwortlich gemacht würden, die Roma auf «ihren» Plätzen zurückliessen. Viele berichten davon, dass sie immer häufiger auf einen Durchgangsplatz kommen und dort Roma vorfinden. «Dann kann es schon zu Konflikten kommen», sagt Daniel Huber, der befürchtet, dass nun vermehrt Roma aus Frankreich in die Schweiz kommen werden und den hiesigen Jenischen die Plätze wegnehmen.

Und man lernt: Auch Fahrende operieren durchaus mit den Begriffen heimisch und fremd. Ein mehrfach gehörtes Argument: «Wir sind unbescholtene Schweizer Bürger, es kann nicht sein, dass uns Roma den Platz wegnehmen.» Auf keinen Fall könnten sie, die Jenischen, für Probleme mit den Roma verantwortlich gemacht werden. Einige betonen zwar auch, wie derzeit in Frankreich mit den Roma umgesprungen werde, fänden sie falsch. Doch gegen das Eigeninteresse kommt die Solidarität unter Fahrenden nicht an. Wie viele andere fordert auch Daniel Huber getrennte Plätze: Durchgangsplätze für Schweizer Fahrende, Transitplätze für Roma auf der Durchreise. (Der Bund)

Erstellt: 04.10.2010, 09:10 Uhr

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